Wiesen-Labkraut als Teil einer stillen Wiesenpflanze
Dieser Beitrag beleuchtet das Wiesen-Labkraut als Teil einer stillen, überlieferten Beziehung zwischen Mensch, Pflanze und Landschaft.
Wiesen-Labkraut als Teil gelebter Landschaft
Das Wiesen-Labkraut ist kein festgeschriebenes Lehrsystem, sondern ein Ergebnis jahrhundertelanger Nähe zwischen Mensch und Landschaft. Galium mollugo wuchs dort, wo Menschen regelmäßig waren: auf Wiesen, an Wegrändern, an Übergängen zwischen Nutzung und Natur. Genau in diesen Räumen entstand Wissen nicht durch Analyse, sondern durch wiederholte Erfahrung. Man sah die Pflanze jedes Jahr, man erkannte sie wieder, man wusste, dass sie „dazugehört“. So formte sich Wiesen-Labkraut ohne bewusste Reflexion, aber mit hoher Verlässlichkeit.
Dieses Wissen war nicht isoliert auf die Pflanze selbst gerichtet. Es war eingebettet in ein größeres Verständnis von Landschaft, Jahreslauf und Nutzung. Wiesen-Labkraut wurde nicht herausgelöst betrachtet, sondern als Teil eines funktionierenden Ganzen. Das Wissen bedeutete daher auch zu wissen, wann eine Wiese gemäht wird, wie sich Pflanzen nach der Nutzung verändern und welche Arten beständig wiederkehren. Die Pflanze war ein Orientierungspunkt, kein Studienobjekt.
Charakteristisch für Wiesen-Labkraut ist seine Unauffälligkeit. Es drängte sich nicht auf, musste nicht erklärt werden und war dennoch präsent. Gerade diese stille Form machte das Wissen tragfähig über Generationen hinweg. Solange Menschen in enger Beziehung zur Landschaft lebten, blieb auch das Wissen um das Wiesen-Labkraut erhalten – nicht als einzelnes Faktum, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags.
Wiesen-Labkraut und das Lernen durch Wiederkehr
Das Wiesen-Labkraut entstand nicht durch gezielte Unterweisung, sondern durch Wiederkehr. Jahr für Jahr erschien die Pflanze zur selben Zeit, am selben Ort, in ähnlicher Gestalt. Diese Verlässlichkeit machte sie zu einem festen Bestandteil der Wahrnehmung. Wissen bildete sich nicht aus Neugier, sondern aus Gewöhnung. Man lernte das Wiesen-Labkraut nicht aktiv kennen – man erkannte es wieder.
Gerade diese Form des Lernens unterscheidet getragenes Wissen von modernem Faktenwissen. Es ging nicht darum, Eigenschaften zu benennen oder Wirkstoffe zu kennen, sondern um ein stilles Vertrautsein. Wiesen-Labkraut bedeutete zu wissen, dass diese Pflanze Teil der Wiese ist, dass sie nichts verdrängt, nichts fordert und dennoch zuverlässig präsent bleibt. Dieses Wissen war stabil, weil es an Erfahrung gebunden war, nicht an Erklärungen.
Die Wiederholung im Jahreslauf sorgte dafür, dass das Wissen nicht verloren ging. Selbst wenn einzelne Generationen weniger bewusst damit umgingen, blieb die Pflanze sichtbar. Wiesen-Labkraut erneuerte sich durch bloßes Dasein. Es musste nicht erinnert werden – es war immer wieder vor Augen. In dieser beständigen Wiederkehr lag seine Stärke.
Auch soziale Weitergabe spielte eine Rolle, allerdings ohne formalen Rahmen. Kinder sahen Erwachsene auf der Wiese, bewegten sich durch dieselben Räume und übernahmen Wahrnehmungsmuster. Wiesen-Labkraut wurde nicht erklärt, sondern miterlebt. Diese Form der Weitergabe war leise, aber wirkungsvoll, weil sie an reale Orte und konkrete Erfahrungen gebunden blieb.
Das Wiesen-Labkraut ist eine Form von Alltagswissen, die ohne besondere Hervorhebung existierte. Galium mollugo war keine Pflanze, die gesucht oder besonders markiert wurde. Sie war einfach vorhanden. Gerade diese Selbstverständlichkeit machte das Wiesen-Labkraut so stabil, denn es musste weder erklärt noch verteidigt werden.
Im bäuerlichen und ländlichen Alltag gehörte das Wiesen-Labkraut zu den Pflanzen, die man kannte, ohne sie ständig zu benennen. Das Wissen zeigte sich darin, dass man wusste, wo die Pflanze wächst, wie sie aussieht und dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Dieses Wissen war nicht spektakulär, aber zuverlässig. Es war Teil eines Grundverständnisses von Landschaft.
Charakteristisch für das Wiesen-Labkraut ist seine Zweckoffenheit. Die Pflanze musste nicht zwingend genutzt werden, um bekannt zu sein. Allein ihre dauerhafte Präsenz reichte aus, um sie im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Wissen entstand hier nicht durch Nutzung allein, sondern durch wiederholte Wahrnehmung.
Das Wiesen-Labkraut war zudem nicht individuell, sondern gemeinschaftlich. Es gehörte nicht einer einzelnen Person, sondern allen, die sich regelmäßig in derselben Landschaft bewegten. Dadurch war dieses Wissen breit gestreut und kaum anfällig für Verlust, solange die Landschaft selbst erhalten blieb.
Wiesen-Labkraut und die Rolle der Unauffälligkeit
Das Wiesen-Labkraut ist eng mit der Unauffälligkeit der Pflanze verbunden. Galium mollugo drängt sich nicht in den Vordergrund, weder durch auffällige Blüten noch durch starken Duft. Genau diese Zurückhaltung machte das Wiesen-Labkraut dauerhaft tragfähig. Wissen, das nicht ständig Aufmerksamkeit verlangt, bleibt oft länger erhalten als solches, das spektakulär auftritt.
In traditionellen Landschaften war das Wiesen-Labkraut kein Anlass für besondere Maßnahmen. Man schützte es nicht gezielt, man bekämpfte es nicht. Das Wissen bestand darin, die Pflanze als selbstverständlichen Teil der Wiese zu akzeptieren. Diese Akzeptanz beruhte nicht auf Bewertung, sondern auf Erfahrung. Was sich über lange Zeit bewährt, wird nicht hinterfragt.
Das Wiesen-Labkraut zeigt, dass kulturelles Pflanzenwissen nicht zwangsläufig an intensive Nutzung gebunden ist. Auch Pflanzen ohne klare Hauptfunktion konnten Teil des Wissensbestands sein. Entscheidender war ihre konstante Präsenz und ihre Einbindung in vertraute Räume. So wurde das Wiesen-Labkraut zu einem stillen Orientierungspunkt innerhalb der Wiesenvegetation.
Auffällig ist zudem, dass das Wiesen-Labkraut kaum Konflikte erzeugte. Die Pflanze stand weder für Nutzen noch für Schaden, sondern für Kontinuität. Gerade dadurch konnte sie über Generationen hinweg wahrgenommen werden, ohne in Vergessenheit zu geraten. Das Wissen blieb leise, aber stabil – getragen von der Landschaft selbst.
Wiesen-Labkraut im Gefüge traditioneller Wiesen
Wiesen-Labkraut war nie eine Pflanze, die für sich allein stand. Es wuchs eingebettet in ein komplexes Gefüge aus Gräsern, Kräutern und anderen Wiesenpflanzen. Dieses Miteinander prägte auch das Wissen über die Pflanze. Man verstand sie nicht isoliert, sondern als Teil einer funktionierenden Fläche. Wer eine Wiese kannte, kannte auch das Wiesen-Labkraut – ohne es herauslösen zu müssen.
Dieses Wissen war an Nutzung gebunden. Wiesen wurden gemäht, beweidet oder zeitweise brachgelassen, und das Wiesen-Labkraut reagierte darauf. Über lange Zeiträume hinweg entstand ein feines Gespür dafür, welche Pflanzen sich unter welchen Bedingungen halten. Das Wiesen-Labkraut galt als Zeichen für eine Wiese, die weder übernutzt noch völlig sich selbst überlassen war.
Orientierung durch Pflanzenpräsenz
Pflanzen wie das Wiesen-Labkraut dienten der Orientierung, ohne bewusst als solche wahrgenommen zu werden. Ihre wiederkehrende Präsenz vermittelte Verlässlichkeit. Wenn eine Pflanze Jahr für Jahr am selben Ort erscheint, entsteht Vertrauen in die Landschaft. Diese Beständigkeit war besonders wichtig in einer Lebenswelt, die stark von natürlichen Schwankungen geprägt war.
Das Wissen um solche Pflanzen war daher nicht nur sachlich, sondern auch emotional verankert. Vertraute Pflanzen erzeugten Sicherheit. Das Wiesen-Labkraut gehörte zu diesen stillen Konstanten, die kaum Beachtung fanden, aber dennoch das Gefühl vermittelten, sich in einer bekannten Umgebung zu bewegen.
Keine Spezialisierung, sondern Verlässlichkeit
Im traditionellen Pflanzenwissen spielte nicht jede Pflanze eine herausragende Rolle. Viele Arten waren einfach vorhanden, ohne besondere Zuschreibung. Das Wiesen-Labkraut gehörte zu diesen Pflanzen. Es stand nicht für außergewöhnliche Heilwirkungen oder starke symbolische Bedeutungen, sondern für Verlässlichkeit und Unproblematisches.
Gerade diese Unspezialisiertheit machte die Pflanze tragfähig. Pflanzen ohne extreme Eigenschaften konnten kaum falsch eingeordnet oder übernutzt werden. Das trug dazu bei, dass sie über lange Zeiträume hinweg akzeptiert blieben. Das Wissen um das Wiesen-Labkraut war dadurch stabil und wenig anfällig für Moden oder Umdeutungen.
Wissen, das an Orte gebunden bleibt
Getragenes Wissen ist immer an konkrete Orte gebunden. Das gilt auch für das Wiesen-Labkraut. Man kannte die Pflanze nicht abstrakt, sondern in bestimmten Landschaften: in offenen Wiesen, an Rändern, in Übergangszonen. Veränderte sich dieser Raum, verschwand auch das Wissen.
Mit der Umgestaltung vieler Wiesen ging daher nicht nur biologische Vielfalt verloren, sondern auch Erfahrungswissen. Das Wiesen-Labkraut wurde seltener wahrgenommen, nicht weil es unbekannt war, sondern weil die Orte fehlten, an denen man ihm regelmäßig begegnete.
Wiedersehen statt Wiederentdecken
Heute begegnen viele Menschen dem Wiesen-Labkraut, ohne es benennen zu können. Dennoch wirkt es oft vertraut. Dieses Gefühl ist kein Zufall. Es verweist auf ein Wissen, das nicht vollständig verschwunden ist, sondern verschüttet. Die Pflanze wird nicht neu entdeckt, sondern wiedererkannt.
Diese Wiedererkennung ist ein möglicher Zugang zu getragenem Wissen. Sie zeigt, dass Wissen nicht immer bewusst abrufbar sein muss, um wirksam zu sein. Manchmal reicht es, einer vertrauten Erscheinung zu begegnen, um eine alte Verbindung wieder aufzunehmen.
Das Wiesen-Labkraut war selten Gegenstand gezielter Aufmerksamkeit, sondern Teil alltäglicher Bewegungen durch die Landschaft. Beim Gehen über Wiesen, beim Hüten von Tieren oder bei der Arbeit im Freien war die Pflanze einfach präsent. Dieses beiläufige Wahrnehmen prägte das Wissen über sie stärker als jede bewusste Beschäftigung. Man wusste, dass sie da ist, ohne ihr eine besondere Rolle zuzuweisen.
Gerade diese Einbettung in den Alltag machte das Wissen stabil. Pflanzen, die nur in speziellen Kontexten genutzt werden, können leicht in Vergessenheit geraten. Das Wiesen-Labkraut hingegen war an alltägliche Handlungen gekoppelt. Es begleitete Wege, Tätigkeiten und Jahreszeiten und blieb dadurch Teil des vertrauten Umfelds.
Zwischen Nutzen und Nicht-Nutzung
Das Wissen um das Wiesen-Labkraut bewegte sich in einem Zwischenraum. Die Pflanze war nicht nutzlos, aber auch nicht zwingend notwendig. Sie konnte verwendet werden, musste es aber nicht. Diese Offenheit schützte sie vor Übernutzung und vor dem Verlust an Bedeutung, der oft mit einseitiger Zweckbindung einhergeht.
In diesem Zwischenraum zeigt sich eine wichtige Eigenschaft getragenen Wissens. Es lässt Möglichkeiten offen, statt sie festzuschreiben. Das Wiesen-Labkraut wurde nicht auf eine einzige Funktion reduziert, sondern blieb Teil eines offenen Erfahrungshorizonts, der sich je nach Situation verändern konnte.
Wahrnehmung ohne Benennung
In vielen Fällen wurde das Wiesen-Labkraut erkannt, ohne beim Namen genannt zu werden. Das Wissen war bildhaft und ortsbezogen, nicht sprachlich fixiert. Man wusste, wie die Pflanze aussieht, wo sie wächst und wie sie sich verhält, ohne sie eindeutig zu benennen.
Diese Form des Wissens ist heute ungewohnt, war aber lange verbreitet. Sie zeigt, dass Wissen nicht zwangsläufig an Begriffe gebunden ist. Das Wiesen-Labkraut existierte im Gedächtnis als Erscheinung, nicht als Definition. Gerade dadurch konnte es über lange Zeiträume hinweg präsent bleiben.
Pflanzenwissen als Teil von Beziehung
Das Wissen um das Wiesen-Labkraut war keine abstrakte Kenntnis, sondern Teil einer Beziehung zur Umgebung. Diese Beziehung entstand durch wiederholten Kontakt und durch das Erleben von Veränderungen. Blüte, Wachstum und Rückzug der Pflanze wurden nicht analysiert, sondern miterlebt.
Solche Beziehungen erzeugen ein stilles Vertrauen in die Landschaft. Man weiß, was kommt, ohne es planen zu müssen. Das Wiesen-Labkraut trug zu diesem Vertrauen bei, indem es Beständigkeit signalisierte und damit Teil eines größeren Erfahrungszusammenhangs war.
Bedeutung in einer beschleunigten Gegenwart
In der heutigen, stark beschleunigten Welt wirkt diese Form von Wissen fremd. Pflanzen werden oft nur wahrgenommen, wenn sie genutzt oder kategorisiert werden. Das Wiesen-Labkraut erinnert an eine andere Haltung: an ein Wissen, das Zeit braucht und nicht ständig überprüft werden muss.
Wer sich heute wieder mit solchen Pflanzen beschäftigt, nähert sich nicht nur einer Art, sondern auch einer anderen Form des Wissens an. Das Wiesen-Labkraut kann so zum Ausgangspunkt werden, um über das Verhältnis von Mensch, Landschaft und Erfahrung neu nachzudenken.
Wiesen-Labkraut und das Gedächtnis der Landschaft
Landschaften speichern Erfahrungen, auch wenn sie nicht in Worten festgehalten werden. Pflanzen wie das Wiesen-Labkraut sind Teil dieses Gedächtnisses. Sie kehren zurück, solange die Bedingungen stimmen, und verschwinden, wenn sich Nutzung und Struktur verändern. Ihr Vorkommen erzählt damit etwas über die Geschichte eines Ortes.
Das Wissen um das Wiesen-Labkraut war eng mit diesem Landschaftsgedächtnis verbunden. Wer über Jahre dieselben Flächen nutzte, erkannte Veränderungen an der Zusammensetzung der Pflanzen. Das Erscheinen oder Verschwinden bestimmter Arten wurde nicht analysiert, aber wahrgenommen. So entstand ein feines Gespür für Kontinuität und Wandel.
Stille Pflanzen als Träger von Erfahrung
Nicht alle Pflanzen tragen Wissen durch besondere Wirkung oder symbolische Aufladung. Manche tun es durch ihre bloße Beständigkeit. Das Wiesen-Labkraut gehört zu diesen stillen Pflanzen. Es fordert keine Aufmerksamkeit, prägt aber dennoch die Wahrnehmung der Umgebung.
Diese Art von Wissen ist schwer zu vermitteln, weil sie nicht spektakulär ist. Sie entsteht aus Nähe, Wiederholung und Geduld. Das Wiesen-Labkraut war Teil einer Erfahrungswelt, in der Wissen nicht gesammelt, sondern gelebt wurde. Gerade darin liegt seine Bedeutung.
Übergangsräume als Wissensräume
Das Wiesen-Labkraut wächst häufig in Übergangsräumen: zwischen Wiese und Weg, zwischen Nutzung und Rückzug. Solche Orte sind besonders reich an Erfahrung, weil sie regelmäßig begangen, aber selten vollständig kontrolliert werden. Hier begegneten Menschen Pflanzen immer wieder, ohne sie gezielt zu formen.
Übergangsräume waren zentrale Wissensräume. Sie verbanden Arbeit und Bewegung, Alltag und Aufmerksamkeit. Das Wissen um Pflanzen wie das Wiesen-Labkraut entstand genau hier – dort, wo Menschen langsam gingen, innehielten oder wiederholt vorbeikamen.
Verlust von Nähe, Verlust von Wissen
Mit zunehmender Distanz zur Landschaft ging auch Wissen verloren. Wo Wiesen nur noch aus der Ferne wahrgenommen oder technisch bewirtschaftet werden, fehlt der Raum für Erfahrung. Das Wiesen-Labkraut verschwindet nicht zwingend vollständig, aber es verliert seine Bedeutung.
Dieser Verlust ist kein plötzlicher Bruch, sondern ein schleichender Prozess. Wissen wird nicht aktiv aufgegeben, sondern einfach nicht mehr erneuert. Ohne wiederholte Begegnung kann auch vertrautes Wissen verblassen. Das zeigt, wie eng Wissen und Nähe miteinander verbunden sind.
Langsame Annäherung als Möglichkeit
Trotzdem ist Wiederannäherung möglich. Wer sich Zeit nimmt, regelmäßig denselben Weg geht oder dieselbe Wiese beobachtet, beginnt wieder Muster zu erkennen. Pflanzen werden vertraut, auch ohne sofort benannt zu werden. Das Wiesen-Labkraut kann dabei eine der ersten Pflanzen sein, die wieder auffällt.
Diese langsame Annäherung entspricht der Logik getragenen Wissens. Sie setzt nicht auf schnelle Information, sondern auf Beziehung. In diesem Prozess wird Wissen nicht neu erfunden, sondern behutsam wieder aufgenommen.
Wiesen-Labkraut als Pflanze des Mitgehens
Das Wiesen-Labkraut ist keine Pflanze des Stehenbleibens. Man begegnet ihr im Vorübergehen, beim Gehen über Wiesen oder entlang von Wegen. Diese Form der Begegnung prägt auch das Wissen über sie. Es ist ein Wissen, das nicht fixiert, sondern begleitet. Die Pflanze wird nicht betrachtet, sondern mitgenommen – im Blick, im Gedächtnis, im Gefühl für den Ort.
Dieses Mitgehen erzeugt eine andere Art von Aufmerksamkeit. Man weiß, wo etwas wächst, ohne es bewusst zu suchen. Das Wiesen-Labkraut wurde Teil eines inneren Lageplans, der sich über Jahre hinweg formte. Wissen entstand hier nicht durch Analyse, sondern durch Bewegung.
Pflanzen als Zeichen von Gleichgewicht
In traditionellen Landschaften galten bestimmte Pflanzen als Zeichen dafür, dass ein Ort „stimmt“. Sie wiesen nicht auf Ertrag oder Nutzen hin, sondern auf Ausgeglichenheit. Das Wiesen-Labkraut gehörte zu diesen Pflanzen. Es zeigte an, dass eine Wiese weder überlastet noch verlassen war.
Solche Zeichen wurden nicht festgelegt, sondern gelesen. Das Lesen der Landschaft war Teil alltäglicher Erfahrung. Wer regelmäßig draußen war, entwickelte ein Gefühl dafür, welche Pflanzen zusammengehören. Das Wiesen-Labkraut war eines dieser stillen Zeichen, die Orientierung boten, ohne erklärt zu werden.
Wissen ohne Anspruch auf Vollständigkeit
Das Wissen um das Wiesen-Labkraut war nie vollständig im heutigen Sinne. Man kannte nicht alle Eigenschaften, nicht jede mögliche Nutzung. Aber das war auch nicht nötig. Getragenes Wissen lebt nicht von Vollständigkeit, sondern von Angemessenheit. Es reicht, zu wissen, was im Alltag relevant ist.
Diese Offenheit machte das Wissen flexibel. Es konnte sich verändern, ohne zu zerbrechen. Neue Erfahrungen konnten hinzukommen, alte verschwinden. Das Wiesen-Labkraut blieb dabei ein vertrauter Bezugspunkt, auch wenn sich einzelne Bedeutungen verschoben.
Unsichtbare Grenzen zwischen Bekannt und Unbekannt
Nicht jede Pflanze einer Wiese war gleichermaßen vertraut. Einige blieben randständig oder wurden kaum beachtet. Das Wiesen-Labkraut hingegen überschritt diese unsichtbare Grenze zwischen Bekanntem und Unbekanntem. Es war vertraut genug, um nicht fremd zu wirken, aber unauffällig genug, um keine besondere Aufmerksamkeit zu fordern.
Diese Position machte es zu einem stabilen Bestandteil des Wissensraums. Pflanzen, die zu auffällig oder zu selten sind, können leicht herausfallen. Das Wiesen-Labkraut blieb, weil es weder das eine noch das andere war.
Wahrnehmung durch Nähe statt Benennung
Auch hier zeigte sich ein Grundprinzip getragenen Wissens: Nähe ersetzt Benennung. Man musste das Wiesen-Labkraut nicht beim Namen nennen, um es zu kennen. Entscheidend war die wiederholte Begegnung. Die Pflanze wurde Teil eines visuellen und räumlichen Gedächtnisses.
Dieses Wissen ist heute schwer zugänglich, weil es nicht in Listen oder Lexika passt. Es entsteht nur dort, wo Menschen sich regelmäßig im selben Raum bewegen. Das Wiesen-Labkraut verweist damit auf eine Wissensform, die an Lebensweise gebunden ist.
Wiesen-Labkraut und das Fortbestehen getragenen Wissens
Das Wiesen-Labkraut steht exemplarisch für eine Form von Wissen, die nicht gesammelt, sondern gelebt wurde. Es war Teil des Alltags, der Landschaft und der wiederkehrenden Erfahrungen, ohne je im Mittelpunkt zu stehen. Gerade diese Unauffälligkeit machte es zu einem verlässlichen Begleiter über lange Zeiträume hinweg. Wissen entstand hier nicht durch gezielte Aneignung, sondern durch Nähe, Wiederholung und Selbstverständlichkeit.
Getragenes Wissen zeigt sich am Wiesen-Labkraut als etwas, das an Orte, Rhythmen und Beziehungen gebunden ist. Es existiert nicht unabhängig von der Landschaft, sondern nur in Verbindung mit ihr. Verändert sich der Raum, verändert sich auch das Wissen. Bleibt die Beziehung bestehen, kann auch das Wissen weitergetragen werden – still, offen und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
In der heutigen Auseinandersetzung mit Pflanzen und Landschaften kann das Wiesen-Labkraut daran erinnern, dass Wissen nicht immer erklärungsbedürftig sein muss, um wirksam zu sein. Manches Wissen zeigt sich erst dort, wo man bereit ist, wieder hinzusehen, mitzuschreiten und Vertrautem Raum zu geben.
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Quellen
Die folgenden Quellen dienen als fachliche Grundlage für botanische Angaben, ökologische Einordnung und historisches Pflanzenwissen. Sie stützen den Text, ohne ihn auf reine Nutzung oder Pharmakologie zu reduzieren.
- FloraWeb – Daten und Informationen zu Wildpflanzen Deutschlands, Bundesamt für Naturschutz (BfN)
(Artporträt zu Galium mollugo, Verbreitung, Standortansprüche) - Oberdorfer, Erich: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete
(Ulmer Verlag)
(Einordnung des Wiesen-Labkrauts in Wiesen- und Saumgesellschaften) - Hegi, Gustav: Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band VI
(Begründet von G. Hegi, fortgeführt von mehreren Autoren)
(Klassisches Standardwerk zur mitteleuropäischen Flora) - Pfeifer, Rolf: Traditionelles Pflanzenwissen in Mitteleuropa
(zur Einbettung von Pflanzen in Alltags- und Erfahrungswissen) - BfN – Landschaftswandel und Biodiversität
(Zusammenhänge zwischen Nutzungsänderung, Wiesenrückgang und Wissensverlust)
