Bergelmir: 7 faszinierende Fakten zum Stammvater der Riesen

Bergelmir – Der Stammvater der Riesen in der nordischen Mythologie

Bergelmir als Nachkomme Ymirs

Bergelmir gehört zu den ältesten Gestalten der nordischen Mythologie und nimmt innerhalb der Überlieferungen über die Riesen eine besondere Stellung ein. Anders als bekannte Jötnar wie Þrymr, Hrungnir oder Útgarða-Loki erscheint er nicht als Gegner Thors und steht auch nicht im Mittelpunkt eines ausführlichen Abenteuers. Seine Bedeutung liegt vielmehr in seiner Abstammung und in seiner Stellung zwischen zwei Zeitaltern. Bergelmir gehört noch zur Generation der urzeitlichen Riesen, die unmittelbar mit Ymir verbunden ist, und zugleich wird er zum Ausgangspunkt für die späteren Riesengeschlechter. Dadurch verbindet seine Gestalt die chaotische Welt vor der Erschaffung des geordneten Kosmos mit jener Welt, in der Götter, Menschen und Riesen später miteinander leben und kämpfen.

Am Anfang dieser Abstammung steht Ymir. In den altnordischen Quellen wird dieses gewaltige Urwesen als Ursprung des Riesengeschlechts beschrieben. In der Völuspá und anderen Texten erscheint die Frühzeit als eine Phase, in der die bekannte Ordnung der Welt noch nicht existierte. Besonders ausführlich schildert Snorri Sturluson in seiner Prosa-Edda, wie Ymir in Ginnungagap entstand. Dort traf die eisige Kälte aus Niflheim auf die Hitze aus Muspelheim. Aus schmelzendem Reif entstanden Tropfen, aus denen sich schließlich Ymir bildete. Er war damit eines der ersten lebenden Wesen überhaupt und existierte lange bevor Midgard, Asgard oder Jötunheim ihre spätere Form erhielten.

Ymir wird in der poetischen Überlieferung auch Aurgelmir genannt. Die Gleichsetzung beider Namen ergibt sich besonders aus dem Vergleich der Lieder-Edda mit Snorris Darstellung. Für die Abstammung von Bergelmir ist diese Verbindung entscheidend, denn die Vafþrúðnismál nennt Aurgelmir an der Spitze einer frühen Riesengenealogie. Aus ihm geht Thrudgelmir hervor, und Thrudgelmir wiederum gilt als Vater Bergelmirs. Bergelmir ist damit nach dieser Überlieferung ein Enkel des Urwesens Ymir. Diese Abstammung macht ihn zu einem der ältesten namentlich bekannten Angehörigen des gesamten Riesengeschlechts.

Die Genealogie wird im Gedicht Vafþrúðnismál erwähnt, einem der bedeutenden Wissenslieder der Lieder-Edda. Dort tritt Odin zu einem Wettstreit mit dem weisen Riesen Vafþrúðnir an. Beide prüfen einander mit Fragen über die Vergangenheit und Zukunft der Welt. Dabei geht es um die Herkunft der Himmelskörper, die Entstehung der Götter, die kommenden Ereignisse von Ragnarök und ebenso um die älteste Geschichte der Riesen. Odin fragt nach dem frühesten Wissen des Riesengeschlechts. Vafþrúðnir nennt daraufhin Aurgelmir und führt die Abstammung über Thrudgelmir bis zu Bergelmir zurück.

Gerade dieser Zusammenhang ist wichtig, weil die Genealogie nicht als beiläufige Familiengeschichte erscheint. Sie gehört zu einem Wissenswettstreit über die tiefsten Geheimnisse der Welt. Die Herkunft der Riesen wird damit als Bestandteil kosmologischen Wissens behandelt. Bergelmir steht innerhalb dieser Vorstellung nicht einfach für irgendeinen frühen Riesen. Seine Abstammung führt unmittelbar zum Ursprung der Jötnar zurück und reicht damit bis in eine Zeit vor der Erschaffung der heutigen Weltordnung.

Über Thrudgelmir, den Vater von Bergelmir, wissen die erhaltenen Quellen nur sehr wenig. Er wird in der Vafþrúðnismál als Nachkomme Aurgelmirs genannt und durch eine ungewöhnliche körperliche Eigenschaft beschrieben. Diese Einzelheit zeigt vor allem, wie fremdartig die Wesen der ältesten Schöpfungsphase gedacht wurden. Die ersten Riesen waren noch nicht unbedingt mit den späteren menschenähnlichen Gestalten gleichzusetzen. Sie gehören zu einer ursprünglichen Welt, in der Körper, Fortpflanzung und Naturgesetze anders erscheinen können als innerhalb der später geschaffenen Ordnung.

Auch Ymir selbst bringt seine Nachkommen auf ungewöhnliche Weise hervor. Während er schläft, entstehen unter seinen Armen männliche und weibliche Wesen, und aus seinen Beinen geht ein weiterer Nachkomme hervor. Diese Vorstellung unterscheidet die ursprüngliche Riesengeneration deutlich von gewöhnlichen Familienbeziehungen. Erst innerhalb der späteren Genealogie nähert sich die Darstellung stärker den bekannten Abstammungsmustern an. Bergelmir steht deshalb gewissermaßen an einer Schwelle zwischen den fremdartigen Urwesen der Schöpfungszeit und den späteren Jötnar, die heiraten, Kinder haben und in Familienverbänden auftreten.

Für das Verständnis von Bergelmir ist wichtig, dass „Riese“ in den nordischen Quellen nicht einfach eine Beschreibung außergewöhnlicher Körpergröße bedeutet. Das altnordische Wort jötunn bezeichnet eine Gruppe von Wesen, die in einem komplexen Verhältnis zu den Göttern steht. Manche Jötnar sind gewaltige Gegner, andere gelten als besonders weise, und wieder andere treten als Vorfahren oder sogar Partner göttlicher Gestalten auf. Odin selbst besitzt über seine Mutter Bestla eine Verbindung zum Riesengeschlecht. Auch Thor und andere Götter haben Beziehungen zu Riesinnen. Die Grenze zwischen Göttern und Riesen ist deshalb genealogisch weniger eindeutig, als moderne Darstellungen manchmal vermuten lassen.

Bergelmir gehört jedoch zu einer besonders frühen Schicht dieser Überlieferung. Seine Nähe zu Ymir unterscheidet ihn von den zahlreichen Riesen späterer Erzählungen. Während diese bereits in einer geordneten Welt mit Bergen, Meeren, befestigten Wohnorten und klar voneinander abgegrenzten Bereichen auftreten, lebt Bergelmir zunächst noch in einer Welt, die unmittelbar aus dem ursprünglichen Chaos hervorgeht. Die heutige Erde ist noch nicht aus Ymirs Körper geschaffen, der Himmel noch nicht aus seinem Schädel gebildet und das Meer noch nicht aus seinem Blut entstanden.

Diese zeitliche Einordnung macht Bergelmir für den Schöpfungsmythos besonders interessant. Seine Geschichte beginnt vor dem entscheidenden Bruch, durch den die alte Welt endet und die neue Welt entsteht. Dieser Bruch wird durch den Tod Ymirs ausgelöst. Odin und seine Brüder Vili und Vé töten das Urwesen und verwenden seinen Körper anschließend zur Gestaltung des Kosmos. Für die Götter ist dieser Vorgang der Beginn einer neuen Ordnung. Für die Nachkommen Ymirs bedeutet er dagegen beinahe die vollständige Vernichtung ihres bisherigen Geschlechts.

Damit erhält die Abstammung von Bergelmir eine zusätzliche Bedeutung. Er ist nicht nur Enkel des getöteten Urwesens, sondern gehört selbst zu jenem Geschlecht, das von der Gewalt der neuen Götterordnung betroffen ist. Aus der Perspektive des Schöpfungsmythos entsteht die Welt durch die Zerstörung eines älteren Wesens. Was für die Götter Schöpfung ist, ist für die frühesten Riesen zugleich eine Katastrophe. Bergelmir steht genau zwischen diesen beiden Sichtweisen.

Seine enge Verbindung zu Ymir erklärt auch, warum seine spätere Rettung für die Überlieferung so entscheidend wird. Als das Blut Ymirs die ursprünglichen Riesen erfasst, überlebt Bergelmir zusammen mit seiner Frau. Dadurch kann sich das Geschlecht fortsetzen. Die späteren Jötnar erscheinen deshalb nicht als völlig neue Wesen, die nach der Weltschöpfung entstanden sind. Ihre Abstammung reicht über Bergelmir, Thrudgelmir und Ymir bis in die früheste Phase der kosmischen Geschichte zurück.

Diese Vorstellung schafft eine genealogische Kontinuität zwischen dem ursprünglichen Chaos und der späteren Welt. Die Riesen sind in der nordischen Mythologie dadurch älter als die meisten Strukturen des geordneten Kosmos. Ihre Wurzeln reichen in eine Zeit zurück, in der weder Midgard noch Jötunheim existierten. Bergelmir verkörpert diese Kontinuität besonders deutlich, weil er die alte Generation überlebt und ihre Abstammung in die neue Welt hineinträgt.

Dabei sollte seine Rolle nicht mit der eines Herrschers oder Königs verwechselt werden. Die Quellen berichten nicht, dass Bergelmir über sämtliche Riesen regiert oder ein Reich gegründet habe. Auch große Kämpfe, besondere Waffen oder göttliche Fähigkeiten werden ihm nicht zugeschrieben. Seine Bedeutung entsteht allein durch seine Herkunft und sein Überleben. Gerade diese Zurückhaltung der Quellen unterscheidet die historische Überlieferung von späteren modernen Ausgestaltungen, in denen frühe mythologische Gestalten häufig mit zusätzlichen Eigenschaften versehen werden.

Die Stellung Bergelmirs zeigt zugleich, wie stark Abstammung in der nordischen Mythologie zur Erklärung der Welt genutzt wurde. Götter, Riesen und andere Wesen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sind durch genealogische Linien miteinander verbunden. Herkunft erklärt Zugehörigkeit, Beziehungen und teilweise auch Konflikte. Die Linie Ymir, Thrudgelmir und Bergelmir stellt dabei eine der ältesten ausdrücklich genannten Abstammungsfolgen dar.

Bergelmir ist deshalb weniger wegen einer Vielzahl eigener Geschichten bedeutend als wegen seines Platzes im Gesamtbild. Mit ihm besitzt das Riesengeschlecht eine Brücke über die gewaltige Zäsur des Todes Ymirs hinweg. Er gehört noch zur alten Welt und wird zugleich zum Vorfahren jener Wesen, die später immer wieder an den Grenzen der göttlichen Ordnung erscheinen. Seine Abstammung macht deutlich, dass die Riesen keine nachträglichen Eindringlinge im Kosmos sind. Sie stammen aus einer Zeit, die der von den Göttern geschaffenen Ordnung vorausgeht.

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung von Bergelmir innerhalb der nordischen Mythologie. Als Enkel Ymirs trägt er die älteste Abstammung der Jötnar weiter. Er steht nahe am Ursprung des Riesengeschlechts und erlebt gleichzeitig den Übergang in eine neue kosmische Ordnung. Während Ymir stirbt und sein Körper zur Welt wird, bleibt durch Bergelmir ein Teil seiner genealogischen Linie erhalten. Die späteren Riesengeschlechter werden dadurch mit jener urzeitlichen Welt verbunden, die bereits existierte, bevor Odin und seine Brüder den Kosmos in seine bekannte Form brachten.

Die Abstammung von Thrudgelmir

Die Abstammung von Bergelmir gehört zu den ältesten ausdrücklich genannten genealogischen Linien der nordischen Mythologie. Sie führt über seinen Vater Thrudgelmir unmittelbar zurück zu Aurgelmir, der gewöhnlich mit Ymir gleichgesetzt wird. Damit steht Bergelmir nur zwei Generationen vom ursprünglichen Riesen entfernt, aus dessen Körper nach der späteren Überlieferung die Welt geschaffen wurde. Diese kurze Abstammungslinie ist besonders wichtig, weil sie zeigt, dass die späteren Riesengeschlechter nicht unabhängig von der frühesten Schöpfungszeit entstanden. Über Thrudgelmir bleibt Bergelmir direkt mit jener ursprünglichen Generation verbunden, die bereits existierte, bevor die Götter die bekannte Ordnung des Kosmos errichteten.

Die wichtigste Quelle für diese Abstammung ist die Vafþrúðnismál der Lieder-Edda. Das Gedicht schildert den Wissenswettstreit zwischen Odin und dem weisen Riesen Vafþrúðnir. Odin tritt dabei unter einem anderen Namen auf und stellt seinem Gegenüber Fragen über die älteste Vergangenheit, die Entstehung der Welt und ihre Zukunft. Vafþrúðnir soll beweisen, dass sein berühmtes Wissen tatsächlich bis zu den Anfängen der kosmischen Geschichte reicht. In diesem Zusammenhang wird auch nach der Herkunft der ältesten Riesen gefragt. Gerade hier erscheinen Aurgelmir, Thrudgelmir und Bergelmir als aufeinanderfolgende Generationen.

Aurgelmir wird als der älteste der Riesen genannt. Aus ihm geht Thrudgelmir hervor, und Thrudgelmir wiederum ist der Vater von Bergelmir. Diese Genealogie ist bemerkenswert kurz und präzise. Die Überlieferung liefert keine ausführliche Familiengeschichte, sondern nennt nur die entscheidenden Glieder der Abstammung. Für Bergelmir bedeutet dies, dass seine Herkunft innerhalb der mythologischen Überlieferung ungewöhnlich weit zurückverfolgt werden kann. Bei vielen anderen Jötnar kennen wir zwar Eltern, Kinder oder einzelne Verwandtschaftsbeziehungen, doch nur wenige Linien reichen so unmittelbar bis an den Anfang der Welt zurück.

Über Thrudgelmir selbst wird deutlich weniger erzählt als über Ymir oder später über Bergelmir. Seine Bedeutung liegt fast vollständig in seiner Position innerhalb dieser Genealogie. Er verbindet die Generation des Urwesens mit jener Generation, die den großen Umbruch nach Ymirs Tod überlebt. Gerade deshalb sollte Thrudgelmir nicht als bedeutungslos angesehen werden. Ohne ihn wäre die überlieferte Abstammungslinie zwischen Aurgelmir und Bergelmir unterbrochen. Seine Rolle besteht darin, die biologische beziehungsweise mythologische Kontinuität des Riesengeschlechts sichtbar zu machen.

Besonders auffällig ist die Beschreibung seiner Entstehung. In der Vafþrúðnismál wird Thrudgelmir als ein Wesen bezeichnet, das aus Aurgelmir hervorgegangen ist und außergewöhnliche körperliche Merkmale besitzt. Die genaue Vorstellung dahinter ist für moderne Leser schwer zu erschließen, doch sie passt zu anderen Berichten über die ungewöhnliche Fortpflanzung der frühesten Riesen. Ymir bringt seine Nachkommen nicht auf dieselbe Weise hervor wie Menschen oder spätere mythologische Gestalten. Während er schläft, entstehen unter seinen Armen Wesen, und aus seinen Beinen geht ebenfalls ein Nachkomme hervor. Die früheste Generation folgt damit nicht den gewöhnlichen Regeln der späteren Welt.

Thrudgelmir gehört genau in diese fremdartige Schöpfungsphase. Er ist kein Riese, dessen Geschichte bereits in einer geordneten Landschaft mit Höfen, Hallen und abgegrenzten Reichen stattfindet. Sein Ursprung liegt noch in jener Zeit, in der die grundlegenden Strukturen des Kosmos nicht geschaffen worden sind. Diese Nähe zur ursprünglichen Welt überträgt sich genealogisch auf Bergelmir. Obwohl Bergelmir später als Überlebender einer Katastrophe in einer neuen Weltordnung erscheint, stammt er aus einer Familie, deren Wurzeln unmittelbar im kosmischen Anfang liegen.

Die Erwähnung Thrudgelmirs macht außerdem deutlich, dass die nordische Überlieferung zwischen verschiedenen Generationen der Riesen unterschied. Ymir beziehungsweise Aurgelmir ist nicht einfach einer unter vielen Jötnar. Er steht am Anfang. Thrudgelmir folgt als nächste Generation, danach erscheint Bergelmir. Erst nach dem großen Einschnitt durch den Tod Ymirs entstehen jene Riesengeschlechter, die in zahlreichen späteren Mythen den Göttern begegnen. Die Genealogie ordnet die Riesen damit zeitlich und verwandtschaftlich.

Für das Verständnis von Bergelmir ist diese Abstammung deshalb wichtiger als eine moderne Vorstellung von einem einfachen Stammbaum. Sie verbindet unterschiedliche Phasen der mythologischen Weltgeschichte. Aurgelmir gehört zur Entstehung des Lebens im ursprünglichen Raum. Thrudgelmir steht für die Fortsetzung dieser ersten Generation. Bergelmir wiederum wird zum Überlebenden des Untergangs, der viele Angehörige des alten Geschlechts vernichtet. In nur drei Namen wird damit eine Entwicklung vom Ursprung über die Fortpflanzung bis zum Übergang in eine neue Welt beschrieben.

Dabei gibt es in den Quellen keinen Hinweis darauf, dass Thrudgelmir ein Herrscher der Riesen gewesen wäre. Ebenso wenig wird berichtet, dass er besondere Taten vollbracht, gegen die Götter gekämpft oder bestimmte Gebiete beherrscht hätte. Seine mythologische Bedeutung sollte deshalb nicht durch spätere Vorstellungen erweitert werden. Er erscheint vor allem als Vater von Bergelmir und als Sohn beziehungsweise Nachkomme Aurgelmirs. Alles Weitere bleibt weitgehend offen.

Gerade diese Lücken zeigen einen wichtigen Unterschied zwischen der überlieferten nordischen Mythologie und modernen Fantasy-Welten. Die mittelalterlichen Quellen bieten kein vollständig ausgearbeitetes System, in dem jede Gestalt eine ausführliche Biografie besitzt. Manche Figuren erscheinen nur in wenigen Versen, und dennoch können diese wenigen Angaben für die Struktur des Mythos entscheidend sein. Thrudgelmir ist ein gutes Beispiel dafür. Sein Name wird selten genannt, doch ohne ihn wäre die Abstammung von Bergelmir zum Urwesen nicht in derselben Form überliefert.

Auch die Namensformen verdienen Beachtung. In modernen deutschen Texten wird häufig Thrudgelmir geschrieben, während wissenschaftliche Ausgaben die altnordische Form Þrúðgelmir verwenden können. Der Buchstabe Þ entspricht dem sogenannten Thorn und gibt einen Laut wieder, der im heutigen Deutschen kein direktes Gegenstück besitzt. Für die inhaltliche Einordnung ändert diese Schreibweise nichts. In beiden Fällen ist dieselbe Gestalt gemeint, die zwischen Aurgelmir und Bergelmir steht.

Die Verbindung von Aurgelmir und Ymir ist ebenfalls wichtig. In der Vafþrúðnismál wird der Name Aurgelmir verwendet, während Snorri Sturluson in seiner Darstellung des Schöpfungsmythos Ymir in den Mittelpunkt stellt und die Namen miteinander verbindet. Dadurch lässt sich die Genealogie der poetischen Überlieferung mit der bekannteren Erzählung über Ymir zusammenführen. Bergelmir wird somit zum Enkel jenes Urwesens, dessen Tod nach Snorris Darstellung die Grundlage für die Gestaltung der Welt bildet.

Diese Verbindung erklärt zugleich, warum Bergelmir nach der Tötung Ymirs eine so besondere Rolle erhält. Der Tod des Urwesens ist nicht nur ein kosmisches Ereignis, sondern betrifft seine eigenen Nachkommen unmittelbar. Wenn aus Ymirs Wunden so viel Blut strömt, dass die frühen Riesen darin umkommen, wird die bisherige genealogische Linie beinahe ausgelöscht. Gerade der Enkel des Urwesens überlebt jedoch. Dadurch bleibt die Abstammung über Thrudgelmir bestehen und kann in die nächste Phase der Weltgeschichte weitergeführt werden.

Die Erzählung gewinnt dadurch eine beinahe kreisförmige Struktur. Aus Aurgelmir beziehungsweise Ymir entsteht das erste Riesengeschlecht. Über Thrudgelmir führt diese Linie zu Bergelmir. Dann wird Ymir getötet, und das aus seinem Körper strömende Blut vernichtet einen großen Teil seiner eigenen Nachkommenschaft. Ausgerechnet Bergelmir, der genealogisch eng mit ihm verbunden ist, entkommt der Katastrophe und ermöglicht die Fortsetzung des Geschlechts. Ursprung, Vernichtung und Fortbestand liegen dadurch eng beieinander.

Interessant ist auch, dass die Abstammung von Bergelmir nicht einfach eine Trennung zwischen „Guten“ und „Bösen“ beschreibt. Die frühen Riesen werden nicht als eine moralisch verdorbene Familie vorgestellt, die aufgrund ihres Verhaltens vernichtet werden muss. Vielmehr gehört der Konflikt zwischen den verschiedenen Wesen zur Entstehung der kosmischen Ordnung. Ymir bildet das Material, aus dem die Welt geschaffen wird, während seine Nachkommen teilweise weiterexistieren. Bergelmir trägt diese ältere Linie in die spätere Welt hinein.

Dadurch erhalten die späteren Konflikte zwischen Göttern und Riesen eine tiefere Vorgeschichte. Die Jötnar, denen Thor und andere Götter begegnen, stammen nicht aus einer völlig fremden Welt, die irgendwann nachträglich neben Asgard entstanden wäre. Ihre genealogische Vergangenheit reicht über Bergelmir und Thrudgelmir bis zu einem Wesen zurück, das älter ist als die geordnete Welt selbst. Die Riesen gehören damit von Anfang an zur kosmischen Geschichte.

Die Abstammung macht gleichzeitig verständlich, warum Wissen über die frühesten Riesen im Wettstreit zwischen Odin und Vafþrúðnir eine wichtige Rolle spielt. Vafþrúðnir ist selbst ein Riese. Wenn er von Aurgelmir, Thrudgelmir und Bergelmir berichtet, spricht er über die älteste Vergangenheit seines eigenen Geschlechts. Sein Wissen ist dadurch nicht nur allgemeine Kosmologie, sondern auch Erinnerung an die Herkunft der Jötnar. Das Gedicht verbindet genealogisches Wissen mit der Frage, wer die tiefsten Geheimnisse der Welt kennt.

Bergelmir erhält innerhalb dieser Wissensüberlieferung deshalb eine doppelte Bedeutung. Er gehört einerseits zu den unmittelbaren Nachkommen des ersten Riesengeschlechts. Andererseits wird er zur entscheidenden Verbindung zu den späteren Generationen. Sein Vater Thrudgelmir steht genau zwischen diesen beiden Polen. Über ihn reicht die Abstammung zurück zum Ursprung, während sein Sohn die Linie über die große Katastrophe hinaus bewahrt.

Es wäre dennoch falsch, aus dieser Genealogie einen vollständig dokumentierten Stammbaum aller späteren Riesen abzuleiten. Die Quellen nennen nicht jede Generation und führen auch nicht sämtliche bekannten Jötnar ausdrücklich auf Bergelmir zurück. Die Aussage ist allgemeiner. Er wird mit der Fortsetzung des Riesengeschlechts verbunden, ohne dass die erhaltenen Texte anschließend jede einzelne Linie genealogisch nachvollziehen. Die Vorstellung von Bergelmir als frühem Stammvater beruht daher auf seiner herausgehobenen Stellung als Überlebender und auf der überlieferten Kontinuität des Geschlechts.

Die wenigen Angaben über Thrudgelmir sind gerade deshalb wertvoll. Sie verhindern, dass Bergelmir isoliert als zufälliger Überlebender erscheint. Er besitzt eine klar benannte Herkunft. Sein Vater verbindet ihn mit Aurgelmir, und damit reicht seine Abstammung unmittelbar in die früheste kosmische Vergangenheit. In einer Mythologie, in der Herkunft und Verwandtschaft immer wieder Beziehungen zwischen Göttern, Riesen und anderen Wesen erklären, ist diese genealogische Nähe von großer Bedeutung.

Thrudgelmir bleibt somit eine rätselhafte, nur schwach umrissene Gestalt. Seine wenigen Spuren in den Quellen reichen jedoch aus, um seine zentrale Funktion zu erkennen. Er bildet das mittlere Glied einer der ältesten Abstammungsreihen der nordischen Mythologie. Von Aurgelmir führt die Linie über ihn zu Bergelmir und von dort gedanklich weiter zu den späteren Riesengeschlechtern.

Gerade dadurch wird deutlich, weshalb die Herkunft von Bergelmir für seine gesamte mythologische Rolle entscheidend ist. Er ist nicht nur ein Riese, der eine außergewöhnliche Katastrophe übersteht. Er ist der Nachkomme einer uralten Linie, deren Ursprung bis zum ersten Riesengeschlecht zurückreicht. Thrudgelmir verbindet ihn unmittelbar mit Ymir und macht verständlich, warum sein Überleben für die Fortsetzung der Jötnar eine solche Bedeutung besitzt. Bergelmir trägt damit nicht nur sein eigenes Leben durch den Untergang der alten Welt, sondern zugleich die genealogische Verbindung zu einem Ursprung, der älter ist als die von den Göttern geschaffene Ordnung.

Bergelmir innerhalb des Riesengeschlechts

Bergelmir nimmt innerhalb des Riesengeschlechts der nordischen Mythologie eine ungewöhnliche Stellung ein. Er gehört weder zu den bekannteren Gegnern Thors noch zu jenen Riesen, die durch einzelne Abenteuer, Kämpfe oder Täuschungen berühmt wurden. Seine Bedeutung liegt vielmehr in seiner Stellung zwischen den ältesten Urwesen und den späteren Jötnar. Bergelmir steht genealogisch nahe bei Ymir und gehört zugleich zu jener Generation, durch die das Riesengeschlecht nach einer gewaltigen Katastrophe weiterbesteht. Damit verbindet seine Gestalt zwei sehr unterschiedliche Phasen der mythologischen Weltgeschichte.

Die frühesten Riesen unterscheiden sich deutlich von den Gestalten, die später in den bekannten Erzählungen auftreten. Ymir beziehungsweise Aurgelmir gehört noch zur ursprünglichen Schöpfungsphase. Er entsteht in Ginnungagap, bevor die Welt in ihrer späteren Form existiert. Sein Sohn oder Nachkomme Thrudgelmir gehört ebenfalls zu dieser urzeitlichen Generation. Bergelmir steht unmittelbar danach. Bereits diese kurze Abstammungsfolge macht deutlich, dass er zu den ältesten namentlich genannten Riesen gehört und nicht einfach als gewöhnlicher Bewohner Jötunheims verstanden werden sollte.

Die Bezeichnung „Riese“ kann dabei leicht zu Missverständnissen führen. Moderne Vorstellungen verbinden damit häufig besonders große menschenähnliche Wesen. In der altnordischen Mythologie bezeichnet der Begriff jötunn jedoch eine wesentlich vielfältigere Gruppe. Manche Jötnar sind gewaltige Kämpfer, andere erscheinen als weise Gestalten, Zauberkundige, Naturwesen oder Angehörige einflussreicher Familien. Ihre Körpergröße ist keineswegs immer das entscheidende Merkmal. Auch Bergelmir wird nicht deshalb bedeutsam, weil er besonders groß oder stark gewesen wäre. Die Quellen betonen vielmehr seine Herkunft und sein Überleben.

Innerhalb des Riesengeschlechts besitzt Bergelmir deshalb eine Stellung, die stärker genealogisch als persönlich geprägt ist. Über seinen Vater Thrudgelmir führt seine Linie unmittelbar zu Aurgelmir zurück. Dadurch gehört er zu einer Generation, deren Ursprung vor der eigentlichen Gestaltung der Welt liegt. Spätere Riesen wie Hrungnir, Þrymr oder Geirröðr treten bereits in einer Welt auf, in der Asgard, Midgard und die übrigen Bereiche des Kosmos existieren. Bergelmir hingegen stammt noch aus einer Zeit, in der diese Ordnung erst entstehen sollte.

Diese zeitliche Nähe zum Ursprung unterscheidet ihn auch von den meisten anderen namentlich bekannten Jötnar. Die späteren Riesen besitzen Wohnorte, Familienbeziehungen und häufig klar erkennbare Interessen. Sie können mit den Göttern verhandeln, sie herausfordern, mit ihnen verwandt sein oder sogar Beziehungen mit ihnen eingehen. Die älteste Riesengeneration dagegen gehört stärker zur kosmologischen Ebene. Ymir ist nicht einfach eine Person innerhalb der Welt, sondern sein Körper wird nach seinem Tod selbst zum Material der Welt. Bergelmir steht noch nahe genug an dieser Urzeit, um mit ihr unmittelbar verbunden zu sein, aber zugleich weit genug entfernt, um in die spätere Welt überzugehen.

Gerade dieser Übergang ist für seine Rolle entscheidend. Mit der Tötung Ymirs durch Odin und seine Brüder endet die ursprüngliche Phase der Weltgeschichte. Aus Ymirs Körper entstehen Erde, Meer, Himmel und weitere Bestandteile des Kosmos. Gleichzeitig wird das alte Riesengeschlecht von einer gewaltigen Flut aus Ymirs Blut getroffen. In dieser Katastrophe werden nach der Überlieferung zahlreiche Riesen vernichtet. Bergelmir und seine Frau überleben jedoch. Damit wird aus einem Angehörigen des alten Geschlechts ein Bindeglied zu den späteren Generationen.

Diese Funktion macht Bergelmir innerhalb des Riesengeschlechts zu einer Schlüsselfigur. Ohne sein Überleben müsste erklärt werden, wie nach der Vernichtung der frühen Riesen überhaupt noch Jötnar in der späteren Welt vorhanden sein konnten. Die Überlieferung löst dieses Problem, indem sie einen Überlebenden nennt. Durch Bergelmir bleibt die Linie erhalten, obwohl die vorherige Generation beinahe vollständig ausgelöscht wird. Er wird deshalb häufig als Stammvater der späteren Riesengeschlechter bezeichnet.

Dabei ist wichtig, diese Bezeichnung nicht zu stark auszudehnen. Die Quellen liefern keinen vollständigen Stammbaum, der sämtliche späteren Jötnar ausdrücklich auf Bergelmir zurückführt. Es gibt keine lange Liste seiner Kinder, Enkel und weiteren Nachkommen. Die Vorstellung von ihm als Stammvater ergibt sich aus seiner Rolle als Überlebender und aus der Aussage, dass sich von ihm beziehungsweise aus seiner Linie die Riesen weiter fortsetzen. Die mythologische Genealogie bleibt damit bewusst knapp.

Diese Knappheit entspricht der Art, wie viele Gestalten der nordischen Überlieferung dargestellt werden. Nicht jede wichtige Figur erhält eine ausführliche Lebensgeschichte. Manche Namen erscheinen nur in wenigen Versen, besitzen aber dennoch eine zentrale Funktion. Bergelmir ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Über seine Persönlichkeit wissen wir fast nichts. Seine Rolle als Kämpfer, Herrscher oder Ratgeber wird nicht beschrieben. Trotzdem ist seine Bedeutung für die Fortsetzung des Riesengeschlechts kaum zu übersehen.

Die späteren Jötnar bilden keine einheitliche Gemeinschaft mit einer zentralen Herrschaft. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Bergelmir nach seinem Überleben zum König aller Riesen wurde. Auch Jötunheim sollte nicht wie ein geschlossenes Reich mit einem einzigen Herrscher verstanden werden. Die Quellen zeigen vielmehr zahlreiche voneinander unabhängige Gestalten und Familien. Manche besitzen eigene Hallen oder Gebiete, andere leben in Bergen, Wäldern oder abgelegenen Regionen. Die Verbindung zwischen ihnen besteht stärker durch ihre Zugehörigkeit zum Riesengeschlecht und durch genealogische Beziehungen als durch eine gemeinsame politische Ordnung.

Deshalb sollte Bergelmir auch nicht mit einem Gründer eines Staates oder Reiches gleichgesetzt werden. Seine Rolle ist ursprünglicher. Er sorgt nicht durch Eroberung oder Herrschaft für den Fortbestand seines Geschlechts, sondern allein dadurch, dass er die Katastrophe überlebt. Diese Form der Bedeutung passt gut zur kosmologischen Ebene seiner Geschichte. Während andere Jötnar durch Handlungen bekannt werden, erhält Bergelmir seine Stellung durch Kontinuität.

Auch das Verhältnis zwischen Riesen und Göttern wird durch seine Geschichte verständlicher. Die Jötnar sind keine Wesen, die erst nach der Schöpfung der Welt auftauchen und die göttliche Ordnung von außen bedrohen. Ihre Abstammung reicht weiter zurück. Über Bergelmir und seine Vorfahren führt ihre Geschichte in eine Zeit, die älter ist als die von Odin und seinen Brüdern geschaffene Weltordnung. Die Riesen gehören damit nicht an den Rand der Mythologie, sondern zu ihren ältesten Bestandteilen.

Diese alte Herkunft erklärt teilweise auch die besondere Beziehung zwischen Göttern und Jötnar. Beide Gruppen sind nicht vollständig voneinander getrennt. Viele Götter besitzen riesische Vorfahren oder gehen Beziehungen mit Riesinnen ein. Odin selbst ist über seine Mutter Bestla mit dem Riesengeschlecht verbunden. Thor ist der Sohn der Erde Jörð, die je nach Einordnung ebenfalls Beziehungen zur Welt der Jötnar besitzt. Weitere Götter haben Kinder mit Riesinnen oder suchen deren Wissen. Die Vorstellung eines einfachen Gegensatzes zwischen guten Göttern und bösen Riesen wird den Quellen daher nicht gerecht.

Bergelmir steht am Beginn jener langen Geschichte von Nähe und Konflikt. Sein Geschlecht ist älter als die geordnete Welt, wird aber durch die Götter beinahe vernichtet. Trotzdem bleibt es bestehen und wird später zu einem dauerhaften Gegenüber der Asen. Manche Riesen bedrohen die göttliche Ordnung, andere tauschen Wissen mit den Göttern aus, und einige werden durch Heirat oder Abstammung sogar Teil göttlicher Familienlinien. Die Geschichte des Riesengeschlechts ist deshalb von Konkurrenz und Verwandtschaft zugleich geprägt.

Besonders deutlich wird dies beim weisen Vafþrúðnir. Er ist selbst ein Riese und besitzt ein Wissen über die älteste Geschichte des Kosmos, das selbst Odin herausfordert. Dass gerade ein Jötunn die Abstammung von Aurgelmir über Thrudgelmir bis zu Bergelmir kennt, zeigt, dass die Riesen nicht nur als körperliche Gegner dargestellt werden. Sie können Träger uralten Wissens sein. Ihre Erinnerung reicht in jene Zeit zurück, aus der auch Bergelmir stammt.

Damit bekommt seine Zugehörigkeit zum Riesengeschlecht eine weitere Bedeutung. Sie verbindet die Jötnar nicht nur genealogisch, sondern auch mit einer älteren Schicht kosmischen Wissens. Die Riesen erinnern an eine Welt, die vor der Ordnung der Götter existierte. Ihre Existenz macht deutlich, dass die von Odin und seinen Brüdern geschaffene Ordnung nicht der absolute Anfang ist. Vor ihr gab es bereits Leben, Abstammung und Wesen mit eigener Geschichte.

Bergelmir verkörpert diese Erinnerung besonders stark. Er stammt aus der alten Welt und überlebt ihren Untergang. Sein Leben überspannt damit symbolisch die Grenze zwischen zwei kosmischen Zeitaltern. Vor der Tötung Ymirs gehört er zum ursprünglichen Riesengeschlecht. Danach steht er am Anfang der Linie, die in der neu geschaffenen Welt weiterbesteht. Kaum eine andere Riesengestalt verbindet diese beiden Ebenen so unmittelbar.

Die spätere Bedeutung der Jötnar wird dadurch ebenfalls verständlicher. Sie sind nicht bloß Gegner, die immer wieder besiegt werden müssen. Sie verkörpern Kräfte und Abstammungen, die sich der vollständigen Kontrolle der Götter entziehen. Obwohl Odin und seine Brüder Ymir töten und aus seinem Körper die Welt schaffen, können sie dessen Geschlecht nicht völlig auslöschen. Mit Bergelmir bleibt ein Teil der alten Linie erhalten.

Dieser Fortbestand prägt letztlich die gesamte weitere Mythologie. Ohne das Riesengeschlecht wären viele der bekanntesten Erzählungen und Konflikte undenkbar. Thor würde nicht gegen Jötnar kämpfen, die Götter würden keine riesischen Gegner oder Verwandten besitzen, und selbst Ragnarök wäre in seiner überlieferten Form kaum vorstellbar. Die Existenz der späteren Riesen hängt damit erzählerisch an jener Kontinuität, die durch Bergelmir verkörpert wird.

Seine Stellung innerhalb des Riesengeschlechts ist deshalb trotz der wenigen überlieferten Einzelheiten außergewöhnlich. Bergelmir ist kein berühmter Krieger, kein Herrscher und kein großer Gegenspieler eines Gottes. Er steht vielmehr für das Weiterleben einer uralten Abstammung. Durch ihn reicht die Linie der Jötnar von der frühesten Schöpfungszeit bis in die Welt der späteren Mythen. Gerade diese Verbindung macht Bergelmir zu einer der wichtigsten, wenn auch oft übersehenen Gestalten in der Geschichte der nordischen Riesen.

Odin und seine Brüder töten Ymir

Der Tod Ymirs gehört zu den entscheidenden Wendepunkten der nordischen Schöpfungsüberlieferung. Mit ihm endet die ursprüngliche Phase des Kosmos, in der noch keine geordnete Welt mit Himmel, Erde und Meer existiert. Gleichzeitig beginnt eine neue Ordnung, die von Odin und seinen Brüdern geschaffen wird. Für Bergelmir besitzt dieses Ereignis eine besondere Bedeutung, denn mit dem Tod Ymirs wird nicht nur das Urwesen selbst vernichtet. Auch ein großer Teil seines Riesengeschlechts geht in der anschließenden Flut zugrunde. Bergelmir wird dadurch zu einem der wenigen Namen, die unmittelbar mit dem Übergang von der alten zur neuen Welt verbunden sind.

Ymir steht am Anfang dieser Entwicklung. Nach der Prosa-Edda entsteht er in Ginnungagap, dem gewaltigen Raum zwischen den ursprünglichen Bereichen Niflheim und Muspelheim. Aus der Begegnung von Kälte und Hitze bildet sich schmelzender Reif, aus dessen Tropfen schließlich das erste große Wesen hervorgeht. Ymir ist kein Gott im späteren Sinn und auch kein gewöhnlicher Riese. Er gehört einer ursprünglichen Stufe des Daseins an, in der die bekannten Grenzen und Ordnungen noch nicht bestehen. Aus ihm geht das erste Riesengeschlecht hervor, zu dessen späteren Nachkommen auch Bergelmir gehört.

Neben Ymir entsteht die Kuh Auðhumla, deren Milch dem Urwesen Nahrung bietet. Während sie salzhaltige Eisblöcke ableckt, kommt nach und nach Búri zum Vorschein. Búri gilt als Vorfahr der Götter. Sein Sohn Borr verbindet sich mit Bestla, einer Tochter des Riesen Bölþorn. Aus dieser Verbindung gehen Odin, Vili und Vé hervor. Schon hier zeigt die Überlieferung, dass Götter und Riesen genealogisch nicht vollkommen getrennte Gruppen darstellen. Die späteren Gegner besitzen verwandtschaftliche Verbindungen, die bis in die früheste Zeit zurückreichen.

Odin und seine Brüder wachsen damit in einer Welt auf, die bereits von Ymir und seinem Geschlecht geprägt ist. Die Quellen berichten jedoch nicht ausführlich, wie sich der Konflikt zwischen ihnen entwickelt. Es gibt keine lange Erzählung über einen Streit, keine überlieferte Schlacht mit einzelnen Szenen und keine ausführliche Begründung, warum Ymir sterben muss. Snorri Sturluson berichtet vergleichsweise knapp, dass die Söhne Borrs Ymir töten. Gerade diese Kürze sollte beachtet werden. Viele moderne Nacherzählungen ergänzen Motive oder dramatische Einzelheiten, die in den mittelalterlichen Quellen nicht ausdrücklich vorhanden sind.

Der Tod Ymirs ist dennoch von grundlegender Bedeutung. Odin, Vili und Vé beseitigen mit ihm das mächtige Urwesen, aus dem das frühe Riesengeschlecht hervorgegangen ist. Für Bergelmir bedeutet dieser Augenblick den Zusammenbruch der Welt seiner Vorfahren. Ymir ist sein Großvater beziehungsweise in der poetischen Überlieferung unter dem Namen Aurgelmir der Ursprung jener genealogischen Linie, die über Thrudgelmir zu Bergelmir führt. Wenn Odin und seine Brüder Ymir töten, greifen sie deshalb unmittelbar in die Abstammungsgeschichte der Riesen ein.

Der Mythos beschreibt den Tod Ymirs nicht als gewöhnlichen Tod eines einzelnen Wesens. Sein Körper besitzt kosmische Dimensionen. Nachdem Odin und seine Brüder ihn erschlagen haben, verwenden sie seine Bestandteile zur Gestaltung der Welt. Sein Fleisch wird zur Erde, sein Blut zum Meer, seine Knochen werden zu Bergen und seine Zähne beziehungsweise zerbrochenen Knochen zu Steinen und Felsen. Aus seinem Schädel entsteht der Himmel. Diese Vorstellung macht deutlich, dass Ymirs Vernichtung zugleich einen Schöpfungsakt ermöglicht.

Die Welt entsteht damit nicht aus dem Nichts. Die Götter formen sie aus einem bereits vorhandenen Wesen. Das ursprüngliche Leben wird zerlegt und in eine geordnete Umgebung verwandelt. Was zuvor Körper war, wird Landschaft. Was zuvor Blut war, wird Wasser. Diese Form der Schöpfung unterscheidet die nordische Überlieferung von Vorstellungen, in denen eine Gottheit allein durch Worte oder Gedanken eine Welt hervorbringt. Odin und seine Brüder wirken vielmehr als Gestalter eines vorhandenen kosmischen Materials.

Für das Riesengeschlecht ist derselbe Vorgang jedoch keine friedliche Schöpfung. Das Blut Ymirs wird zu einer tödlichen Flut. Nach Snorris Darstellung strömt es in so großer Menge aus dem getöteten Körper, dass nahezu das gesamte Geschlecht der Reifriesen darin untergeht. Bergelmir und seine Frau entkommen. Dadurch wird das Ereignis gleichzeitig zur Schöpfungsgeschichte und zur Katastrophenerzählung. Aus Sicht der Götter entsteht eine bewohnbare Ordnung, während aus Sicht der alten Riesen ihre bisherige Welt zusammenbricht.

Diese doppelte Bedeutung macht den Mythos besonders interessant. Odin und seine Brüder können nicht einfach als Helden betrachtet werden, die ein eindeutig böses Wesen besiegen. Ymir wird in den ältesten überlieferten Texten nicht mit einer ausführlichen Liste böser Taten beschrieben. Er gehört vielmehr zu einer ursprünglichen kosmischen Generation. Sein Tod ist notwendig für die Welt, wie sie anschließend existiert, doch für seine Nachkommen bedeutet er Vernichtung. Bergelmir steht genau an dieser Grenze zwischen beiden Seiten der Erzählung.

In der späteren nordischen Mythologie begegnen sich Götter und Riesen immer wieder als Gegner. Besonders Thor kämpft gegen zahlreiche Jötnar. Der Konflikt beginnt jedoch nicht erst mit diesen späteren Auseinandersetzungen. Bereits die Erschaffung der Welt ist mit Gewalt gegen den Ursprung des Riesengeschlechts verbunden. Bergelmir erlebt nach der Überlieferung die Folgen dieses ersten gewaltigen Bruchs. Sein Überleben verbindet die ursprüngliche Generation Ymirs mit den Riesen, die später den Göttern gegenüberstehen.

Dabei sollte die Geschichte nicht so verstanden werden, als hätten Odin, Vili und Vé mit dem Tod Ymirs sämtliche Kräfte des Chaos endgültig beseitigt. Zwar schaffen sie aus seinem Körper eine geordnete Welt, doch das Riesengeschlecht bleibt erhalten. Gerade Bergelmir sorgt dafür, dass die genealogische Linie nicht abbricht. Die neue Ordnung enthält damit weiterhin Elemente der alten Welt. Die Götter können den Kosmos strukturieren, aber sie können seine ältere Vergangenheit nicht vollständig auslöschen.

Der Tod Ymirs erklärt zugleich, warum die Riesen in vielen späteren Mythen als Wesen an den Grenzen der göttlichen Ordnung erscheinen. Ihre Vorfahren waren bereits vorhanden, bevor diese Ordnung geschaffen wurde. Sie stammen nicht aus Asgard und sind nicht Teil einer Welt, die ausschließlich von den Göttern hervorgebracht wurde. Über Bergelmir reicht ihre Herkunft in die ältere Phase des Kosmos zurück. Ihre Existenz erinnert damit dauerhaft daran, dass die Herrschaft der Götter nicht mit dem ersten Leben begann.

Snorri beschreibt nach der Tötung Ymirs weitere Schritte der Weltschöpfung. Die Söhne Borrs bringen den Körper in die Mitte von Ginnungagap und formen daraus die Erde. Das Meer umgibt das Land, während der Schädel Ymirs zum Himmelsgewölbe wird. Funken aus Muspelheim werden an den Himmel gesetzt und dienen als Gestirne. Aus Ymirs Augenbrauen entsteht schließlich eine Befestigung für die Menschenwelt, die Midgard genannt wird. Der getötete Ur-Riese bleibt somit in nahezu jedem Bereich der geschaffenen Welt gegenwärtig.

Diese Vorstellung erzeugt ein auffälliges Verhältnis zwischen Vernichtung und Fortbestand. Ymir stirbt als lebendes Wesen, verschwindet aber nicht vollständig. Sein Körper wird zum Kosmos. Gleichzeitig überlebt seine Abstammung durch Bergelmir. Ymir besteht damit auf zwei verschiedenen Ebenen weiter: materiell in der Welt und genealogisch im Riesengeschlecht. Der Tod beendet seine persönliche Existenz, nicht aber seinen Einfluss auf die weitere mythologische Ordnung.

Für Bergelmir ist gerade diese genealogische Fortsetzung entscheidend. Er verliert mit Ymir den Ursprung seines Geschlechts und erlebt zugleich den Untergang vieler anderer Riesen. Die Quellen schildern nicht, wie er auf diese Ereignisse reagiert. Es gibt keine überlieferte Klage, keinen Racheeid und keine direkte Begegnung mit Odin nach der Katastrophe. Diese Lücken sollten nicht mit modernen Erfindungen gefüllt werden. Seine Bedeutung entsteht nicht aus einer ausgearbeiteten Persönlichkeit, sondern aus der Tatsache, dass er die Vernichtung übersteht.

Auch über den genauen Ablauf der Tötung Ymirs wissen wir erstaunlich wenig. Die Prosa-Edda nennt Odin, Vili und Vé als Täter, beschreibt aber keinen detaillierten Kampf. Waffen oder einzelne Angriffe werden nicht ausführlich geschildert. Deshalb lässt sich nicht sicher sagen, ob die mittelalterliche Vorstellung von einem langen Kampf ausging oder ob der Vorgang eher als knapper kosmischer Akt verstanden wurde. Sicher ist vor allem die Folge: Ymir stirbt, sein Blut ergießt sich, und die Welt wird anschließend aus seinem Körper geschaffen.

Der Mythos enthält dadurch einen deutlichen Bruch zwischen zwei Zeitaltern. Vor Ymirs Tod existieren Ginnungagap, ursprüngliche Kräfte, erste Wesen und die frühe Abstammung der Riesen und Götter. Danach entsteht eine strukturierte Welt mit räumlichen Grenzen und unterschiedlichen Lebensbereichen. Bergelmir überschreitet diesen Bruch als Überlebender. Er gehört biologisch zur Welt vor der Schöpfung und lebt anschließend in einer Welt weiter, die aus dem Körper seines eigenen Vorfahren geformt wurde.

Gerade dieser Gedanke zeigt die ungewöhnliche Stellung von Bergelmir. Für ihn ist die neue Welt nicht einfach ein neutraler Lebensraum. Ihre Berge, Meere und Böden bestehen innerhalb des Mythos aus den Teilen Ymirs. Der Kosmos, in dem die späteren Riesen leben, trägt somit den Körper ihres eigenen Ahnherrn in sich. Diese Vorstellung verknüpft Landschaft, Abstammung und kosmische Geschichte auf eine Weise, die für die nordische Schöpfungsüberlieferung charakteristisch ist.

Odin und seine Brüder erscheinen in diesem Zusammenhang als Begründer der Ordnung. Sie schaffen Grenzen, formen Land und Himmel und bereiten die Welt für weitere Wesen vor. Ihre Handlung richtet sich aber nicht nur auf Aufbau, sondern beginnt mit Zerstörung. Die Ordnung wird aus dem Tod des Urwesens gewonnen. Für Bergelmir und sein Geschlecht ist die Entstehung der Welt deshalb untrennbar mit einem Verlust verbunden.

Spätere Auseinandersetzungen zwischen Göttern und Riesen erhalten vor diesem Hintergrund zusätzliche Tiefe. Sie sind nicht bloß zufällige Konflikte zwischen zwei Gruppen, die irgendwann aufeinandertreffen. Bereits am Beginn der geordneten Welt steht die Tötung des Ahnherrn der Riesen durch die Vorfahren beziehungsweise ersten Vertreter der göttlichen Ordnung. Bergelmir bildet dabei die lebende Verbindung zwischen diesem urzeitlichen Ereignis und den späteren Jötnar.

Der Tod Ymirs ist damit weit mehr als eine einzelne Episode der nordischen Mythologie. Er erklärt die materielle Entstehung der Welt, markiert den Aufstieg der göttlichen Ordnung und führt gleichzeitig beinahe zum Ende des ursprünglichen Riesengeschlechts. Dass dieses Geschlecht dennoch weiterbesteht, hängt in der überlieferten Erzählung eng mit Bergelmir zusammen. Während Odin, Vili und Vé den Körper Ymirs in eine neue Welt verwandeln, trägt Bergelmir dessen Abstammung über die Katastrophe hinweg. So entstehen aus demselben Ereignis zwei Formen des Fortbestehens: die Welt aus Ymirs Körper und die späteren Riesengeschlechter aus der Linie, die Bergelmir bewahrt.

Ymirs Blut überflutet die Welt

Der Tod Ymirs führt in der nordischen Schöpfungsüberlieferung zu einer gewaltigen Katastrophe. Nachdem Odin und seine Brüder Vili und Vé das Urwesen getötet haben, strömt so viel Blut aus seinem Körper, dass ein großer Teil des frühen Riesengeschlechts darin untergeht. Nur Bergelmir und seine Frau entkommen nach der überlieferten Erzählung der Vernichtung. Diese Flut bildet einen entscheidenden Übergang zwischen der ursprünglichen Welt der ersten Wesen und dem geordneten Kosmos, der anschließend aus Ymirs Körper geschaffen wird. Für Bergelmir bedeutet sie den Verlust nahezu seines gesamten Geschlechts und zugleich den Beginn seiner späteren Bedeutung als Stammvater der Riesen.

Die ausführlichste Schilderung dieser Katastrophe findet sich in der Prosa-Edda Snorri Sturlusons. Dort wird berichtet, dass die Söhne Borrs Ymir erschlagen. Aus seinen Wunden tritt eine solche Menge Blut hervor, dass darin das Geschlecht der Reifriesen ertrinkt. Die Vorstellung verbindet den Tod eines einzelnen kosmischen Wesens mit einer Flut von gewaltigem Ausmaß. Ymir besitzt keinen gewöhnlichen Körper. Seine Dimensionen sind so groß, dass sein Blut später sogar zur Grundlage der Meere wird. Die Flut ist deshalb nicht lediglich eine Überschwemmung innerhalb einer bereits bestehenden Landschaft, sondern Teil eines kosmischen Umbruchs.

Eine moderne Vorstellung von einem Fluss, der plötzlich über die Ufer tritt, greift daher zu kurz. Zu diesem Zeitpunkt existiert die Welt in ihrer späteren Form noch gar nicht. Es gibt weder Midgard noch Jötunheim als klar eingerichtete Bereiche, und auch die Landschaften, in denen spätere Mythen spielen, sind noch nicht entstanden. Das Blut Ymirs breitet sich in einer ursprünglichen Welt aus, deren Ordnung erst durch die folgenden Handlungen der Götter geschaffen wird. Bergelmir erlebt somit keine gewöhnliche Naturkatastrophe, sondern einen Vorgang, der unmittelbar mit der Entstehung des Kosmos verbunden ist.

Die Flut besitzt zudem eine besondere innere Logik. Ymir ist der Ursprung des Riesengeschlechts. Aus ihm sind die ersten Vertreter dieser Linie hervorgegangen. Ausgerechnet sein eigener Körper wird nach seinem Tod zur Ursache dafür, dass fast alle Angehörigen dieses Geschlechts vernichtet werden. Das Blut des Stammvaters wird zum Medium des Untergangs seiner Nachkommen. Nur Bergelmir und seine Gefährtin bleiben von diesem Schicksal verschont. Dadurch verbindet die Erzählung Ursprung und Vernichtung auf besonders eindringliche Weise.

Für Bergelmir ist die Katastrophe deshalb nicht nur ein persönliches Überleben. Seine gesamte Stellung innerhalb der Mythologie hängt davon ab, dass die Linie der Riesen trotz der Flut nicht vollständig abbricht. Hätte niemand überlebt, wäre die alte Abstammung Ymirs mit diesem Ereignis beendet gewesen. Die späteren Jötnar könnten dann nicht als Fortsetzung derselben uralten Linie verstanden werden. Durch Bergelmir bleibt dagegen eine genealogische Verbindung zwischen der Welt vor Ymirs Tod und den Riesen der späteren Überlieferung erhalten.

Snorris Darstellung spricht von den Reifriesen, die im Blut ertrinken. Diese Bezeichnung gehört zur frühen kosmologischen Ebene der nordischen Mythologie. Die Reifriesen stehen mit der kalten, ursprünglichen Welt in Verbindung, aus der auch Ymir hervorgegangen ist. Ihre Vernichtung markiert damit zugleich das Ende einer bestimmten Frühphase des Riesengeschlechts. Die späteren Jötnar leben unter anderen Bedingungen und begegnen den Göttern in einem bereits geordneten Kosmos. Bergelmir bildet die Brücke zwischen diesen beiden Generationen.

Die Flut aus Ymirs Blut sollte allerdings nicht ohne Weiteres mit späteren historischen Hochwassererzählungen oder mit der biblischen Sintflut gleichgesetzt werden. Gemeinsam ist solchen Geschichten das Motiv einer gewaltigen Überschwemmung, die nur wenige Wesen überleben. Die Funktion innerhalb der jeweiligen Überlieferungen unterscheidet sich jedoch deutlich. In der nordischen Schöpfungsgeschichte ist die Flut nicht ausdrücklich als göttliche Strafe für moralisches Fehlverhalten dargestellt. Die frühen Riesen werden nicht vernichtet, weil sie sich einer bestimmten Sünde schuldig gemacht hätten. Die Katastrophe entsteht als unmittelbare Folge der Tötung Ymirs.

Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Bergelmir wird nicht als besonders gerechter oder moralisch überlegener Riese beschrieben, der deshalb gerettet wird. Die Quellen nennen keinen solchen Grund. Sein Überleben besitzt vor allem genealogische und kosmologische Bedeutung. Er wird zum Träger der alten Abstammung, nicht zum Beispiel eines moralisch ausgezeichneten Überlebenden. Moderne Deutungen, die seine Rettung nach dem Muster anderer Flutgeschichten erklären wollen, gehen daher über das hinaus, was die altnordischen Quellen tatsächlich berichten.

Auch die Frage, wie groß die Flut gewesen sein soll, lässt sich nicht in modernen geografischen Maßstäben beantworten. Wenn aus Ymirs Blut später die Meere entstehen, besitzt die Flüssigkeit im Mythos kosmische Dimensionen. Die Katastrophe betrifft das gesamte frühe Riesengeschlecht, soweit es die Erzählung beschreibt. Bergelmir entkommt deshalb nicht einfach einer lokal begrenzten Überschwemmung. Seine Rettung geschieht inmitten eines Ereignisses, das die gesamte Struktur der ursprünglichen Welt verändert.

Nach dem Tod Ymirs verwenden Odin, Vili und Vé seinen Körper zur Gestaltung des Kosmos. Sein Fleisch wird zur Erde, seine Knochen zu Bergen, sein Schädel zum Himmel und sein Blut zum Meer. Damit wird dasjenige, was zunächst zerstörerisch wirkt, anschließend zu einem dauerhaften Bestandteil der neuen Welt. Das Blut, das das frühe Riesengeschlecht beinahe auslöscht, bildet später die Gewässer, die die geschaffene Erde umgeben. Die Flut ist damit gleichzeitig Katastrophe und Bestandteil des Schöpfungsprozesses.

Für Bergelmir entsteht daraus eine ungewöhnliche Situation. Er überlebt den Tod seines Vorfahren und lebt anschließend in einer Welt weiter, die aus dessen Körper besteht. Das Meer erinnert innerhalb des mythologischen Bildes an das Blut Ymirs, während Berge und Erde aus anderen Teilen des Urwesens hervorgegangen sind. Die gesamte neue Landschaft trägt damit Spuren jenes Wesens, dessen Tod die Katastrophe ausgelöst hat. Bergelmir gehört zu den wenigen Gestalten, die diesen Übergang unmittelbar miterleben.

Die Vorstellung ist besonders bemerkenswert, weil die Welt dadurch nicht als vollständig von ihrer Vergangenheit getrennt erscheint. Obwohl eine neue Ordnung entsteht, bleibt das Material der alten Welt erhalten. Ymir verschwindet nicht vollständig, sondern wird in Landschaft und Kosmos verwandelt. Ebenso verschwindet sein Riesengeschlecht nicht vollständig, weil Bergelmir überlebt. Sowohl materiell als auch genealogisch setzt sich die ursprüngliche Welt damit in der neuen fort.

Die Flut trennt dennoch zwei deutlich unterschiedliche Phasen voneinander. Vor ihr existiert die Generation von Ymir, Thrudgelmir und Bergelmir in einer noch ungeordneten kosmischen Umgebung. Nach ihr beginnt die Welt, wie sie in späteren nordischen Mythen vorausgesetzt wird. Es gibt feste Bereiche, Grenzen und Lebensräume. Die Jötnar treten nun als Bewohner dieser geordneten Welt auf und stehen in einem dauerhaften Spannungsverhältnis zu den Göttern. Bergelmir ist derjenige, dessen Leben beide Phasen miteinander verbindet.

Dabei erzählt die Überlieferung nicht ausführlich, wie Bergelmir die Flut wahrnimmt. Es gibt keine Beschreibung seiner Gefühle oder seiner Reaktion auf den Tod der anderen Riesen. Ebenso fehlen genaue Angaben darüber, wie lange die Überschwemmung dauert oder welchen Weg er während seiner Rettung nimmt. Diese Lücken sind typisch für viele nordische Mythen. Die Texte konzentrieren sich auf diejenigen Einzelheiten, die für die kosmologische Aussage entscheidend sind. Wichtig ist nicht, wie Bergelmir persönlich leidet, sondern dass er überlebt.

Auch seine Frau bleibt namenlos. Trotzdem ist ihre Anwesenheit für den Fortbestand des Riesengeschlechts entscheidend. Bergelmir überlebt nicht allein. Die Überlieferung nennt ausdrücklich ein Paar, wodurch die Möglichkeit der Fortpflanzung und damit der Weiterführung des Geschlechts gegeben ist. Beide bilden den Ausgangspunkt einer neuen Generation. Die Namen späterer Kinder werden allerdings nicht genannt, und die Quellen liefern keine detaillierte Familiengeschichte.

Diese Zurückhaltung zeigt, dass die Fluterzählung vor allem erklären soll, wie trotz der beinahe vollständigen Vernichtung der frühen Riesen später weiterhin Jötnar existieren können. Bergelmir löst innerhalb des Mythos dieses genealogische Problem. Er stammt unmittelbar aus der ältesten Linie und trägt sie in die neue Welt weiter. Seine Rettung verbindet die späteren Riesen mit Ymir, ohne dass eine völlig neue Herkunftserzählung erforderlich wäre.

Die Katastrophe trägt damit auch zum Verständnis des späteren Verhältnisses zwischen Göttern und Riesen bei. Die neue göttliche Ordnung beginnt mit einem Akt, der für das Riesengeschlecht verheerende Folgen hat. Odin und seine Brüder töten Ymir, und aus diesem Tod entsteht die Flut. Die späteren Konflikte zwischen Asen und Jötnar stehen daher vor dem Hintergrund eines uralten Bruchs. Bergelmir ist der Überlebende dieses Bruchs und zugleich derjenige, durch den die ältere Linie weiterbesteht.

Es wäre jedoch zu weitgehend, daraus einen ausdrücklich überlieferten Rachekonflikt abzuleiten. Die Quellen sagen nicht, dass Bergelmir seinen Nachkommen einen Hass auf Odin oder die Asen vererbt. Auch wird nicht berichtet, dass spätere Jötnar ihre Auseinandersetzungen mit den Göttern direkt mit Ymirs Tod begründen. Die Verbindung besteht vor allem auf der Ebene der kosmologischen Vorgeschichte. Der Mythos macht sichtbar, dass das Verhältnis zwischen beiden Gruppen bereits am Beginn der geordneten Welt von Spannung geprägt ist.

Die Flut aus Ymirs Blut unterscheidet sich damit zugleich von einer einfachen Vernichtungsgeschichte. Sie beendet das Riesengeschlecht nicht, sondern verändert es. Die älteste Generation geht fast vollständig unter, doch durch Bergelmir entsteht Kontinuität. Die späteren Riesen sind keine völlig neuen Wesen, sondern Nachfahren einer Linie, die den großen kosmischen Umbruch überstanden hat. Die Katastrophe trennt die Generationen, ohne ihre Verbindung abzubrechen.

Auch die Rolle des Wassers ist bemerkenswert. In vielen Schöpfungsmythen besitzt Wasser eine ursprüngliche oder trennende Funktion. Im nordischen Mythos entsteht es hier aus dem Körper Ymirs selbst. Das Blut vernichtet zunächst und wird anschließend zum Meer. Aus einer tödlichen Flut entsteht ein dauerhafter Teil der Weltordnung. Bergelmir überlebt somit nicht nur Wasser, sondern ein Element, das sich im nächsten Schritt von einer zerstörerischen Kraft in einen Bestandteil des Kosmos verwandelt.

Die Geschichte macht außerdem deutlich, wie eng Tod und Schöpfung in der nordischen Kosmologie miteinander verbunden sein können. Ohne Ymirs Tod entsteht die bekannte Welt nicht. Ohne sein Blut gäbe es in dieser Erzählung die Meere nicht. Gleichzeitig kostet diese Schöpfung zahlreiche Leben. Für Bergelmir beginnt die neue Ordnung daher mit einem Ereignis, das aus Sicht seines Geschlechts beinahe einer vollständigen Auslöschung gleichkommt.

Gerade diese Mehrdeutigkeit verleiht der Flut ihre besondere Bedeutung. Sie ist weder ausschließlich Zerstörung noch ausschließlich Schöpfung. Sie bildet den Übergang zwischen beiden. Das Blut Ymirs reißt die alte Generation fort und wird anschließend Teil der neuen Welt. Bergelmir wiederum verliert die alte Gemeinschaft und trägt zugleich die Möglichkeit einer neuen Generation in sich. Sowohl das Element der Flut als auch ihr Überlebender stehen damit zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Die Überlieferung über Ymirs Blut erklärt schließlich, weshalb Bergelmir trotz seiner geringen Zahl an eigenen Geschichten eine so wichtige Gestalt bleibt. Er ist der Name, der mit dem Überleben des ältesten Riesengeschlechts verbunden wird. Während viele andere Figuren durch Kämpfe oder Abenteuer bekannt sind, besteht seine Bedeutung in einem einzigen entscheidenden Moment. Die Welt um ihn herum wird durch den Tod Ymirs zerstört und neu geordnet, doch Bergelmir bleibt bestehen.

Damit wird die Flut zu einem zentralen Bestandteil seiner mythologischen Identität. Ohne sie wäre Bergelmir lediglich ein früher Nachkomme Ymirs. Durch sie wird er zum Überlebenden einer kosmischen Katastrophe und zum Verbindungsglied zwischen den ersten Reifriesen und den späteren Jötnar. Das Blut Ymirs vernichtet fast die gesamte alte Generation, bildet anschließend die Gewässer der neuen Welt und lässt dennoch einen Rest der ursprünglichen Abstammung bestehen. Dieser Rest wird durch Bergelmir verkörpert, dessen Überleben dafür sorgt, dass die Geschichte der Riesen mit dem Tod Ymirs nicht endet.

Der Untergang der ersten Riesen

Der Untergang der ersten Riesen gehört zu den dunkelsten Momenten der nordischen Schöpfungsüberlieferung. Mit dem Tod Ymirs endet nicht nur das Leben des ursprünglichen Riesens, sondern beinahe auch die gesamte frühe Generation seines Geschlechts. Das aus seinem Körper strömende Blut wird zu einer gewaltigen Flut, in der zahlreiche Reifriesen umkommen. Nur Bergelmir und seine Frau überleben nach der Überlieferung diese Katastrophe. Dadurch wird Bergelmir zur entscheidenden Verbindung zwischen den ältesten Riesen der Urzeit und den späteren Jötnar, die in vielen bekannten Mythen auftreten.

Die ersten Riesen gehören zu einer Zeit, in der die Welt noch nicht in ihrer späteren Form existiert. Ymir entsteht in Ginnungagap, lange bevor Midgard, Asgard oder Jötunheim eingerichtet werden. Aus ihm gehen weitere Wesen hervor, und damit beginnt die genealogische Linie der Riesen. Diese frühen Gestalten leben also nicht am Rand einer bereits geordneten Welt. Sie gehören selbst zur ursprünglichen Schicht des Kosmos. Ihr Untergang markiert deshalb weit mehr als das Ende einzelner Wesen. Mit ihnen verschwindet eine ganze Phase der mythologischen Weltgeschichte.

Bergelmir steht innerhalb dieser frühen Generation besonders nahe am Ursprung. Über seinen Vater Thrudgelmir führt seine Abstammung direkt zu Aurgelmir beziehungsweise Ymir zurück. Damit ist Bergelmir kein später Nachkomme, der den Ur-Riesen nur aus einer fernen Familienlinie kennt. Er gehört selbst noch zu jener uralten Ordnung, die vor der Schaffung der bekannten Welt besteht. Gerade deshalb erhält sein Überleben eine so große Bedeutung. Er trägt eine Abstammung weiter, die andernfalls mit der Flut nahezu ausgelöscht worden wäre.

Der Untergang beginnt mit der Tötung Ymirs durch Odin und seine Brüder Vili und Vé. Die Quellen schildern diesen Vorgang vergleichsweise knapp. Es wird nicht ausführlich erzählt, wie der Kampf verlief oder welche Waffen eingesetzt wurden. Entscheidend sind vielmehr die Folgen. Aus den Wunden Ymirs strömt so viel Blut, dass das Geschlecht der Reifriesen darin ertrinkt. In diesem Moment wird der Tod eines einzelnen Urwesens zu einer Katastrophe für eine ganze Gruppe.

Die Vorstellung ist besonders eindrucksvoll, weil die Riesen aus Ymir hervorgegangen sind. Der Körper ihres Ahnherrn wird damit zur Ursache ihres Untergangs. Was zuvor Ursprung des Geschlechts war, vernichtet nach dem Tod einen großen Teil seiner Nachkommen. Bergelmir entkommt dieser Vernichtung und wird damit zum Träger jener Linie, die durch Ymir begonnen hatte. Seine Rettung verhindert, dass der Tod des Urwesens zugleich das endgültige Ende aller Riesen bedeutet.

Dabei sollte der Begriff „Untergang“ nicht so verstanden werden, als würden sämtliche Jötnar vollständig ausgelöscht. Die Überlieferung selbst macht mit Bergelmir deutlich, dass eine Fortsetzung möglich bleibt. Der Untergang betrifft vor allem die erste Generation beziehungsweise einen großen Teil der frühen Reifriesen. Danach beginnt eine neue Phase. Die späteren Riesengeschlechter existieren weiterhin, doch ihre Welt unterscheidet sich grundlegend von jener ihrer Vorfahren.

Vor der Katastrophe gibt es noch keinen Kosmos mit den festen Strukturen, die spätere Erzählungen voraussetzen. Nach dem Tod Ymirs wird sein Körper dagegen zum Material der neuen Welt. Aus seinem Fleisch entsteht die Erde, aus seinen Knochen werden Berge, aus seinem Schädel der Himmel und aus seinem Blut das Meer. Während die alten Riesen sterben, entsteht also zugleich die Landschaft, in der ihre Nachkommen später leben werden. Bergelmir überlebt den Übergang von einer ursprünglichen Welt in einen Kosmos, der aus den Überresten seines eigenen Ahnherrn geformt wird.

Diese Verbindung von Vernichtung und Schöpfung ist für den Mythos zentral. Der Untergang der ersten Riesen ist kein isoliertes Ereignis, das lediglich erklärt, warum bestimmte Wesen verschwinden. Er gehört unmittelbar zur Erschaffung der Welt. Die neue Ordnung entsteht auf den Resten der alten. Bergelmir verkörpert dabei die Ausnahme, denn er gehört zur alten Ordnung und bleibt trotzdem in der neuen bestehen.

Die Quellen berichten nicht, wie viele Riesen vor der Flut existierten. Ebenso wenig erfahren wir die Namen aller Wesen, die dabei sterben. Die Formulierung ist allgemein und konzentriert sich auf das Ausmaß der Katastrophe. Gerade diese Unbestimmtheit lässt den Untergang groß erscheinen. Es geht nicht um einzelne bekannte Opfer, sondern um den Zusammenbruch eines ganzen frühen Geschlechts. Bergelmir wird deshalb umso stärker hervorgehoben, weil sein Name aus dieser namenlosen Masse der Untergegangenen herausragt.

Auch seine Frau spielt eine wichtige Rolle. Sie wird nicht mit einem eigenen Namen genannt, doch ohne sie wäre die Vorstellung von einer Fortsetzung des Riesengeschlechts schwer nachvollziehbar. Bergelmir überlebt nicht als einzelner letzter Vertreter einer zum Aussterben bestimmten Linie. Er entkommt gemeinsam mit seiner Gefährtin. Damit ist die Möglichkeit gegeben, dass aus diesem Paar neue Generationen hervorgehen. Die Erzählung macht aus der Katastrophe dadurch keinen endgültigen Abschluss, sondern einen Übergang.

Der Untergang der ersten Riesen kann deshalb auch als genealogischer Einschnitt verstanden werden. Vor der Flut gibt es die Linie von Ymir über Thrudgelmir bis Bergelmir. Nach der Flut beginnt die Fortsetzung des Geschlechts unter neuen Bedingungen. Die alten Reifriesen werden zum Teil vernichtet, doch ihre Abstammung bleibt erhalten. Bergelmir steht genau an dieser Grenze und verbindet beide Seiten.

In späteren Mythen begegnen die Jötnar den Göttern immer wieder als Gegner, Verwandte, Ehepartner oder Wissende. Ohne die Rettung von Bergelmir wäre diese lange Geschichte innerhalb der überlieferten Genealogie schwer zu erklären. Sein Überleben schafft Kontinuität. Die Riesen der späteren Welt erscheinen dadurch nicht als neu geschaffene Wesen, sondern als Fortsetzung eines Geschlechts, das älter ist als die Weltordnung der Asen.

Gerade dadurch erhält das Verhältnis zwischen Göttern und Riesen eine besondere Tiefe. Odin und seine Brüder schaffen die Welt, indem sie Ymir töten. Gleichzeitig führt diese Tat zum Tod vieler seiner Nachkommen. Die spätere Feindschaft zwischen Teilen des Riesengeschlechts und den Göttern besitzt damit eine Vorgeschichte, die bis an den Beginn der kosmischen Ordnung reicht. Es wäre jedoch falsch, daraus eine ausdrücklich überlieferte Rachegeschichte zu machen. Die Quellen berichten nicht, dass Bergelmir seinen Nachkommen einen Auftrag zur Vergeltung hinterlassen hätte.

Die Bedeutung liegt vielmehr in der strukturellen Spannung zwischen beiden Gruppen. Die Götter schaffen Ordnung, während die Riesen aus einer älteren Welt stammen. Bergelmir ist einer der deutlichsten Träger dieser älteren Herkunft. Er überlebt eine Katastrophe, die unmittelbar durch den Aufstieg der neuen göttlichen Ordnung ausgelöst wird. Dadurch bleibt in der späteren Welt immer etwas von der Zeit vor dieser Ordnung erhalten.

Der Untergang der ersten Riesen unterscheidet sich auch von einer moralischen Strafgeschichte. Es wird nicht berichtet, dass die frühen Riesen aufgrund besonderer Verbrechen vernichtet worden seien. Die Flut ist keine Strafe für Sünde oder Ungehorsam. Sie ist die Folge der Tötung Ymirs und damit Teil des Schöpfungsprozesses. Bergelmir wird auch nicht deshalb gerettet, weil er als besonders tugendhaft gilt. Über seinen Charakter erfahren wir nahezu nichts.

Gerade deshalb sollte sein Überleben nicht mit moralischen Deutungen überladen werden. Bergelmir ist kein nordischer Noah im einfachen Sinn. Zwar gibt es die Gemeinsamkeit einer großen Flut und eines überlebenden Paares, doch die mythologischen Zusammenhänge sind unterschiedlich. Die nordische Erzählung konzentriert sich auf Abstammung, Weltentstehung und die Fortsetzung des Riesengeschlechts. Eine göttliche Auswahl aufgrund von Rechtschaffenheit wird nicht beschrieben.

Für die frühen Riesen bedeutet die Flut dennoch eine vollständige Veränderung ihrer Lebenswelt. Selbst diejenigen, die theoretisch außerhalb der unmittelbaren Katastrophe hätten existieren können, finden sich danach in einem völlig neuen Kosmos wieder. Die Grenzen werden neu gezogen, die Erde wird geschaffen und verschiedene Bereiche entstehen. Bergelmir überlebt nicht nur den Tod vieler Angehöriger seines Geschlechts, sondern auch die Umgestaltung des gesamten kosmischen Umfelds.

Seine Geschichte macht damit sichtbar, dass Überleben in diesem Mythos mehr bedeutet als das Entkommen vor Wasser. Bergelmir trägt eine ältere Identität in eine neue Welt. Er bleibt Angehöriger einer Linie, deren Ursprung vor der Ordnung der Götter liegt. Die späteren Jötnar können deshalb auf eine Vergangenheit zurückblicken, die älter ist als Midgard und Asgard.

Der Untergang der ersten Riesen beendet zugleich die unmittelbare Welt Ymirs. Zwar besteht der Ur-Riese materiell in Erde, Meer, Bergen und Himmel fort, doch seine lebende Gemeinschaft verschwindet weitgehend. Diese doppelte Entwicklung ist charakteristisch für den Mythos. Ymir stirbt, aber sein Körper bleibt. Die frühen Riesen sterben, aber ihre Abstammung bleibt durch Bergelmir bestehen. Nichts verschwindet vollständig; es wird vielmehr in anderer Form weitergeführt.

Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen vollständiger Vernichtung und mythologischer Transformation. Der Tod Ymirs erzeugt die Welt. Der Untergang seiner Nachkommen führt zur Entstehung einer neuen Generation. Bergelmir wird dabei zum Mittelpunkt dieser genealogischen Transformation. Seine Bedeutung besteht nicht darin, die Katastrophe zu besiegen, sondern darin, sie zu überstehen.

Auch die spätere Vielfalt des Riesengeschlechts lässt sich vor diesem Hintergrund anders betrachten. Die Jötnar erscheinen in den Mythen keineswegs als einheitliche Gruppe. Manche leben fern von den Göttern, manche suchen den Kampf, andere verfügen über uraltes Wissen. Diese Vielfalt steht nicht im Widerspruch zur Vorstellung eines gemeinsamen frühen Ursprungs. Bergelmir dient als Verbindungspunkt, ohne dass daraus eine zentral organisierte Gemeinschaft entstehen muss.

Die Überlieferung sagt ebenso wenig, dass er nach der Flut über alle späteren Riesen herrscht. Bergelmir ist Stammvater, nicht zwingend König. Seine Rolle beruht auf Abstammung und Überleben, nicht auf politischer Macht. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil moderne Darstellungen häufig dazu neigen, mythologische Stammväter automatisch als Herrscher zu interpretieren. Dafür gibt es bei Bergelmir keine klare Grundlage.

Der Untergang der ersten Riesen erhält seine Bedeutung deshalb gerade durch die wenigen überlieferten Details. Ymir stirbt. Sein Blut löst eine gewaltige Flut aus. Fast das gesamte frühe Riesengeschlecht geht unter. Bergelmir und seine Frau entkommen. Aus diesem knappen Ablauf entsteht eine Erklärung dafür, warum eine uralte Linie trotz einer beinahe vollständigen Katastrophe fortbestehen kann.

Bergelmir wird dadurch zu einer der stilleren, aber strukturell wichtigsten Gestalten der nordischen Schöpfungsmythologie. Er führt keine berühmte Schlacht und erhält keine lange eigene Erzählung. Dennoch hängt an seinem Überleben die Verbindung zwischen den ersten Reifriesen und den späteren Jötnar. Der Untergang der alten Generation wäre ohne ihn ein endgültiges Ende gewesen. Mit Bergelmir wird er dagegen zu einem Neubeginn.

So markiert die Flut aus Ymirs Blut nicht nur den Tod vieler Wesen, sondern den Übergang von einer urzeitlichen Riesengeneration zu den Geschlechtern der späteren Welt. Die alte Ordnung bricht zusammen, doch sie verschwindet nicht vollständig. Ein Teil ihrer Abstammung bleibt erhalten und wird durch Bergelmir weitergetragen. Gerade deshalb ist der Untergang der ersten Riesen für das Verständnis seiner Rolle so wichtig: Erst vor dem Hintergrund dieser beinahe vollständigen Vernichtung wird deutlich, warum Bergelmir innerhalb der nordischen Mythologie zum entscheidenden Bindeglied zwischen Ursprung, Katastrophe und Fortbestand des Riesengeschlechts wird.

Bergelmir und seine Frau

Bergelmir gehört zu den wenigen Gestalten der nordischen Schöpfungsüberlieferung, deren Bedeutung weniger durch eigene Taten als durch einen einzigen entscheidenden Moment bestimmt wird. Als das Blut des getöteten Ymir die frühen Riesen überflutet, entkommt Bergelmir gemeinsam mit seiner Frau der Katastrophe. Damit überlebt nicht nur ein einzelner Angehöriger des alten Geschlechts. Durch das überlebende Paar bleibt zugleich die Möglichkeit erhalten, dass sich die Linie der Riesen fortsetzt. Gerade dieser Umstand macht die Frau an seiner Seite zu einer wichtigen, wenn auch namenlos gebliebenen Gestalt der Überlieferung.

Die Quellen berichten nur äußerst knapp über dieses Paar. In Snorri Sturlusons Prosa-Edda wird erzählt, dass die Söhne Borrs Ymir töteten und dass aus seinem Körper so viel Blut strömte, dass darin nahezu das gesamte Geschlecht der Reifriesen ertrank. Bergelmir entkam jedoch zusammen mit seiner Frau. Beide gelangten auf beziehungsweise in eine sogenannte lúðr und konnten dadurch dem Untergang entgehen. Die genaue Bedeutung dieses Wortes ist nicht völlig eindeutig und wird in Übersetzungen unterschiedlich wiedergegeben. Unabhängig davon bleibt der entscheidende Punkt derselbe: Nicht ein einzelner Riese, sondern ein Paar überlebt.

Diese Angabe ist für die weitere Geschichte des Riesengeschlechts von zentraler Bedeutung. Ein allein überlebender Riese hätte die genealogische Kontinuität nicht in derselben Weise erklären können. Dass Bergelmir zusammen mit seiner Frau gerettet wird, schafft innerhalb des Mythos die Voraussetzung für neue Generationen. Die Überlieferung führt anschließend zwar keinen vollständigen Stammbaum auf, doch das Paar wird mit dem Fortbestand der Riesen verbunden. Die spätere Existenz zahlreicher Jötnar kann dadurch als Fortsetzung einer Linie verstanden werden, die bereits vor der Erschaffung der geordneten Welt begonnen hatte.

Über die Frau von Bergelmir wissen die Quellen kaum etwas. Ihr Name ist nicht erhalten, ihre Herkunft wird nicht ausdrücklich genannt und auch über ihre Persönlichkeit erfahren wir nichts. Sie besitzt keine eigene Rede und tritt nicht in weiteren bekannten Erzählungen hervor. Trotzdem wäre es falsch, sie für bedeutungslos zu halten. Innerhalb der knappen Schöpfungserzählung erfüllt sie eine grundlegende Funktion. Ohne sie würde die Rettung lediglich das Leben eines einzelnen Überlebenden sichern. Gemeinsam bilden beide dagegen den Ausgangspunkt für die Fortsetzung eines ganzen Geschlechts.

Die Namenlosigkeit der Frau ist dabei für die nordische Mythologie nicht ungewöhnlich. Viele Figuren erscheinen in den erhaltenen Quellen nur in bestimmten Funktionen und werden nicht mit einer ausführlichen Biografie ausgestattet. Gerade genealogische Angaben können knapp bleiben. Dass ein Name fehlt, bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass die Gestalt in älteren Erzähltraditionen keine größere Rolle gespielt haben könnte. Es bedeutet lediglich, dass die erhaltenen mittelalterlichen Texte darüber keine weiteren verlässlichen Informationen bieten.

Bergelmir selbst wird ebenfalls erstaunlich knapp beschrieben. Wir erfahren nicht, wie er aussieht, welchen Charakter er besitzt oder wie sein Leben vor der Flut verlief. Auch über die Beziehung zu seiner Frau gibt es keine Einzelheiten. Die Überlieferung erzählt nicht, wie lange beide bereits zusammen waren oder ob sie vor der Katastrophe Kinder hatten. Alle modernen Ausschmückungen solcher Fragen wären deshalb Spekulation. Sicher ist lediglich, dass beide gemeinsam überleben und dass von Bergelmir später die Fortsetzung des Riesengeschlechts hergeleitet wird.

Gerade diese Zurückhaltung ist wichtig, wenn die mythologische Überlieferung sachlich betrachtet werden soll. Moderne Nacherzählungen neigen häufig dazu, Lücken mit dramatischen Szenen zu füllen. Man könnte sich vorstellen, wie Bergelmir seine Frau durch die Flut trägt, wie beide verzweifelt nach einem Ausweg suchen oder wie sie den Untergang ihrer Verwandten beobachten. Solche Bilder können erzählerisch wirkungsvoll sein, sind aber nicht Bestandteil der erhaltenen Quellen. Die ursprüngliche Überlieferung konzentriert sich auf das Ergebnis: Das Paar entkommt, während die übrigen frühen Riesen weitgehend untergehen.

Die gemeinsame Rettung unterscheidet die Geschichte zugleich von einer Erzählung über einen einzelnen Helden. Bergelmir wird nicht als Krieger dargestellt, der die Flut durch besondere Stärke bezwingt. Auch seine Frau wird nicht als passives Anhängsel beschrieben, das lediglich gerettet werden muss. Die Quelle sagt schlicht, dass beide gemeinsam entkommen. Daraus lässt sich keine detaillierte Rollenverteilung ableiten. Entscheidend ist vielmehr die Einheit des Paares als Träger einer zukünftigen Abstammungslinie.

Die Flut selbst entsteht nach Snorris Darstellung unmittelbar aus Ymirs Tod. Odin, Vili und Vé erschlagen das Urwesen, aus dessen Körper später die Welt geschaffen wird. Sein Blut strömt in ungeheuren Mengen und vernichtet die frühen Reifriesen. Für Bergelmir und seine Frau bedeutet dieser Moment einen völligen Bruch mit ihrer bisherigen Welt. Sie verlieren nicht nur Angehörige ihres Geschlechts, sondern erleben gleichzeitig den Übergang zu einer neuen kosmischen Ordnung.

Nach der Katastrophe wird Ymirs Körper zur Grundlage dieser neuen Welt. Sein Fleisch wird zur Erde, seine Knochen zu Bergen und sein Blut zu den Gewässern. Das Paar lebt damit anschließend in einem Kosmos weiter, dessen Material aus dem Körper des eigenen Ahnherrn stammt. Dieser Gedanke verleiht dem Überleben von Bergelmir eine besondere Tiefe. Die alte Welt verschwindet nicht vollständig, sondern bleibt sowohl in der Landschaft als auch in der fortgesetzten Abstammung gegenwärtig.

Seine Frau ist Teil genau dieser Kontinuität. Während Ymir materiell in der Welt weiterbesteht, bleibt das Riesengeschlecht durch das überlebende Paar genealogisch erhalten. Zwei Formen des Fortbestehens laufen damit nebeneinander. Die eine betrifft den Körper des Urwesens, die andere seine Nachkommenschaft. Bergelmir und seine Gefährtin verkörpern die zweite Form.

Die Geschichte sagt allerdings nicht ausdrücklich, welche späteren Riesen unmittelbar ihre Kinder oder Enkel waren. Es wäre daher zu weitgehend, jede bekannte Riesengestalt mit einer lückenlosen genealogischen Linie auf das Paar zurückzuführen. Die Überlieferung arbeitet auf einer allgemeineren Ebene. Sie erklärt, dass das Geschlecht trotz der Katastrophe weiterbesteht. Die genauen Generationen zwischen Bergelmir und später bekannten Jötnar bleiben offen.

Gerade diese offene Genealogie entspricht der Struktur vieler nordischer Mythen. Abstammung ist wichtig, wird aber nicht immer vollständig dokumentiert. Manche Familienlinien sind ausführlicher bekannt, andere werden lediglich angedeutet. Bei Bergelmir genügt die Angabe seiner Rettung und seiner späteren Bedeutung, um die Kontinuität der Riesen zu erklären. Seine Frau wird dabei zwingend mitgedacht, auch wenn sie keinen eigenen Namen erhält.

Das Paar steht damit an einer Schwelle zwischen zwei Zeitaltern. Vor der Flut gehört es zur urzeitlichen Generation, deren Wurzeln unmittelbar zu Ymir beziehungsweise Aurgelmir zurückreichen. Nach der Flut beginnt die Welt, in der spätere Jötnar den Göttern begegnen. Diese spätere Welt besitzt Grenzen, Landschaften und unterschiedliche kosmische Bereiche. Bergelmir und seine Frau tragen die Abstammung aus der älteren Phase in diese neue Ordnung hinein.

Der Vorgang erinnert äußerlich an andere Flutmythen, in denen ein Paar oder eine kleine Gruppe eine große Überschwemmung überlebt und anschließend eine neue Bevölkerung begründet. Dennoch sollte die nordische Erzählung nicht einfach mit solchen Traditionen gleichgesetzt werden. Besonders ein direkter Vergleich mit Noah und der biblischen Sintflut kann schnell irreführend werden. Bergelmir wird nicht gerettet, weil er als moralisch besonders gerecht beschrieben wird, und die Flut dient nicht ausdrücklich der Bestrafung menschlicher oder riesischer Sünden.

Die Ursache der Katastrophe liegt vielmehr im Tod Ymirs. Die Flut ist Teil des kosmischen Übergangs, durch den aus dem ursprünglichen Zustand eine geordnete Welt entsteht. Das Überleben des Paares hat vor allem genealogische Bedeutung. Es sichert den Fortbestand eines Geschlechts, das andernfalls beinahe vollständig verschwunden wäre. Gerade dadurch unterscheidet sich die Funktion der Geschichte von religiösen Fluterzählungen, deren Schwerpunkt auf Schuld, Gericht und göttlichem Bund liegen kann.

Auch die Frage, warum gerade Bergelmir und seine Frau überleben, beantwortet die Überlieferung nicht ausführlich. Es wird keine göttliche Warnung erwähnt und kein besonderes Verdienst genannt. Ebenso wenig erfahren wir, ob beide die kommende Flut vorhersehen konnten. Die Erzählung konzentriert sich stattdessen darauf, dass sie ein Mittel zur Rettung finden beziehungsweise nutzen. Das rätselhafte Wort lúðr wird dabei zum einzigen konkreteren Hinweis auf die Art ihrer Flucht.

Diese Unsicherheit hat zu unterschiedlichen Übersetzungen geführt. In älteren und populären Darstellungen wird häufig ein Boot, ein Kasten oder eine Art Behältnis angenommen. Andere Deutungen orientieren sich stärker an der ursprünglichen Bedeutung des altnordischen Wortes. Für das Verständnis des Paares ist jedoch weniger die genaue Form des Gegenstandes entscheidend als seine Funktion. Bergelmir und seine Frau gelangen dadurch aus der tödlichen Flut heraus und überstehen den kosmischen Umbruch.

Nach ihrer Rettung beginnt für beide eine neue Phase. Wo genau sie unmittelbar nach der Katastrophe leben, wird nicht detailliert erzählt. Spätere Überlieferungen verbinden das Riesengeschlecht mit Jötunheim, doch die Quelle schildert keinen ausführlichen Reisebericht des überlebenden Paares. Auch eine Gründung einer bestimmten Siedlung oder eines Reiches wird Bergelmir nicht zugeschrieben. Seine Rolle bleibt die eines Stammvaters, nicht die eines ausführlich beschriebenen Herrschers.

Diese Unterscheidung ist wesentlich. Die Vorstellung eines Königs Bergelmir, der nach der Flut ein neues Reich aufbaut und alle späteren Riesen beherrscht, wäre eine moderne Ergänzung. Die Quellen sagen lediglich, dass von ihm die späteren Generationen beziehungsweise Familien der Riesen abstammen. Seine Bedeutung liegt damit im Fortbestand, nicht in politischer Macht.

Die namenlose Frau teilt diese Funktion. Auch sie sollte nicht ohne Grundlage zu einer Königin oder Urmutter mit bestimmten Eigenschaften ausgestaltet werden. Dass ihr Name fehlt, lässt keine sicheren Aussagen über ihren Rang zu. Dennoch ist sie für die genealogische Logik des Mythos unverzichtbar. Das Riesengeschlecht wird nicht durch einen einzelnen männlichen Überlebenden erhalten, sondern durch ein Paar.

Gerade darin liegt eine stille, aber bedeutende Besonderheit der Erzählung. Der Neubeginn nach der Katastrophe wird nicht durch einen heroischen Sieg ermöglicht. Er entsteht durch Überleben und Fortpflanzung. Bergelmir und seine Frau tragen nichts von der alten Welt durch militärische Macht in die neue Ordnung. Sie tragen ihre Abstammung weiter.

Die späteren Konflikte zwischen Göttern und Jötnar erhalten dadurch eine uralte Vorgeschichte. Die Nachkommen des überlebenden Paares gehören einer Linie an, die den Tod Ymirs und die Vernichtung der ersten Riesen überstanden hat. Dennoch behaupten die Quellen nicht, dass Bergelmir seinen Nachkommen Rache oder Feindschaft gegen die Asen auferlegt. Der spätere Gegensatz darf deshalb nicht als einfacher vererbter Rachekrieg verstanden werden.

Vielmehr zeigt das Paar, dass die neue göttliche Ordnung die ältere Welt niemals vollständig ersetzen kann. Odin und seine Brüder töten Ymir und gestalten aus seinem Körper den Kosmos. Doch ein Teil seines Geschlechts entkommt. Die neue Welt enthält damit von Anfang an Wesen, deren Herkunft weiter zurückreicht als die Ordnung, in der sie nun leben.

Bergelmir wird so zu einem lebenden Bindeglied zwischen Ursprung und Zukunft. Seine Frau steht an seiner Seite und ermöglicht, dass dieses Bindeglied nicht mit seinem eigenen Tod endet. Gemeinsam bewahren sie die Linie der Riesen über eine der größten Zäsuren der nordischen Schöpfungsmythologie hinweg.

Die Bedeutung des Paares entsteht deshalb gerade aus der Schlichtheit der Überlieferung. Es braucht keine ausführliche Liebesgeschichte, keine heroische Schlacht und keine lange Reise. Ein einziger Vorgang reicht aus: Während fast das gesamte frühe Riesengeschlecht untergeht, überleben Bergelmir und seine Frau. Dadurch endet die Geschichte der Jötnar nicht mit Ymir, sondern beginnt unter veränderten Bedingungen erneut.

So steht Bergelmir gemeinsam mit seiner namenlosen Gefährtin für die Kontinuität innerhalb einer Welt, die durch radikalen Wandel geprägt ist. Ymir stirbt, die ersten Riesen gehen unter und der Kosmos wird neu geschaffen. Dennoch bleibt die alte Abstammung bestehen. Das überlebende Paar trägt sie in die kommende Welt hinein und bildet damit den Ausgangspunkt für jene Riesengeschlechter, die später zu einem festen Bestandteil der nordischen Mythologie werden.

Die rätselhafte lúðr der Überlieferung

Zu den rätselhaftesten Einzelheiten der Überlieferung über Bergelmir gehört ein einziges altnordisches Wort: lúðr. In der Vafþrúðnismál wird erzählt, dass Bergelmir bereits unzählige Winter vor der Erschaffung der Erde geboren worden sei und dass sich der weise Riese an den Moment erinnere, als Bergelmir „á lúðr“ gelegt wurde. Snorri Sturluson greift diese Stelle später in der Prosa-Edda auf und verbindet sie ausdrücklich mit der großen Flut aus Ymirs Blut. Dort gelangt Bergelmir gemeinsam mit seiner Frau auf seine lúðr und entkommt der Katastrophe. Was genau dieser Gegenstand gewesen sein soll, ist jedoch keineswegs so eindeutig, wie viele moderne Nacherzählungen vermuten lassen.

In deutschen und englischen Darstellungen wird die lúðr häufig als Boot, Schiff oder Arche wiedergegeben. Diese Übersetzungen wirken auf den ersten Blick logisch. Bergelmir muss eine Flut überleben, also liegt die Vorstellung eines schwimmenden Fahrzeugs nahe. Gerade durch die Ähnlichkeit mit anderen Fluterzählungen entsteht schnell das Bild eines Schiffes, auf dem Bergelmir und seine Frau dem steigenden Blut Ymirs entkommen. Das Problem besteht darin, dass das altnordische Wort selbst nicht einfach die gewöhnliche Bezeichnung für ein Schiff oder Boot ist. Seine eigentliche Bedeutung führt vielmehr in einen ganz anderen Bereich.

Das historische Wörterbuch von Cleasby und Vigfusson sowie moderne lexikalische Arbeiten verbinden lúðr unter anderem mit einem Behältnis oder Gestell einer Handmühle. Beschrieben wird dabei eine hölzerne Konstruktion beziehungsweise ein Kasten oder Trog, in dem die Mühlsteine liegen konnten. Andere lexikalische Einordnungen nennen Bedeutungsbereiche wie Gefäß, Trog oder hölzernen Behälter. Das Wort besitzt damit eine materielle Vorstellung von etwas Ausgehöhltem oder Umschließendem, nicht automatisch von einem seetüchtigen Schiff.

Genau hier beginnt das Problem bei der Geschichte von Bergelmir. Die ältere poetische Quelle, die Vafþrúðnismál, erklärt nicht, dass die lúðr ein Schiff gewesen sei. Dort heißt es lediglich, dass Bergelmir darauf oder darin gelegt worden sei. Der betreffende Vers steht außerdem in einem Zusammenhang, in dem Vafþrúðnir von seinem ältesten Wissen berichtet. Er erinnert sich an Bergelmir aus einer Zeit vor der Gestaltung der Erde. Von der Flut aus Ymirs Blut ist in dieser Strophe selbst nicht ausdrücklich die Rede.

Snorri verbindet diese ältere poetische Aussage später mit der Erzählung vom Tod Ymirs. In seiner Gylfaginning heißt es, dass Odin und seine Brüder Ymir töteten und dass fast das gesamte Geschlecht der Reifriesen in dessen Blut ertrank. Bergelmir entkam mit seinem Haushalt. Anschließend wird ausdrücklich erzählt, dass Bergelmir gemeinsam mit seiner Frau auf seine lúðr gelangte und dort gerettet wurde. Snorri zitiert danach die entsprechende Strophe der Vafþrúðnismál als Bestätigung seiner Darstellung.

Damit entsteht ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Quellen. Die Vafþrúðnismál erwähnt Bergelmir und die lúðr, erläutert den Gegenstand jedoch nicht näher. Die Prosa-Edda verwendet dieselbe Überlieferung innerhalb einer konkreten Flutgeschichte. Dadurch erhält die lúðr bei Snorri zwangsläufig die Funktion eines Rettungsmittels. Aus dieser Funktion entwickelte sich in vielen späteren Übersetzungen die Vorstellung eines Bootes oder einer Arche.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Snorri selbst das gewöhnliche altnordische Wort für Schiff benutzt hätte. Im überlieferten Text bleibt lúðr stehen. Bergelmir fährt also nicht ausdrücklich mit einem skip, dem gewöhnlichen altnordischen Wort für Schiff. Die Übersetzung als „Schiff“ ist daher bereits eine Interpretation des Zusammenhangs. Sie versucht zu erklären, wie Bergelmir und seine Frau eine Flut überlebt haben könnten, sagt aber nicht unbedingt, was das ursprüngliche Wort bezeichnete.

Gerade deshalb findet man in wissenschaftlichen Diskussionen unterschiedliche Deutungen. Neben einem Mühlenkasten oder Mühlgestell wurden unter anderem ein Trog, eine Kiste, eine Wiege, ein Sarg oder ein allgemein ausgehöhlter hölzerner Behälter vorgeschlagen. Diese Unterschiede zeigen, wie schwierig es ist, einen Ausdruck aus einer knappen mythologischen Strophe eindeutig zu bestimmen. Die Bedeutung kann außerdem davon abhängen, ob man die Vafþrúðnismál für sich betrachtet oder sie von Snorris späterer Fluterzählung her interpretiert.

Besonders interessant ist die Formulierung in der Vafþrúðnismál. Dort wird Bergelmir nicht als jemand beschrieben, der aktiv auf einen Gegenstand steigt und davonfährt. Vielmehr heißt es, dass der weise Riese auf die lúðr gelegt wurde. Diese passive Formulierung hat dazu geführt, dass manche Forscher die Stelle nicht als ursprüngliche Fluchtszene verstehen. Wenn Bergelmir „gelegt“ wird, könnte der Vers theoretisch auch auf eine Wiege, einen Trog, einen Sarg oder ein anderes Behältnis anspielen. Die genaue Bedeutung bleibt offen.

Snorris Darstellung verändert diesen Eindruck. Dort handelt Bergelmir aktiver. Er gelangt mit seiner Frau auf seine lúðr und bleibt dort sicher. Diese Fassung passt wesentlich besser zu einer Rettung aus einer Flut. Es ist deshalb möglich, dass Snorri eine ältere, bereits schwer verständliche poetische Stelle in einen ihm bekannten mythologischen Zusammenhang eingeordnet hat. Sicher beweisen lässt sich allerdings nicht, wie die Geschichte in einer noch älteren mündlichen Tradition erzählt wurde.

Die Frage ist deshalb nicht einfach, ob Bergelmir ein Boot besaß. Entscheidender ist, dass die erhaltenen Quellen unterschiedliche Ebenen der Überlieferung bewahren. Die Vafþrúðnismál gehört zur eddischen Dichtung und ist sprachlich stark verdichtet. Einzelne Begriffe können dort auf Vorstellungen anspielen, die dem damaligen Publikum bekannt waren, uns heute aber nicht mehr vollständig zugänglich sind. Snorri schrieb seine Prosa-Edda im 13. Jahrhundert und versuchte, ältere mythologische Dichtung zu erklären und in zusammenhängende Erzählungen einzuordnen.

Gerade dadurch ist seine Darstellung für das heutige Verständnis unverzichtbar, aber sie darf nicht automatisch mit einer wortgetreuen Wiedergabe wesentlich älterer Vorstellungen gleichgesetzt werden. Snorri bewahrt zahlreiche Mythen, die ohne sein Werk verloren wären. Gleichzeitig ordnet, verbindet und erklärt er das Material. Bei Bergelmir lässt sich besonders gut beobachten, wie ein knapper poetischer Hinweis durch Snorris Prosa zu einer ausführlicher verständlichen Erzählung wird.

Die lúðr ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, warum bei nordischer Mythologie zwischen Quelle und späterer Deutung unterschieden werden sollte. Eine moderne Darstellung kann durchaus schreiben, dass Bergelmir und seine Frau auf einem schwimmenden Behältnis der Flut entkamen. Vorsichtiger ist jedoch die Behauptung, bei diesem Gegenstand habe es sich zweifelsfrei um ein richtiges Schiff oder eine Arche gehandelt. Das geben die altnordischen Wörter nicht eindeutig her.

Auch der Vergleich mit der biblischen Arche Noah hat die moderne Wahrnehmung von Bergelmir stark beeinflusst. Die Parallelen sind leicht zu erkennen: Eine gewaltige Flut vernichtet fast ein ganzes Geschlecht, während ein Paar beziehungsweise eine Familie mithilfe eines Behältnisses überlebt und anschließend zur Grundlage neuer Generationen wird. Gerade diese Ähnlichkeit führt dazu, dass lúðr häufig automatisch als Arche verstanden wird.

Die Unterschiede sind jedoch ebenso wichtig. In der Geschichte von Bergelmir gibt es keine überlieferte göttliche Anweisung zum Bau eines Schiffes. Bergelmir erhält keine Warnung, sammelt keine Tiere und schließt nach der Katastrophe keinen Bund mit einer Gottheit. Die Flut entsteht auch nicht aufgrund eines moralischen Gerichts über die Riesen. Sie ist die unmittelbare Folge der Tötung Ymirs. Deshalb sollte der Mythos nicht einfach als nordische Version der biblischen Sintflut bezeichnet werden.

Ebenso wenig ist sicher, dass die Vorstellung von Bergelmir ursprünglich von einer anderen Fluterzählung übernommen wurde. Ähnliche Motive können in verschiedenen Traditionen auftreten, und die genaue Entwicklung einzelner Erzählungen lässt sich häufig nicht mehr rekonstruieren. Für die erhaltene nordische Überlieferung ist entscheidend, dass Bergelmir die Katastrophe überlebt und die Linie der Reifriesen fortgesetzt wird. Das konkrete Aussehen seiner lúðr bleibt dagegen unsicher.

Eine weitere Deutung verbindet den Begriff stärker mit der Vorstellung einer Mühle. Das Wort lúðr wird auch in Verbindung mit Mühlkonstruktionen verwendet, und in der eddischen Dichtung spielen Mühlen ebenfalls eine mythologisch aufgeladene Rolle. Einzelne Forscher haben deshalb erwogen, ob die Stelle über Bergelmir ursprünglich etwas mit einem kosmischen Mühlenmotiv zu tun haben könnte. Eine solche Deutung würde die Geschichte deutlich anders erscheinen lassen als Snorris Fluterzählung. Sie bleibt jedoch eine wissenschaftliche Interpretation und ist keine ausdrücklich erzählte Handlung der erhaltenen Vafþrúðnismál.

Gerade hier ist Zurückhaltung wichtig. Aus der möglichen Bedeutung „Mühlkasten“ lässt sich nicht einfach schließen, dass Bergelmir tatsächlich gemahlen wurde oder dass die gesamte Geschichte ursprünglich ein Mythos über eine kosmische Mühle gewesen sei. Solche Deutungen versuchen, einen schwierigen Vers verständlich zu machen. Sie zeigen interessante Möglichkeiten, können aber die verlorene ältere Erzählung nicht sicher wiederherstellen.

Für eine sachliche Darstellung ist deshalb die einfachste Formulierung zugleich die zuverlässigste: Bergelmir wird in der Vafþrúðnismál mit einer lúðr verbunden, deren genaue Bedeutung unsicher ist. Snorri deutet beziehungsweise verwendet diesen Gegenstand in der Geschichte von Ymirs Blutflut als Mittel, mit dem Bergelmir und seine Frau überleben. Spätere Übersetzungen geben ihn häufig als Schiff, Arche, Boot, Trog oder Behälter wieder.

Diese Unsicherheit schmälert die Bedeutung von Bergelmir keineswegs. Im Gegenteil zeigt sie, wie weit seine Geschichte zurückreicht. Ein Begriff, der bereits für mittelalterliche Erklärungen offenbar erklärungsbedürftig war, kann auf eine sehr alte und nur fragmentarisch erhaltene Erzähltradition hinweisen. Wir besitzen nicht mehr den vollständigen Mythos, sondern einzelne Spuren in poetischen Versen und späteren Prosadarstellungen.

Bergelmir wird dadurch zu einem guten Beispiel dafür, wie nordische Mythologie tatsächlich überliefert ist. Sie liegt nicht als ein einziges geschlossenes Buch aus vorchristlicher Zeit vor. Vielmehr stammen unsere Kenntnisse aus verschiedenen Handschriften, Gedichten und späteren Zusammenstellungen. Manche Erzählungen ergänzen einander, andere lassen Fragen offen. Die lúðr gehört zu jenen Einzelheiten, bei denen diese Grenzen besonders sichtbar werden.

Für das Verständnis der Flut bleibt dennoch ein klarer Kern erhalten. Ymir wird getötet, sein Blut vernichtet fast das gesamte frühe Riesengeschlecht, und Bergelmir überlebt gemeinsam mit seiner Frau. Snorris Fassung erklärt ausdrücklich, dass die späteren Geschlechter der Reifriesen von diesem Paar abstammen. Die Funktion der Rettung ist damit eindeutig, auch wenn das Rettungsmittel selbst rätselhaft bleibt.

Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz dieser kurzen Überlieferung. Bei bekannten Gegenständen wie Thors Hammer oder Odins Speer lassen sich Funktion und Form wenigstens grundsätzlich erkennen. Die lúðr von Bergelmir dagegen bleibt zwischen Mühlenkasten, Trog, Behälter und schwimmendem Rettungsmittel verborgen. Jeder Versuch einer eindeutigen bildlichen Darstellung muss deshalb bereits eine Entscheidung treffen, die der ursprüngliche Text nicht vollständig vorgibt.

Wer Bergelmir historisch und quellenorientiert darstellen möchte, sollte diese Unsicherheit sichtbar lassen. Ein Schiff ist eine mögliche bildliche Interpretation, aber keine unumstößliche Tatsache. Ein großer hölzerner Trog oder kastenartiger Behälter kommt dem sprachlichen Problem möglicherweise näher, lässt jedoch ebenfalls Fragen offen. Gerade eine zurückhaltende Darstellung entspricht deshalb besser dem Zustand der Quellen als eine präzise konstruierte nordische Arche.

Die rätselhafte lúðr erinnert letztlich daran, dass ein Teil der nordischen Mythologie unwiederbringlich verloren ist. Hinter wenigen erhaltenen Worten können Erzählungen gestanden haben, die dem mittelalterlichen Publikum noch vertraut waren. Heute lassen sich diese Zusammenhänge nur aus Sprachgebrauch, Parallelstellen und späteren Erklärungen erschließen. Bei Bergelmir bleibt deshalb nicht nur die Flut selbst bemerkenswert, sondern auch das merkwürdige Objekt, mit dem sein Überleben verbunden wurde.

Sicher ist vor allem das Ergebnis: Bergelmir und seine Frau überstehen die Katastrophe, während die alte Generation der Reifriesen weitgehend untergeht. Ob ihre lúðr ursprünglich als Mühlenkasten, Trog, Behälter oder etwas betrachtet wurde, das tatsächlich auf dem Blut schwimmen konnte, lässt sich nicht endgültig entscheiden. Gerade diese offene Frage macht die Überlieferung zu Bergelmir zu einem besonders anschaulichen Beispiel dafür, wie vorsichtig alte mythologische Texte gelesen werden müssen.

Flucht und Überleben nach Ymirs Tod

Der Tod Ymirs verändert die Welt der nordischen Schöpfungsüberlieferung grundlegend. Nachdem Odin und seine Brüder Vili und Vé das urzeitliche Wesen getötet haben, strömt eine gewaltige Menge Blut aus seinem Körper. Die Flut erfasst das frühe Riesengeschlecht und vernichtet nach Snorri Sturlusons Darstellung nahezu alle Reifriesen. Bergelmir und seine Frau bilden die entscheidende Ausnahme. Beide entkommen der Katastrophe und tragen damit die Abstammung der ältesten Riesen in die neu entstehende Welt weiter. Ihre Flucht gehört zu den kürzesten, zugleich aber folgenreichsten Episoden der nordischen Kosmologie.

Wie genau die Rettung abläuft, schildern die erhaltenen Quellen nur knapp. Es gibt keine ausführliche Erzählung darüber, wann Bergelmir die Gefahr erkennt, wie schnell sich das Blut Ymirs ausbreitet oder welchen Weg das Paar nimmt. Ebenso fehlen Angaben über die Dauer der Flut und über mögliche Hindernisse während der Flucht. Die Überlieferung konzentriert sich auf das Wesentliche: Fast alle Angehörigen des frühen Riesengeschlechts sterben, während das Paar die Katastrophe überlebt. Gerade diese Knappheit unterscheidet den Mythos von späteren ausführlichen Flutgeschichten.

Nach Snorris Darstellung gelingt die Rettung mithilfe einer lúðr. Die genaue Bedeutung dieses altnordischen Wortes ist nicht eindeutig. Es kann mit einem hölzernen Behälter, einem Trog oder einer Konstruktion im Zusammenhang mit einer Mühle verbunden werden. In zahlreichen modernen Übersetzungen wird daraus ein Boot oder eine Art Arche. Sicher lässt sich nur sagen, dass Bergelmir und seine Frau mithilfe dieses Gegenstandes dem Blut entkommen. Eine genaue Konstruktion oder ein bestimmter Schiffstyp ist in den mittelalterlichen Quellen nicht beschrieben.

Die Unbestimmtheit der lúðr verändert jedoch nichts an der grundlegenden Funktion der Geschichte. Die Rettung muss ermöglichen, dass wenigstens ein Teil des Riesengeschlechts den kosmischen Umbruch übersteht. Bergelmir ist deshalb nicht einfach ein glücklicher Überlebender unter vielen. Seine Rettung besitzt eine genealogische Bedeutung. Mit ihm und seiner Frau bleibt eine Linie erhalten, deren Ursprung über Thrudgelmir bis zu Ymir beziehungsweise Aurgelmir zurückreicht. Das Geschlecht der Jötnar wird damit nicht vollständig durch die Entstehung der neuen Welt ausgelöscht.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Quellen keine göttliche Hilfe bei dieser Rettung erwähnen. Es gibt keinen Gott, der das Paar warnt oder ein Rettungsmittel bereitstellt. Ebenso wenig wird berichtet, dass Odin, Vili oder Vé einen Teil der Riesen bewusst verschonen. Bergelmir entkommt der Katastrophe, ohne dass seine Rettung ausdrücklich als Teil eines göttlichen Plans erklärt wird. Dadurch unterscheidet sich die Erzählung deutlich von Flutmythen, in denen ein höheres Wesen bestimmte Menschen oder Tiere auswählt und vor dem kommenden Untergang schützt.

Auch eine moralische Begründung fehlt. Bergelmir wird nicht als besonders gerecht, friedfertig oder fromm dargestellt. Seine Frau erhält ebenfalls keine Eigenschaften, durch die sich ihre Rettung erklären ließe. Der Mythos erzählt keine Prüfung und keine Belohnung. Das Überleben dient vor allem dazu, die Kontinuität des Riesengeschlechts zu erklären. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu späteren Interpretationen, die versuchen, die Geschichte nach dem Muster einer religiösen Rettungserzählung zu lesen.

Der Zeitpunkt der Flucht liegt an einer entscheidenden Grenze der kosmischen Geschichte. Vor Ymirs Tod existiert noch keine vollständig geordnete Welt. Danach beginnen Odin und seine Brüder, den Körper des Urwesens zu zerlegen und daraus Erde, Berge, Himmel und Gewässer zu formen. Bergelmir verlässt somit nicht einfach einen überschwemmten Ort. Er überlebt den Zusammenbruch einer ursprünglichen Welt und erlebt den Übergang zu einer völlig neuen kosmischen Ordnung.

Gerade dieser Wechsel macht seine Geschichte so außergewöhnlich. Die meisten bekannten Gestalten der nordischen Mythologie existieren bereits innerhalb des geordneten Kosmos. Sie bewegen sich zwischen Asgard, Midgard, Jötunheim und anderen Bereichen. Für Bergelmir gilt dies zunächst nicht. Seine Herkunft reicht in jene Phase zurück, in der diese Räume noch nicht eingerichtet sind. Nach der Flut lebt er jedoch in einer Welt weiter, deren Struktur sich grundlegend von der seiner Vorfahren unterscheidet.

Die neue Welt besteht zudem aus dem Körper Ymirs. Sein Fleisch wird zur Erde, seine Knochen werden zu Bergen, sein Schädel bildet den Himmel und sein Blut wird zu den Gewässern. Damit lebt Bergelmir nach seiner Rettung innerhalb eines Kosmos, dessen Material aus seinem eigenen Ahnherrn hervorgegangen ist. Der Tod Ymirs bedeutet also nicht, dass dieser vollständig verschwindet. Seine körperlichen Bestandteile bleiben überall sichtbar, während seine genealogische Linie durch die Überlebenden fortgeführt wird.

Dieser doppelte Fortbestand gehört zu den auffälligsten Elementen des Mythos. Auf der materiellen Ebene bleibt Ymir als Welt erhalten. Auf der genealogischen Ebene bleibt sein Geschlecht erhalten. Bergelmir bildet dabei die entscheidende Verbindung. Ohne seine Flucht wäre die alte Abstammung zwar noch in der Landschaft gegenwärtig, aber nicht mehr in lebenden Nachkommen. Durch sein Überleben bestehen beide Formen der Kontinuität nebeneinander.

Über den unmittelbaren Aufenthaltsort nach der Katastrophe erfahren wir wenig. Die Quellen schildern keine lange Wanderung und nennen keinen bestimmten Platz, an dem das Paar erstmals wieder festen Boden erreicht. Spätere Riesen werden mit Jötunheim und anderen abgelegenen Bereichen verbunden, doch eine genaue Reise Bergelmirs dorthin wird nicht erzählt. Jede detaillierte Route wäre daher eine moderne Ergänzung und keine überlieferte Episode.

Ebenso wenig wissen wir, wie das Paar nach der Flut lebte. Es werden weder Behausungen noch Nahrung, Werkzeuge oder alltägliche Tätigkeiten beschrieben. Der Mythos interessiert sich nicht für die praktische Frage, wie zwei Überlebende nach einer solchen Katastrophe ihren Alltag organisieren. Entscheidend ist lediglich, dass das Geschlecht weiterbesteht. Bergelmir ist deshalb vor allem eine kosmologische und genealogische Gestalt, keine Figur eines ausführlichen Überlebensabenteuers.

Die spätere Bezeichnung als Stammvater der Riesengeschlechter ergibt sich genau aus dieser Funktion. Snorris Überlieferung verbindet die folgenden Generationen der Reifriesen mit dem überlebenden Paar. Allerdings werden die direkten Kinder nicht namentlich genannt. Es fehlt eine vollständige Reihe von Nachkommen, die von Bergelmir bis zu bekannten späteren Jötnar führt. Die Aussage bleibt allgemein und erklärt die Fortsetzung des Geschlechts, ohne jeden einzelnen Stammbaum auszuarbeiten.

Das macht die Erzählung nicht weniger bedeutend. In mythologischen Genealogien reicht häufig die Vorstellung eines überlebenden Ursprungspaares aus, um eine neue Phase einzuleiten. Vor der Flut führt die Linie zu Ymir zurück. Nach der Flut beginnt eine neue Generation unter veränderten kosmischen Bedingungen. Bergelmir steht genau im Mittelpunkt dieses Übergangs und verbindet die ältere und die jüngere Geschichte der Riesen.

Die Flucht zeigt außerdem, dass die von den Göttern geschaffene Ordnung niemals vollständig von der vorherigen Welt getrennt ist. Odin und seine Brüder können Ymir töten und seinen Körper umgestalten, doch sie beseitigen nicht sämtliche Nachkommen. Ein Teil der alten Welt bleibt lebendig. Bergelmir trägt diese ältere Herkunft in den neuen Kosmos hinein und sorgt dafür, dass die Jötnar weiterhin eine eigenständige Gruppe innerhalb der Mythologie bilden.

Gerade daraus entsteht eine besondere Spannung zwischen Göttern und Riesen. Die Asen stehen für eine Ordnung, die nach dem Tod Ymirs geschaffen wird. Die Riesen besitzen dagegen eine Abstammung, die bis vor diese Ordnung zurückreicht. Sie sind deshalb keine Wesen, die lediglich innerhalb der göttlichen Schöpfung entstanden. Ihre Wurzeln liegen tiefer. Über Bergelmir reicht ihre genealogische Geschichte in eine Zeit zurück, in der die Welt der Götter in ihrer späteren Form noch gar nicht existierte.

Der Mythos erklärt damit auch, warum die Riesen in späteren Geschichten immer wieder als Gegenkräfte zur göttlichen Ordnung auftreten können. Ihre Existenz stammt nicht aus derselben Ordnung, die Odin und seine Brüder errichten. Trotzdem wäre es zu einfach, aus der Flucht eine bewusste Gründung einer feindlichen Gemeinschaft abzuleiten. Bergelmir wird nicht als Anführer eines Rachefeldzuges beschrieben. Die Überlieferung kennt keinen Schwur, mit dem er seine Nachkommen gegen die Götter verpflichtet.

Seine Bedeutung liegt vielmehr im bloßen Fortbestand. Das Überleben selbst wird zum entscheidenden Ereignis. Während fast alle Angehörigen der alten Generation verschwinden, bleibt eine Linie bestehen. Diese Linie führt später zu einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Jötnar. Manche bekämpfen die Götter, manche verfügen über besonderes Wissen und andere gehen familiäre Verbindungen mit göttlichen Gestalten ein. Die Nachkommenschaft bildet also keine vollkommen einheitliche Gruppe.

Das verdeutlicht zugleich, warum Bergelmir nicht als einfacher Ursprung des „Bösen“ verstanden werden sollte. Die nordische Mythologie kennt keine klare Trennung, nach der alle Götter gut und alle Riesen böse wären. Zwischen beiden Gruppen bestehen Verwandtschaften, Beziehungen und Wissensaustausch. Einige der bedeutendsten Götter besitzen selbst riesische Vorfahren. Das Überleben des alten Geschlechts führt deshalb nicht zur Entstehung einer rein feindlichen Gegenwelt, sondern bewahrt einen grundlegenden Bestandteil des nordischen Kosmos.

Die Flucht von Bergelmir kann vielmehr als Erhaltung einer älteren kosmischen Schicht verstanden werden. Die neue Welt ersetzt die alte nicht vollständig. Sie wird aus ihr geschaffen und trägt ihre Spuren weiter. Ymirs Körper bleibt in der Landschaft, während seine Abstammung in den Riesen fortbesteht. Die gesamte spätere Mythologie spielt somit in einer Welt, die ihre eigene Vorgeschichte niemals vollständig hinter sich lässt.

Gerade darin unterscheidet sich die Erzählung von einer einfachen Geschichte über Zerstörung und Neubeginn. Es gibt keinen völligen Neustart. Was vorher existierte, wird verwandelt. Das Blut wird zum Meer, die Knochen werden zu Bergen und die alte Riesengenealogie setzt sich durch Bergelmir fort. Die neue Ordnung entsteht aus der alten und enthält sie weiterhin in veränderter Form.

Der Überlebende selbst bleibt dabei bemerkenswert still. Nach der Rettung werden ihm keine großen Taten zugeschrieben. Er kämpft nicht gegen Odin, errichtet kein berühmtes Bauwerk und besitzt kein magisches Artefakt, das später wieder auftaucht. Trotzdem wirkt seine Geschichte weit über den kurzen Moment der Flucht hinaus. Jeder spätere Fortbestand des Riesengeschlechts erinnert indirekt daran, dass die Vernichtung nach Ymirs Tod nicht vollständig war.

Die Geschichte von Bergelmir zeigt damit, wie eine sehr kurze Episode eine große mythologische Funktion erfüllen kann. Wenige Aussagen reichen aus, um einen Übergang zwischen zwei Weltzuständen zu erklären. Die alte Generation geht unter, ein Paar überlebt und die Abstammung setzt sich fort. Mehr benötigt die Überlieferung nicht, um die spätere Existenz der Jötnar mit der frühesten Schöpfungszeit zu verbinden.

So endet die Flucht nicht einfach mit der Rettung zweier Leben. Sie verhindert das vollständige Aussterben eines der ältesten Geschlechter der nordischen Mythologie. Bergelmir trägt gemeinsam mit seiner Frau die Linie Ymirs über den kosmischen Umbruch hinweg. Während um beide herum eine neue Welt aus dem Körper ihres Ahnherrn entsteht, bleibt durch sie zugleich ein lebender Teil der vorherigen Welt erhalten. Genau darin liegt die besondere Bedeutung ihres Überlebens nach Ymirs Tod.

Der Neubeginn des Riesengeschlechts

Mit dem Überleben der großen Flut beginnt für das Riesengeschlecht in der nordischen Mythologie eine neue Phase. Die älteste Generation, die unmittelbar aus Ymir hervorgegangen war, ist nach der Tötung des Urwesens weitgehend vernichtet worden. Nur Bergelmir und seine Frau entkommen der Katastrophe. Damit endet die Geschichte der Riesen jedoch nicht. Im Gegenteil: Gerade durch das überlebende Paar entsteht die Verbindung zwischen den urzeitlichen Reifriesen und den späteren Jötnar, die in zahlreichen Erzählungen der nordischen Mythologie auftreten. Bergelmir steht dadurch an einem entscheidenden Übergang zwischen Untergang und Neubeginn.

Vor der Flut reicht die Abstammungslinie der Riesen bis unmittelbar an den Beginn der Welt zurück. Aurgelmir, der gewöhnlich mit Ymir gleichgesetzt wird, gilt als eines der frühesten lebenden Wesen. Aus ihm entstehen weitere Angehörige des Geschlechts. Über Thrudgelmir führt die genealogische Linie schließlich zu Bergelmir. Diese wenigen Generationen gehören noch zu einer Zeit, in der die geordnete Welt mit ihren später bekannten Bereichen nicht geschaffen worden ist. Erst durch den Tod Ymirs verändert sich dieser Zustand grundlegend.

Odin und seine Brüder Vili und Vé töten Ymir und verwenden seinen Körper anschließend zur Gestaltung des Kosmos. Die Erde, die Berge, das Meer und der Himmel entstehen nach der überlieferten Vorstellung aus den verschiedenen Teilen des Urwesens. Gleichzeitig führt das aus seinen Wunden strömende Blut zum Untergang der frühen Reifriesen. Bergelmir überlebt gemeinsam mit seiner Gefährtin. Damit wird das Paar zu einem lebenden Rest jener älteren Welt, die durch die Schöpfung der neuen Ordnung weitgehend verschwunden ist.

Der Neubeginn des Riesengeschlechts ist deshalb kein völliger Neuanfang. Es werden nicht einfach neue Riesen erschaffen, nachdem die vorherigen vernichtet wurden. Vielmehr setzt sich eine bereits bestehende Abstammung fort. Bergelmir trägt die Linie Ymirs durch die Katastrophe hindurch. Die späteren Jötnar können dadurch als Nachkommen eines Geschlechts verstanden werden, dessen Ursprung älter ist als die von den Göttern gestaltete Welt.

Gerade diese Kontinuität ist für die Stellung der Riesen im nordischen Kosmos wichtig. Sie sind nicht bloß Bewohner eines Gebietes außerhalb Asgards, die irgendwann nach der Weltschöpfung entstanden sind. Ihre Herkunft reicht in eine frühere kosmische Phase zurück. Durch Bergelmir bleibt die Erinnerung daran innerhalb der Genealogie erhalten. Die Riesen gehören damit zu den ältesten Wesen überhaupt und besitzen eine Vergangenheit, die vor der Ordnung der Asen beginnt.

Die mittelalterlichen Quellen liefern allerdings keinen ausführlichen Bericht darüber, wie sich das Riesengeschlecht nach der Rettung konkret wieder vermehrt. Die Kinder des überlebenden Paares werden nicht namentlich aufgezählt. Ebenso fehlen Angaben darüber, wie viele Generationen zwischen Bergelmir und den später bekannten Jötnar liegen. Die Überlieferung beschränkt sich auf die grundlegende Aussage, dass von dem geretteten Paar weitere Geschlechter ausgehen.

Diese Lücke sollte nicht mit erfundenen Stammbäumen gefüllt werden. Es wäre verlockend, bekannte Riesen wie Hrungnir, Þrymr oder andere Gestalten direkt als Söhne, Enkel oder Urenkel Bergelmirs einzuordnen. Dafür bieten die erhaltenen Texte jedoch keine sichere Grundlage. Der Mythos arbeitet auf einer allgemeineren Ebene. Bergelmir wird zum Stammvater einer neuen Phase des Riesengeschlechts, ohne dass sämtliche späteren Familienlinien im Einzelnen dokumentiert werden.

Der Begriff Stammvater beschreibt seine Funktion deshalb besser als die Vorstellung eines ersten Herrschers. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Bergelmir nach der Katastrophe zum König aller Riesen aufsteigt. Die nordischen Quellen schildern das Riesengeschlecht ohnehin nicht als einheitlichen Staat mit einer zentralen Regierung. Spätere Jötnar leben an unterschiedlichen Orten, besitzen eigene Hallen und Familien und verfolgen teilweise sehr verschiedene Interessen.

Der Neubeginn bedeutet daher auch nicht die Gründung eines geschlossenen Riesenreiches. Vielmehr bildet sich eine Vielzahl von Linien und Gestalten heraus. Manche Jötnar werden als besonders stark beschrieben, andere sind für ihre Weisheit bekannt. Einige treten als gefährliche Gegner der Götter auf, während andere Beziehungen mit ihnen eingehen. Diese Vielfalt gehört zu den auffälligsten Merkmalen des späteren Riesengeschlechts und zeigt, dass die gemeinsame Abstammung keine einheitliche Persönlichkeit oder Rolle erzeugt.

Bergelmir steht dennoch hinter dieser Vielfalt als Verbindung zum urzeitlichen Ursprung. Sein Überleben erklärt, warum die Riesen nach der großen Flut weiterhin existieren. Gleichzeitig bewahrt er ihre genealogische Eigenständigkeit. Sie werden nach der Katastrophe nicht zu einer Schöpfung Odins, sondern bleiben Nachkommen einer Linie, die bereits vor dem Aufstieg der Asen vorhanden war.

Das verändert auch den Blick auf die späteren Konflikte zwischen Göttern und Riesen. Die Jötnar treten nicht einfach als äußere Eindringlinge in eine Welt ein, die ausschließlich den Göttern gehört. Ihre Vorfahren waren bereits vorhanden, bevor diese Welt geordnet wurde. Über Bergelmir reicht ihre Abstammung in die Zeit Ymirs zurück. Damit besitzen sie innerhalb des Kosmos eine ebenso alte, wenn auch andersartige Herkunft.

Die Götter schaffen zwar die neue Ordnung, aber sie schaffen nicht sämtliche Wesen, die darin leben. Gerade das Riesengeschlecht erinnert daran, dass der Kosmos aus älteren Bestandteilen zusammengesetzt ist. Ymir selbst wird zum Material der Welt, während Bergelmir die lebende Linie seines Geschlechts bewahrt. Auf diese Weise bleibt die alte Welt gleichzeitig in der Landschaft und in ihren Nachkommen erhalten.

Der Neubeginn nach der Flut trägt deshalb einen starken Gedanken der Fortsetzung in sich. Der Tod Ymirs führt zu einer beinahe vollständigen Vernichtung, doch er löscht die Vergangenheit nicht aus. Das Meer besteht aus seinem Blut, Berge werden aus seinen Knochen gebildet und die Erde aus seinem Fleisch. Ebenso tragen die späteren Riesen über Bergelmir die Abstammung des Urwesens weiter. Die neue Welt entsteht nicht neben der alten, sondern aus ihr.

Für das Verständnis der nordischen Mythologie ist dieser Gedanke wichtig. Die Welt wird häufig durch Übergänge geprägt, bei denen etwas Altes zerstört wird, aber in veränderter Form bestehen bleibt. Der Tod führt nicht zwangsläufig zum völligen Verschwinden. Stattdessen können aus ihm neue Strukturen hervorgehen. Bei Ymir wird der Körper zur Welt. Beim Riesengeschlecht führt die Katastrophe zu einem genealogischen Neubeginn.

Bergelmir verkörpert genau diese Verbindung von Verlust und Fortbestand. Er gehört noch zu den ältesten Generationen der Riesen und erlebt gleichzeitig den Beginn einer neuen Epoche. Seine Nachkommen leben nicht mehr in derselben urzeitlichen Umgebung wie Ymir und Thrudgelmir. Sie bewegen sich innerhalb eines geordneten Kosmos mit verschiedenen Bereichen und Grenzen. Trotzdem bleibt ihre Herkunft an die ältere Welt gebunden.

Die spätere Verbindung der Riesen mit Jötunheim gehört zu dieser neuen kosmischen Ordnung. Jötunheim erscheint als einer der Bereiche, in denen viele Jötnar leben und von denen aus sie mit den Göttern in Kontakt oder Konflikt geraten. Die erhaltenen Quellen erzählen jedoch nicht ausführlich, wie Bergelmir dieses Gebiet erreicht oder dort eine erste Siedlung gründet. Eine solche Gründungsgeschichte wäre eine moderne Ergänzung.

Ebenso wenig wird berichtet, dass er persönlich die Regeln oder Lebensweisen der späteren Riesen festlegte. Der Mythos kennt keinen Gesetzgeber Bergelmir und keinen Bericht über die Organisation des neuen Geschlechts. Seine Bedeutung ist grundlegender. Er sorgt allein durch sein Überleben und die Fortsetzung seiner Linie dafür, dass nach der Vernichtung der ersten Generation überhaupt weitere Riesen existieren können.

Diese Zurückhaltung macht seine Rolle zugleich besonders interessant. Viele mythologische Stammväter werden mit großen Taten, Herrschaft oder kulturellen Leistungen verbunden. Bei Bergelmir genügt das Überleben. Er muss keine Städte bauen, keine Waffen erfinden und kein Reich erobern. Seine entscheidende Leistung innerhalb der Erzählstruktur besteht darin, die genealogische Kontinuität zu bewahren.

Seine Frau ist dabei unverzichtbar. Obwohl ihr Name nicht überliefert wird, bildet sie gemeinsam mit Bergelmir das Paar, von dem die Fortsetzung des Geschlechts ausgehen kann. Der Neubeginn ist deshalb nicht allein an eine männliche Gestalt gebunden. Die Überlieferung nennt ausdrücklich zwei Überlebende. Damit wird die Möglichkeit neuer Generationen unmittelbar verständlich.

Der Fortbestand führt schließlich zu jener großen Vielfalt an Jötnar, die die späteren nordischen Mythen prägt. Riesen begegnen Thor auf seinen Reisen, treten in Wissenswettstreiten gegen Odin an, versuchen göttliche Frauen zu gewinnen oder werden selbst zu Partnern von Göttern. Andere bewahren besondere Gegenstände, besitzen uraltes Wissen oder stehen mit Naturkräften in Verbindung. All diese Gestalten gehören zu einer Welt, deren Vorgeschichte über Bergelmir bis zur frühesten kosmischen Zeit zurückreicht.

Gerade die Beziehungen zwischen Göttern und Riesen zeigen, dass der Neubeginn nicht einfach eine neue Front zwischen zwei klar getrennten Völkern erzeugt. Beide Gruppen bleiben genealogisch und erzählerisch miteinander verflochten. Odin besitzt durch seine Mutter Bestla selbst riesische Abstammung. Mehrere Götter verbinden sich mit Riesinnen, und aus solchen Beziehungen entstehen wiederum bedeutende Gestalten. Die gemeinsame Welt nach der Flut ist daher von Konflikt ebenso geprägt wie von Verwandtschaft.

Bergelmir steht am Anfang dieser späteren komplexen Beziehungen, ohne selbst in ihnen eine größere aktive Rolle einzunehmen. Seine Geschichte endet weitgehend dort, wo die neue Entwicklung des Riesengeschlechts beginnt. Gerade dadurch erhält er den Charakter einer Übergangsgestalt. Er gehört dem alten Zeitalter an, öffnet aber genealogisch den Weg in das neue.

Der Neubeginn des Riesengeschlechts sollte deshalb nicht als vollständige Trennung von der Vergangenheit verstanden werden. Die alten Riesen verschwinden größtenteils, aber ihre Linie bleibt bestehen. Ihre Nachkommen leben unter neuen Bedingungen, tragen jedoch weiterhin einen Ursprung in sich, der älter ist als Midgard, Asgard und die meisten anderen Strukturen des geordneten Kosmos.

Bergelmir macht diese Kontinuität besonders deutlich. Durch ihn endet die Geschichte der Riesen nicht mit der Vernichtung der ersten Generation. Stattdessen beginnt eine neue Phase, aus der die zahlreichen Jötnar der späteren Überlieferung hervorgehen können. Sein Überleben verwandelt eine beinahe vollständige Auslöschung in einen genealogischen Übergang.

Damit wird Bergelmir zu einer der zentralen Gestalten für das Verständnis der Herkunft der späteren Riesen. Nicht durch Macht, Kampf oder Herrschaft, sondern durch Fortbestand verbindet er die ersten Wesen der Schöpfungszeit mit den Jötnar der geordneten Welt. Die Flut markiert das Ende einer Generation, doch sie beendet nicht das Riesengeschlecht. Durch Bergelmir und seine Frau bleibt die alte Linie erhalten und kann sich innerhalb des neu geschaffenen Kosmos fortsetzen.

Verbindung zu den späteren Jötnar

Bergelmir bildet in der nordischen Mythologie die entscheidende Verbindung zwischen den urzeitlichen Reifriesen und den zahlreichen Jötnar, die in den späteren Erzählungen auftreten. Während Ymir beziehungsweise Aurgelmir noch zur frühesten Phase der Schöpfung gehört, führt die Linie über Thrudgelmir zu Bergelmir und von dort in jene Generationen weiter, die innerhalb des bereits geordneten Kosmos leben. Dadurch besitzen die späteren Riesen eine Herkunft, die weit über Jötunheim und die bekannten Auseinandersetzungen mit den Göttern hinausreicht. Ihre Wurzeln liegen in einer Zeit, in der die heutige Welt noch nicht geschaffen war.

Die erhaltenen Quellen liefern allerdings keinen lückenlosen Stammbaum zwischen Bergelmir und allen später bekannten Jötnar. Es werden weder seine unmittelbaren Kinder ausführlich genannt noch die Generationen aufgezählt, die schließlich zu Gestalten wie Hrungnir, Þrymr oder Vafþrúðnir führen. Die Verbindung ist allgemeiner. Snorri Sturluson erklärt, dass von dem nach der Flut geretteten Paar die späteren Geschlechter der Reifriesen abstammen. Damit besitzt die Überlieferung einen genealogischen Ausgangspunkt, ohne jede einzelne Linie vollständig auszuarbeiten.

Gerade diese offene Genealogie ist typisch für die nordische Mythologie. Die Quellen konzentrieren sich meist auf diejenigen Verwandtschaftsbeziehungen, die für eine bestimmte Geschichte von Bedeutung sind. Bei manchen Gestalten kennen wir Eltern, Geschwister oder Kinder, während andere plötzlich innerhalb einer Erzählung erscheinen, ohne dass ihre Herkunft näher erläutert wird. Bergelmir steht deshalb weniger am Anfang eines vollständig überlieferten Stammbaums als vielmehr am Anfang einer neuen Phase des Riesengeschlechts.

Die späteren Jötnar unterscheiden sich deutlich von den frühesten Wesen der Schöpfungszeit. Ymir ist ein kosmisches Urwesen, dessen Körper nach seinem Tod selbst zur Grundlage der Welt wird. Thrudgelmir wird nur in einer kurzen genealogischen Angabe erwähnt. Bergelmir wiederum gehört noch zu dieser uralten Generation, überlebt aber den entscheidenden Übergang. Seine Nachkommen erscheinen dagegen innerhalb einer Welt mit Bergen, Meeren, Grenzen, Wohnorten und verschiedenen kosmischen Bereichen.

Dieser Unterschied zeigt, wie sich die Stellung des Riesengeschlechts verändert. Die ältesten Riesen gehören noch zur Entstehung des Lebens selbst. Die späteren Jötnar sind Bewohner des geschaffenen Kosmos. Sie leben in eigenen Hallen, besitzen Familien und treten in Beziehungen zu Göttern und anderen Wesen. Trotzdem bleibt ihre Abstammung über Bergelmir mit der Zeit vor dieser Ordnung verbunden.

Besonders häufig werden die späteren Jötnar mit Jötunheim in Verbindung gebracht. Dieser Bereich liegt außerhalb der geschützten Menschenwelt Midgard und steht zugleich in einem spannungsvollen Verhältnis zu Asgard. In vielen Erzählungen reisen Götter in das Gebiet der Riesen oder Riesen überschreiten die Grenzen zur Welt der Götter. Jötunheim ist damit nicht einfach ein fernes Land ohne Bedeutung, sondern einer der wichtigsten Schauplätze für Begegnungen zwischen unterschiedlichen kosmischen Gruppen.

Bergelmir selbst wird allerdings nicht ausdrücklich als Gründer Jötunheims beschrieben. Es gibt keine erhaltene Erzählung, in der er nach der Flut ein Gebiet auswählt, Grenzen festlegt und dort ein Reich errichtet. Solche Vorstellungen wären moderne Ergänzungen. Seine Bedeutung liegt weiterhin in der genealogischen Fortsetzung des Geschlechts. Die spätere Verbindung der Riesen mit Jötunheim gehört zur neuen Weltordnung, doch die genaue Entwicklung dorthin bleibt in den Quellen offen.

Die Nachkommen des überlebenden Riesengeschlechts treten später in sehr unterschiedlichen Rollen auf. Einige erscheinen als gefährliche Gegner der Götter. Hrungnir etwa wird als außergewöhnlich mächtiger Riese beschrieben, der schließlich gegen Thor kämpft. Þrymr stiehlt Mjölnir und verlangt Freyja als Gegenleistung für die Rückgabe des Hammers. Andere Jötnar besitzen weniger kämpferische Rollen und werden vor allem durch Wissen, Verwandtschaft oder besondere Fähigkeiten wichtig.

Vafþrúðnir ist ein besonders gutes Beispiel für diese Vielfalt. Er wird als außerordentlich weiser Riese dargestellt und tritt gegen Odin in einem Wissenswettstreit an. Dabei kennt er die älteste Geschichte der Welt und auch die Genealogie, zu der Bergelmir gehört. Seine Rolle zeigt, dass die Jötnar nicht lediglich als körperlich starke Gegner gedacht wurden. Manche verfügen über Wissen, das selbst für den obersten Gott von Interesse ist.

Diese Verbindung von Riesengeschlecht und uraltem Wissen passt zu ihrer Herkunft. Wenn die Linie der Jötnar über Bergelmir bis vor die Schaffung der geordneten Welt zurückreicht, können sie innerhalb der Erzählungen als Träger einer besonders alten Erinnerung erscheinen. Sie gehören genealogisch zu einer Vergangenheit, die den meisten anderen Wesen vorausgeht. Ihre Weisheit kann deshalb mit einer Welt verbunden sein, deren Ursprünge sie gewissermaßen aus der eigenen Abstammung kennen.

Gleichzeitig sind die späteren Riesen keineswegs vollständig von den Göttern getrennt. Zwischen beiden Gruppen bestehen zahlreiche verwandtschaftliche Verbindungen. Odin selbst ist über seine Mutter Bestla mit dem Riesengeschlecht verbunden. Die Abstammungslinien der Asen und Jötnar überschneiden sich damit bereits sehr früh. Auch später gehen Götter Beziehungen mit Riesinnen ein oder stammen von ihnen ab.

Freyr und Gerðr gehören zu den bekanntesten Beispielen. Gerðr ist eine Riesin, die schließlich mit dem Gott Freyr verbunden wird. Skadi stammt ebenfalls aus dem Riesengeschlecht und tritt nach dem Tod ihres Vaters Þjazi in Asgard auf. Sie heiratet Njörd und wird in der späteren Mythologie selbst eng mit der göttlichen Welt verbunden. Solche Erzählungen zeigen, dass die Nachkommen der alten Riesenlinie nicht ausschließlich außerhalb der Ordnung der Götter stehen.

Die Verbindung zu Bergelmir bedeutet daher nicht, dass alle späteren Jötnar eine gemeinsame feindliche Haltung besitzen. Die nordische Mythologie kennt keine einfache Teilung in gute Götter und böse Riesen. Zwar gibt es zahlreiche gewaltsame Konflikte, doch ebenso finden sich Verwandtschaft, Heirat, Austausch und gegenseitige Abhängigkeit. Die Grenzen zwischen den Gruppen sind gesellschaftlich und kosmologisch wichtig, genealogisch aber immer wieder durchlässig.

Auch Thor, der berühmteste Gegner der Jötnar, steht nicht außerhalb dieser Verflechtungen. Seine eigene Herkunft ist mit Wesen verbunden, die nicht einfach in eine klare göttliche Kategorie passen. Gleichzeitig verbringt er einen erheblichen Teil seiner mythologischen Abenteuer damit, Riesen zu bekämpfen. Dieser scheinbare Widerspruch ist typisch für die nordische Überlieferung. Verwandtschaft verhindert Konflikt nicht, und Feindschaft schließt gemeinsame Abstammungen nicht aus.

Vor diesem Hintergrund wird die Rolle von Bergelmir besonders interessant. Der Überlebende der großen Flut steht am Anfang einer Linie, die später sowohl Gegner als auch Verwandte der Götter hervorbringt. Sein Geschlecht entwickelt sich nicht zu einer einheitlichen Macht, sondern verzweigt sich in zahlreiche Familien und Einzelgestalten. Die gemeinsame Herkunft bleibt bestehen, während die Rollen der einzelnen Jötnar sehr unterschiedlich werden.

Die späteren Konflikte dürfen deshalb auch nicht automatisch als Rache für den Tod Ymirs verstanden werden. Eine solche Interpretation klingt zwar zunächst plausibel. Odin und seine Brüder töten den Ahnherrn der Riesen, dessen Blut beinahe das gesamte frühe Geschlecht vernichtet. Dennoch berichten die Quellen nicht, dass Bergelmir seinen Nachkommen einen Auftrag zur Vergeltung hinterlassen hätte. Ebenso wenig berufen sich spätere Riesen ausdrücklich auf die Flut, wenn sie gegen die Götter kämpfen.

Der Gegensatz zwischen Asen und Jötnar ist tiefer und vielschichtiger. Die Götter stehen häufig für die aufrechterhaltene Ordnung des Kosmos, während die Riesen Kräfte verkörpern können, die außerhalb dieser Ordnung liegen oder ihre Grenzen herausfordern. Da ihre Abstammung über Bergelmir bis in die Welt vor dieser Ordnung reicht, besitzen sie dafür eine besondere mythologische Ausgangslage. Sie erinnern daran, dass die Welt der Asen nicht der absolute Anfang aller Dinge ist.

Gleichzeitig sind die Riesen für die Götter immer wieder unverzichtbar. Wissen, Beziehungen und sogar wichtige genealogische Linien führen zu ihnen. Auch besondere Gegenstände oder Fähigkeiten können mit Jötnar verbunden sein. Der Kosmos funktioniert deshalb nicht nach einer einfachen Vorstellung, in der eine Seite vollständig beseitigt werden müsste. Die Riesen bilden vielmehr einen dauerhaften Gegenpol, der gleichzeitig Teil derselben Welt ist.

Diese Stellung reicht bis Ragnarök. Dort treten verschiedene Kräfte gegen die Götter an, und auch Gestalten aus dem Umfeld der Riesen spielen eine wichtige Rolle. Der Konflikt zwischen Ordnung und ihren Gegenspielern erreicht seinen Höhepunkt. Dennoch sollte auch Ragnarök nicht als bloße Fortsetzung einer persönlichen Feindschaft verstanden werden, die Bergelmir begonnen hätte. Zwischen der Flut nach Ymirs Tod und den Ereignissen am Weltende liegen zahlreiche eigenständige mythologische Entwicklungen.

Bergelmir bleibt vielmehr der genealogische Ausgangspunkt, durch den die ältere Riesentradition überhaupt in der späteren Welt bestehen kann. Ohne seine Rettung wäre die Verbindung zwischen Ymir und den Jötnar der bekannten Mythen unterbrochen. Gerade weil die Quellen ihn nach seiner Flucht kaum noch aktiv auftreten lassen, wird deutlich, dass seine wichtigste Aufgabe innerhalb der Erzählstruktur bereits erfüllt ist: Das Geschlecht hat überlebt.

Die späteren Jötnar tragen dadurch eine doppelte Zugehörigkeit. Einerseits leben sie innerhalb des von den Göttern geordneten Kosmos und sind Teil seiner Geschichten. Andererseits stammt ihre Linie aus einer Zeit vor dieser Ordnung. Diese doppelte Stellung erklärt, warum sie gleichzeitig innerhalb und außerhalb der göttlichen Welt erscheinen können. Sie sind Bewohner des Kosmos, aber ihre genealogischen Wurzeln reichen tiefer als viele seiner späteren Grenzen.

Die Verbindung von Bergelmir zu den späteren Jötnar besteht deshalb weniger in einzelnen nachweisbaren Stammbäumen als in der Idee der Kontinuität. Die Flut trennt die urzeitlichen Reifriesen von den späteren Generationen, löscht die Linie jedoch nicht aus. Das überlebende Paar sorgt dafür, dass die älteste Abstammung in neuer Form weiterbesteht.

Damit wird verständlich, warum Bergelmir trotz seiner kurzen Erwähnungen eine wichtige Stellung in der nordischen Mythologie einnimmt. Er ist nicht so bekannt wie Thor, Loki oder Odin und besitzt keine lange Reihe eigener Abenteuer. Seine Bedeutung liegt tiefer in der Struktur der Schöpfungserzählung. Durch ihn führt ein genealogischer Weg von Ymir zu den Jötnar, die später zu Gegnern, Verwandten, Partnern und Wissensgebern der Götter werden.

Die späteren Riesen sind deshalb keine neu entstandene Bevölkerungsgruppe, die erst nach der Gestaltung der Welt auftaucht. Ihre Geschichte beginnt wesentlich früher. Über Bergelmir reicht sie zurück zum Urgeschlecht der Reifriesen und damit bis in die ersten Augenblicke des mythologischen Lebens. Diese Verbindung macht die Jötnar zu einem festen Bestandteil der kosmischen Vergangenheit und erklärt zugleich, warum sie auch in der späteren Welt niemals vollständig aus der Geschichte verschwinden.

Die neue Heimat der Riesen

Nach der großen Flut aus Ymirs Blut beginnt für das Riesengeschlecht eine neue Phase seiner Geschichte. Die ursprüngliche Generation der Reifriesen ist weitgehend vernichtet worden, doch Bergelmir und seine Frau haben die Katastrophe überlebt. Damit bleibt die Abstammungslinie erhalten, die über Thrudgelmir bis zu Ymir beziehungsweise Aurgelmir zurückreicht. Die späteren Jötnar leben jedoch nicht mehr in derselben urzeitlichen Welt wie ihre Vorfahren. Nach dem Tod Ymirs entsteht ein geordneter Kosmos mit verschiedenen Bereichen und Grenzen. In dieser neuen Ordnung erhalten auch die Riesen eigene Lebensräume.

Die Prosa-Edda beschreibt, wie Odin und seine Brüder aus dem Körper Ymirs die Welt formen. Sein Fleisch wird zur Erde, sein Blut zum Meer, seine Knochen werden zu Bergen und aus seinem Schädel entsteht der Himmel. Nachdem diese grundlegenden Strukturen geschaffen worden sind, wird die Erde räumlich gegliedert. Nach Snorris Darstellung liegen an den äußeren Küsten des die Welt umgebenden Meeres Gebiete, die den Geschlechtern der Riesen als Wohnraum dienen. Im inneren Bereich errichten die Götter dagegen eine geschützte Einfriedung, die Midgard genannt wird.

Diese Beschreibung ist für die weitere Geschichte Bergelmirs von besonderer Bedeutung. Sie zeigt, dass die Riesen nach der Katastrophe nicht aus der neuen Welt ausgeschlossen werden. Sie erhalten vielmehr einen eigenen Platz innerhalb des Kosmos. Gleichzeitig werden deutliche Grenzen zwischen ihrem Lebensbereich und der geschützten Welt der Menschen geschaffen. Die neue Heimat der Jötnar liegt damit außerhalb des zentralen Bereichs, den Odin und seine Brüder für die menschliche Welt sichern.

In späteren Erzählungen wird dieser Raum häufig mit Jötunheim verbunden. Der Name bedeutet sinngemäß die Heimat oder Welt der Jötnar. Jötunheim erscheint als ein Gebiet außerhalb der vertrauten menschlichen Ordnung, in dem zahlreiche Riesen leben. Dabei sollte man sich diesen Bereich nicht unbedingt wie ein modernes Land mit eindeutig eingezeichneten Grenzen vorstellen. Die altnordischen Quellen bieten keine einheitliche geografische Karte des Kosmos. Orte werden vielmehr durch ihre Beziehungen zueinander beschrieben: innen und außen, nahe und fern, geschützt und ungeschützt.

Für Bergelmir bedeutet dieser Übergang eine grundlegende Veränderung. Er stammt aus einer Welt, die noch vor der Einrichtung solcher Grenzen existierte. Ymir, Thrudgelmir und die ersten Reifriesen lebten zu einer Zeit, in der Midgard und die späteren Wohnbereiche der Jötnar noch nicht geschaffen waren. Bergelmir überlebt den Untergang dieser ursprünglichen Welt und wird damit zu einem der wenigen Wesen, die beide kosmischen Zustände miteinander verbinden.

Die Quellen erzählen allerdings nicht ausführlich, wie Bergelmir nach seiner Rettung seinen neuen Lebensraum erreicht. Es gibt keine überlieferte Wanderung, bei der er mit seiner Frau durch die neu entstandene Landschaft zieht und schließlich Jötunheim entdeckt. Ebenso wenig berichtet die Edda davon, dass er persönlich ein Gebiet auswählt und dort die erste Siedlung der Riesen errichtet. Solche Darstellungen können in modernen Nacherzählungen anschaulich wirken, gehen aber über die erhaltenen Quellen hinaus.

Deshalb sollte Bergelmir auch nicht ohne Weiteres als Gründer Jötunheims bezeichnet werden. Seine Rolle ist die eines Überlebenden und frühen Stammvaters. Die Vorstellung eines Herrschers, der nach der Flut ein neues Reich gründet, besitzt keine klare Grundlage in den mittelalterlichen Texten. Jötunheim ist die Heimat vieler späterer Jötnar, doch ein Gründungsakt durch Bergelmir wird nicht überliefert.

Trotzdem besteht eine deutliche Verbindung zwischen seinem Überleben und der späteren Besiedlung der Riesenwelt. Wenn von Bergelmir und seiner Frau die nachfolgenden Geschlechter ausgehen, gehören ihre Nachkommen zu jenen Wesen, die später außerhalb Midgards und in den Gebieten der Jötnar leben. Der Überlebende bildet somit genealogisch die Brücke zwischen dem alten Geschlecht und den Bewohnern der neuen Riesenräume.

Die räumliche Trennung zwischen Menschenwelt und Riesengebieten besitzt eine wichtige mythologische Funktion. Midgard ist nach Snorris Erzählung als befestigter innerer Bereich gedacht. Die Götter verwenden Ymirs Augenbrauen beziehungsweise Wimpern, um eine Schutzanlage gegen die Riesen zu schaffen. Damit wird bereits bei der Einrichtung der Welt deutlich, dass zwischen den verschiedenen Gruppen Spannungen erwartet werden. Die räumliche Ordnung des Kosmos spiegelt diese Beziehung wider.

Für die Nachkommen Bergelmirs bedeutet diese Grenze jedoch keine vollständige Isolation. In zahlreichen späteren Mythen wird sie immer wieder überschritten. Götter reisen in die Gebiete der Jötnar, während Riesen nach Asgard oder in andere Bereiche gelangen. Thor ist besonders häufig unterwegs und begegnet dabei verschiedensten Angehörigen des Riesengeschlechts. Auch Odin sucht Wissen bei Wesen, die außerhalb der gewöhnlichen göttlichen Welt leben.

Jötunheim erscheint dadurch nicht als vollständig abgeschlossene Gegenwelt. Die Grenzen sind wichtig, können aber überschritten werden. Wege, Flüsse, Berge und andere Hindernisse markieren häufig den Übergang zwischen vertrauter Ordnung und dem Gebiet der Riesen. Gerade diese Übergänge geben vielen Erzählungen ihre Spannung. Wer die geschützte Welt verlässt und in die Räume der Jötnar gelangt, bewegt sich in einer Umgebung, in der andere Kräfte und Regeln dominieren können.

Bergelmir steht zeitlich noch vor den meisten dieser Geschichten. Er selbst tritt nicht als Gastgeber Thors oder als Gegner Odins in Jötunheim auf. Seine Bedeutung liegt darin, dass ohne das Überleben seines Geschlechts die späteren Bewohner dieser Regionen nicht in derselben genealogischen Kontinuität existieren würden. Die Welt der Jötnar besitzt damit eine Vorgeschichte, die bis zur Flut und weiter bis zu Ymir zurückführt.

Die neue Heimat der Riesen ist deshalb mehr als ein bloßer Wohnort. Sie wird zu einem Raum, in dem die ältere Abstammung außerhalb des von den Göttern besonders geschützten Zentrums fortbestehen kann. Während Midgard für die Menschen eingerichtet wird und Asgard eng mit den Göttern verbunden ist, behalten die Jötnar eigene Lebensbereiche. Die kosmische Ordnung trennt verschiedene Gruppen, ohne eine von ihnen vollständig aus der Welt zu entfernen.

Diese Vorstellung macht deutlich, warum die Riesen nicht einfach als Eindringlinge betrachtet werden können. Ihre Abstammung ist älter als die Grenzen, die sie später von Menschen und Göttern trennen. Bergelmir lebte bereits, bevor Midgard geschaffen wurde. Seine Vorfahren reichen sogar bis zum ursprünglichen Wesen Ymir zurück. Die späteren Räume der Riesen werden also von einem Geschlecht bewohnt, dessen Geschichte älter ist als die geografische Ordnung des Kosmos selbst.

Gerade dieser Umstand verleiht Jötunheim seine besondere Stellung. Der Raum liegt außerhalb des geschützten Zentrums, gehört aber dennoch zur Welt. Die Jötnar sind keine Wesen aus einem vollständig fremden Universum. Sie leben innerhalb derselben kosmischen Ordnung wie Götter und Menschen, auch wenn ihre Gebiete häufig als fern, wild und gefährlich erscheinen.

Die Landschaften der Riesen werden in einzelnen Geschichten unterschiedlich beschrieben. Berge, Wälder, Flüsse, Steinlandschaften und große Hallen können zu ihrem Lebensraum gehören. Eine einheitliche Beschreibung Jötunheims gibt es jedoch nicht. Manche Erzählungen lassen die Gebiete der Jötnar im Osten liegen, andere konzentrieren sich stärker auf das Motiv des Außenraums. Deshalb wäre es problematisch, aus den verstreuten Angaben eine moderne, exakt vermessene Karte erstellen zu wollen.

Auch Bergelmir lässt sich keinem sicher überlieferten einzelnen Ort innerhalb Jötunheims zuordnen. Die Quellen nennen weder den Namen seiner Halle noch eines Berges oder Tales, in dem er nach der Flut gelebt haben soll. Ebenso gibt es keine Beschreibung eines ersten Riesenhofes. Was überliefert ist, betrifft seine Abstammung, sein Überleben und die Fortsetzung des Geschlechts. Die genaue Ausgestaltung seiner späteren Heimat bleibt dagegen offen.

Diese Lücke ist nicht ungewöhnlich. Nordische Mythen interessieren sich häufig weniger für eine vollständige geografische Erklärung als für Beziehungen zwischen Orten. Asgard ist die Welt der Götter, Midgard die geschützte Menschenwelt und die Räume der Jötnar liegen außerhalb dieser Mitte. Entscheidend ist, was geschieht, wenn eine Grenze überschritten wird. Die genaue Entfernung oder Lage spielt dagegen oft eine untergeordnete Rolle.

Bergelmir gehört in dieser Ordnung zu einem Geschlecht, das besonders stark mit dem Außenraum verbunden wird. Das bedeutet jedoch nicht automatisch Chaos oder Bösartigkeit. Die Jötnar sind sehr unterschiedliche Wesen. Manche bedrohen die Götter, andere verfügen über außergewöhnliches Wissen, und wieder andere gehen familiäre Beziehungen mit ihnen ein. Die räumliche Trennung sagt daher mehr über ihre Stellung zur zentralen Ordnung aus als über einen einheitlichen moralischen Charakter.

Gerade die Verwandtschaft zwischen beiden Gruppen macht dies deutlich. Odin besitzt über seine Mutter Bestla selbst eine Verbindung zum Riesengeschlecht. Später heiraten Götter Riesinnen oder suchen deren Nähe. Freyr verbindet sich mit Gerðr, während Skadi nach Asgard gelangt und Njörd heiratet. Die Grenze zwischen der Heimat der Jötnar und der Welt der Götter ist deshalb keine unüberwindbare Trennlinie.

Auch für die Nachkommen Bergelmirs muss man sich die neue Heimat daher nicht als Gefängnis oder Verbannungsort vorstellen. Die Riesen besitzen dort ihre eigenen Familien, Hallen und Lebensräume. Einige verfügen über großen Reichtum oder besondere Gegenstände. Andere werden als mächtige Herrscher ihrer jeweiligen Umgebung dargestellt. Die Quellen zeigen damit kein Bild eines geschlagenen Volkes, das nach der Flut ausschließlich am Rand der Welt dahinlebt.

Vielmehr entsteht eine eigenständige Welt innerhalb des größeren Kosmos. Die Linie, die Bergelmir bewahrt hat, entwickelt sich unter den neuen Bedingungen weiter. Aus den wenigen Überlebenden der Katastrophe wird in den späteren Erzählungen erneut eine große und vielfältige Gruppe. Die Riesen besitzen eigene Namen, Familien und Geschichten und werden zu einem dauerhaften Bestandteil der mythologischen Welt.

Dabei bleibt der Zusammenhang mit Ymir bestehen. Die Landschaft, in der Bergelmir und seine Nachkommen leben, besteht selbst aus den Teilen ihres Ahnherrn. Die Erde wurde aus Ymirs Fleisch geschaffen, die Berge aus seinen Knochen und das Meer aus seinem Blut. Selbst die Grenzen zwischen den Welten entstehen also innerhalb eines Kosmos, der aus dem ersten Riesen geformt worden ist. Die Nachkommen leben gewissermaßen auf und in den Überresten ihres eigenen Ursprungs.

Diese Vorstellung verstärkt die besondere Stellung Bergelmirs. Er erlebt nicht lediglich einen Ortswechsel. Die gesamte Wirklichkeit verändert sich um ihn herum. Vor der Flut lebt er in einer ursprünglichen kosmischen Umgebung. Danach befindet er sich in einer geordneten Welt, deren Landschaft aus Ymir geschaffen wurde. Seine neue Heimat ist somit Teil einer Welt, die aus der Vernichtung seines eigenen Geschlechts hervorgegangen ist.

Trotzdem wird Bergelmir nicht als verbitterter Gegner der Götter beschrieben. Die Quellen erzählen nichts von einem Versuch, die neue Ordnung zu zerstören oder die alte Welt wiederherzustellen. Auch eine persönliche Feindschaft mit Odin wird nicht überliefert. Seine Bedeutung bleibt auf den Fortbestand der Linie konzentriert. Damit unterscheidet er sich von vielen späteren Jötnar, deren Konflikte mit den Asen ausführlicher erzählt werden.

Gerade diese Zurückhaltung macht ihn zu einer Übergangsgestalt. Bergelmir gehört weder vollständig zur Welt Ymirs noch ausschließlich zur Welt der späteren Jötnar. Er kennt den Zustand vor der Schöpfung und erlebt gleichzeitig den Beginn der neuen Ordnung. Seine Nachkommen dagegen wachsen bereits innerhalb jener räumlichen Struktur auf, in der Jötunheim und andere Bereiche ihren Platz besitzen.

Die neue Heimat der Riesen steht deshalb symbolisch für den Fortbestand einer älteren Welt innerhalb einer jüngeren Ordnung. Die Götter schaffen Grenzen, befestigen Midgard und ordnen die Landschaft. Doch jenseits des geschützten Zentrums lebt das Geschlecht weiter, das seine Herkunft bis in die Zeit vor dieser Ordnung zurückführen kann. Bergelmir bildet die genealogische Verbindung, durch die diese Vergangenheit lebendig bleibt.

So führt die Geschichte von der fast vollständigen Vernichtung nicht zum Ende der Jötnar, sondern zu ihrer Neuordnung innerhalb des Kosmos. Bergelmir und seine Frau überleben, ihre Linie setzt sich fort und die späteren Generationen erhalten eigene Lebensräume. Jötunheim wird damit zu einem wichtigen Teil der mythologischen Welt, ohne dass Bergelmir ausdrücklich als dessen Gründer oder Herrscher bezeichnet werden müsste. Seine eigentliche Bedeutung liegt darin, dass die alte Abstammung überhaupt in der neuen Welt weiterleben kann.

Das Verhältnis zwischen Riesen und Göttern

Das Verhältnis zwischen Riesen und Göttern gehört zu den komplexesten Bereichen der nordischen Mythologie. Auf den ersten Blick erscheinen beide Gruppen häufig als Gegner. Thor kämpft gegen zahlreiche Jötnar, Asgard wird immer wieder von Wesen aus der Riesenwelt bedroht, und selbst Ragnarök ist eng mit Kräften verbunden, die außerhalb der göttlichen Ordnung stehen. Doch die Überlieferungen zeigen zugleich Verwandtschaft, Heirat, Wissensaustausch und gegenseitige Abhängigkeit. Bergelmir steht zeitlich am Beginn dieser langen Beziehung. Sein Überleben nach dem Tod Ymirs sorgt dafür, dass das Riesengeschlecht innerhalb der neu geschaffenen Welt weiterbesteht und damit dauerhaft zu einem Gegenüber der Götter wird.

Der Konflikt zwischen beiden Gruppen reicht bis an den Anfang der geordneten Welt zurück. Odin und seine Brüder Vili und Vé töten Ymir, aus dessen Geschlecht die ersten Riesen hervorgegangen sind. Das Blut des Urwesens vernichtet einen großen Teil der Reifriesen. Bergelmir und seine Frau überleben jedoch die Katastrophe. Bereits dieser Vorgang schafft eine besondere Ausgangssituation. Die Weltordnung der Götter entsteht durch den Tod des Ahnherrn der Riesen, während dessen Nachkommenschaft gleichzeitig nicht vollständig verschwindet.

Trotzdem wäre es zu einfach, darin den Beginn eines ewigen Rachekrieges zu sehen. Die Quellen berichten nicht, dass Bergelmir den Göttern unmittelbar den Krieg erklärt oder seinen Nachkommen einen Auftrag zur Vergeltung hinterlässt. Ebenso wenig begründen spätere Jötnar ihre Auseinandersetzungen mit Thor oder Odin ausdrücklich mit dem Tod Ymirs. Die Spannung zwischen beiden Gruppen ist grundlegender. Die Götter versuchen, eine geordnete Welt aufrechtzuerhalten, während viele Riesen außerhalb der geschützten Bereiche leben und immer wieder deren Grenzen herausfordern.

Bergelmir ist für dieses Verhältnis deshalb vor allem genealogisch wichtig. Durch ihn bleibt ein Geschlecht bestehen, dessen Ursprung älter ist als die von den Göttern geschaffene Ordnung. Die späteren Jötnar sind keine Wesen, die Odin erst nach der Weltschöpfung hervorgebracht hätte. Ihre Abstammung reicht über Bergelmir, Thrudgelmir und Ymir bis in eine Zeit zurück, in der Midgard und Asgard noch nicht in ihrer späteren Form existierten. Die Riesen besitzen damit innerhalb des Kosmos eine eigene, sehr alte Herkunft.

Diese ältere Herkunft macht sie jedoch nicht automatisch zu Feinden aller Götter. Schon die Abstammung Odins zeigt, wie eng beide Gruppen miteinander verbunden sind. Odin ist ein Sohn Borrs und Bestlas. Bestla wird als Tochter des Riesen Bölþorn bezeichnet. Damit besitzt selbst einer der wichtigsten Götter eine direkte Verbindung zum Riesengeschlecht. Die Grenze zwischen Asen und Jötnar ist genealogisch also von Anfang an durchlässiger, als es eine einfache Gegenüberstellung vermuten lässt.

Auch bei späteren Göttern treten solche Verbindungen immer wieder auf. Viele bedeutende Gestalten der göttlichen Welt haben riesische Vorfahren oder gehen Beziehungen mit Riesinnen ein. Freyr verliebt sich in Gerðr, die Tochter des Riesen Gymir. Ihre Verbindung gehört zu den bekanntesten Liebesgeschichten der eddischen Überlieferung. Skadi ist ebenfalls eine Riesin beziehungsweise Tochter des Jötnunn Þjazi. Nach dessen Tod gelangt sie nach Asgard und heiratet Njörd. Solche Beispiele zeigen, dass die Nachkommen des alten Riesengeschlechts keineswegs grundsätzlich von der göttlichen Gemeinschaft ausgeschlossen sind.

Das Verhältnis besteht daher aus Nähe und Distanz zugleich. Räumlich werden Riesen häufig außerhalb der geschützten Welt angesiedelt. Jötunheim liegt außerhalb der menschlichen Mitte, und viele Reisen Thors führen in Gebiete, die als gefährlich und fremd beschrieben werden. Genealogisch und gesellschaftlich überschreiten beide Gruppen diese Grenzen jedoch immer wieder. Die Nachkommen Bergelmirs können Gegner der Götter sein, aber ebenso Partner, Verwandte oder Träger eines Wissens, das selbst Odin sucht.

Gerade Wissen bildet einen wichtigen Bereich des Austauschs. Vafþrúðnir ist ein Riese von außerordentlicher Weisheit. Odin reist zu ihm, um sich in einem Wissenswettstreit mit ihm zu messen. Vafþrúðnir kennt die älteste Geschichte der Welt, darunter auch die Abstammung, zu der Bergelmir gehört. Der Mythos zeigt damit, dass ein Jötunn Wissen besitzen kann, das selbst für den Gott der Weisheit eine Herausforderung darstellt. Riesen sind folglich nicht nur körperlich mächtige Wesen, sondern können als Bewahrer uralter Kenntnisse erscheinen.

Auch Mimir wird mit tiefem Wissen verbunden. Seine genaue Einordnung innerhalb der unterschiedlichen Überlieferungen ist nicht in jedem Punkt eindeutig, doch seine Nähe zu uraltem Wissen zeigt erneut, dass Weisheit nicht ausschließlich den Asen gehört. Die Welt außerhalb Asgards besitzt Kenntnisse, auf die die Götter angewiesen sein können. Das Verhältnis zwischen Riesen und Göttern ist deshalb nicht nur ein militärischer Gegensatz, sondern ebenso ein Verhältnis gegenseitiger Suche und Abhängigkeit.

Thor verkörpert dagegen besonders deutlich die kämpferische Seite dieser Beziehung. Zahlreiche Erzählungen berichten davon, wie er gegen Jötnar zieht. Mit seinem Hammer Mjölnir schützt er die Welt der Götter und Menschen vor gefährlichen Gegnern. Seine Kämpfe mit Hrungnir, Geirröðr und anderen Gestalten gehören zu den bekanntesten Geschichten der nordischen Mythologie. Die Gegner Thors gehören genealogisch zu jener Welt, deren Fortbestand nach der großen Flut mit Bergelmir verbunden wird.

Dennoch sollte daraus nicht geschlossen werden, dass Thor jeden Angehörigen des Riesengeschlechts automatisch bekämpft. Die einzelnen Erzählungen besitzen jeweils eigene Gründe für einen Konflikt. Manche Riesen bedrohen die Götter, andere greifen nach wichtigen Gegenständen oder überschreiten Grenzen. Wieder andere treten überhaupt nicht als Feinde auf. Das Wort Jötunn bezeichnet eine große und vielfältige Gruppe und keine Armee mit einem einzigen gemeinsamen Ziel.

Bergelmir selbst verdeutlicht diese Vielfalt bereits durch das, was über ihn nicht erzählt wird. Obwohl sein Ahnherr Ymir von Odin und dessen Brüdern getötet wurde, erscheint Bergelmir nicht als großer Feind der Asen. Es gibt keine bekannte Erzählung, in der er gegen Odin kämpft oder versucht, die neu geschaffene Welt zu zerstören. Seine Rolle besteht vielmehr darin, den Fortbestand seines Geschlechts zu sichern. Erst spätere Generationen treten in zahlreichen unterschiedlichen Beziehungen zu den Göttern.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die gegenseitige Abhängigkeit. Die Götter können nicht vollständig ohne die Welt der Riesen gedacht werden. Zahlreiche ihrer Familienbeziehungen führen zu Jötnar zurück. Auch bestimmte Kräfte, Kenntnisse und Ereignisse entstehen aus Begegnungen mit ihnen. Umgekehrt sind die Riesen nach der Erschaffung des Kosmos Teil derselben Weltordnung, selbst wenn sie häufig außerhalb ihrer geschützten Zentren leben.

Die Beziehung ist deshalb weniger mit einem einfachen Krieg zwischen zwei Völkern vergleichbar als mit einem dauerhaften Spannungsfeld. Die Götter stehen für bestimmte Formen von Ordnung, Schutz und gesellschaftlicher Struktur. Viele Jötnar erscheinen dagegen an den Grenzen dieser Ordnung. Sie können sie bedrohen, prüfen oder herausfordern. Gleichzeitig können sie mit ihr verbunden werden und sogar Teil göttlicher Familien werden.

Die Geschichte Bergelmirs macht verständlich, warum diese Spannung so tief in der Kosmologie verankert ist. Die Ordnung der Götter entsteht nicht in einer leeren Welt. Sie wird aus einer älteren Wirklichkeit geschaffen. Ymir existiert vor der Gestaltung des Kosmos, und das Riesengeschlecht stammt von ihm ab. Bergelmir trägt diese Linie über den entscheidenden Umbruch hinweg. Damit bleibt innerhalb der neuen Welt ein lebender Teil der älteren Ordnung bestehen.

Diese ältere Herkunft bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Riesen das reine Chaos verkörpern. Auch eine solche Gleichsetzung wäre zu einfach. Jötnar besitzen Familien, Hallen, Besitz und eigene soziale Beziehungen. Einige wirken ausgesprochen geordnet und verfügen über Reichtum oder Wissen. Die Grenze zu den Göttern besteht daher nicht darin, dass auf der einen Seite ausschließlich Ordnung und auf der anderen ausschließlich Chaos herrscht.

Vielmehr geht es häufig um unterschiedliche Zugehörigkeiten und Interessen. Asgard ist die zentrale Welt der Asen, während viele Jötnar außerhalb dieses Bereichs leben. Wenn ihre Interessen aufeinandertreffen, entstehen Konflikte. Wenn beide Seiten voneinander profitieren können oder familiäre Beziehungen eingehen, entstehen dagegen Bündnisse und Verbindungen. Bergelmir steht genealogisch am Anfang jener späteren Vielfalt.

Auch bei Ragnarök wird das spannungsvolle Verhältnis erneut sichtbar. Verschiedene Gegner der Götter treten dort gemeinsam gegen die bestehende Ordnung an. Riesen und andere zerstörerische Kräfte spielen eine wichtige Rolle beim Untergang der alten Welt. Dennoch handelt es sich nicht einfach um die späte Rache Bergelmirs. Zwischen seiner Rettung nach Ymirs Tod und Ragnarök liegt eine ganze mythologische Weltgeschichte mit zahlreichen eigenständigen Konflikten und Beziehungen.

Gerade dieser Unterschied ist wichtig, weil moderne Nacherzählungen häufig versuchen, aus verstreuten Mythen eine einzige durchgehende Handlung zu formen. Eine solche Vorstellung könnte Bergelmir leicht zum ersten Anführer eines jahrtausendelangen Krieges gegen die Götter machen. Dafür gibt es jedoch keine Grundlage. Die Quellen zeigen ihn als Überlebenden und Stammvater, nicht als Begründer einer militärischen Feindschaft.

Seine Bedeutung für das Verhältnis zwischen beiden Gruppen liegt vielmehr darin, dass durch Bergelmir überhaupt eine uralte Riesengenealogie in der neuen Welt erhalten bleibt. Die Götter können Ymir töten und seinen Körper zur Gestaltung des Kosmos verwenden, aber sie beseitigen das Geschlecht nicht vollständig. Damit bleibt von Anfang an ein Gegenüber bestehen, das nicht aus der neuen göttlichen Ordnung hervorgegangen ist.

Die spätere Welt wird dadurch von einer Art Gleichgewicht geprägt. Die Asen besitzen große Macht, sind jedoch nicht allmächtig. Sie müssen Grenzen schützen, Bündnisse schließen, Wissen suchen und immer wieder auf Kräfte reagieren, die außerhalb ihrer unmittelbaren Kontrolle liegen. Die Nachkommen Bergelmirs gehören zu diesen Kräften. Manche von ihnen werden zu gefährlichen Gegnern, andere zu Verwandten und wieder andere zu Wissensgebern.

Diese Mehrdeutigkeit ist eines der wichtigsten Merkmale der nordischen Mythologie. Ein Riese muss nicht ausschließlich feindlich sein, und ein Gott steht nicht automatisch außerhalb riesischer Abstammung. Familienlinien überschneiden sich, während Konflikte dennoch bestehen bleiben. Die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen bestimmt Beziehungen, ohne sie vollständig festzulegen.

Bergelmir verkörpert den Ursprung dieser komplizierten Situation besonders gut. Er stammt aus dem alten Riesengeschlecht, überlebt die Katastrophe, die unmittelbar mit der Entstehung der göttlichen Weltordnung verbunden ist, und führt seine Linie weiter. Trotzdem wird aus ihm kein personifizierter Feind der Götter. Seine Nachkommen entwickeln unterschiedlichste Beziehungen zu den Asen und anderen Wesen.

Gerade deshalb lässt sich das Verhältnis zwischen Riesen und Göttern nicht auf Gut gegen Böse reduzieren. Es besteht aus Konkurrenz, Verwandtschaft, Furcht, Respekt, Wissen und gegenseitiger Abhängigkeit. Die Götter benötigen die Riesenwelt immer wieder, während sie sich zugleich vor bestimmten Kräften aus ihr schützen müssen. Die Riesen wiederum leben innerhalb eines Kosmos, dessen heutige Gestalt durch die Götter geschaffen wurde, obwohl ihre eigene Abstammung älter ist.

Bergelmir steht damit am Beginn eines Spannungsfeldes, das die gesamte spätere nordische Mythologie durchzieht. Sein Überleben sorgt dafür, dass die alte Linie Ymirs nicht endet und innerhalb der neuen Welt weiterbesteht. Aus dieser Linie gehen jene Jötnar hervor, die später mit Göttern kämpfen, sich mit ihnen verbinden, ihnen Wissen vermitteln oder Teil ihrer Familien werden. Gerade diese Vielschichtigkeit macht das Verhältnis zwischen Riesen und Göttern zu weit mehr als einer einfachen Feindschaft.

Bergelmirs Platz in der kosmischen Ordnung

Bergelmir nimmt innerhalb der nordischen Mythologie eine besondere Stellung ein, weil seine Geschichte genau an der Grenze zwischen der ursprünglichen Welt und dem später geordneten Kosmos liegt. Er gehört zu den ältesten bekannten Riesen und ist zugleich mit jener Generation verbunden, aus der die späteren Jötnar hervorgehen. Dadurch steht Bergelmir weder ausschließlich für die chaotische Frühzeit noch vollständig für die Welt, die nach dem Tod Ymirs entsteht. Seine Gestalt verbindet beide Phasen und macht sichtbar, dass die neue kosmische Ordnung nicht völlig von der älteren Welt getrennt werden kann.

Vor der Gestaltung des Kosmos existiert nach der nordischen Schöpfungsüberlieferung eine ursprüngliche Welt, die sich grundlegend von der späteren Ordnung unterscheidet. Ymir beziehungsweise Aurgelmir gehört zu den ersten lebenden Wesen dieser Frühzeit. Aus ihm geht das Riesengeschlecht hervor. Über Thrudgelmir führt diese Abstammung zu Bergelmir. Bereits durch diese genealogische Nähe besitzt Bergelmir einen besonderen Platz innerhalb der kosmischen Geschichte. Seine Herkunft reicht in eine Zeit zurück, bevor Midgard, Asgard und die späteren Lebensräume der Jötnar ihre bekannte Form erhalten.

Der entscheidende Umbruch beginnt mit der Tötung Ymirs durch Odin und seine Brüder Vili und Vé. Der Körper des Urwesens wird anschließend zum Material der Welt. Aus seinem Fleisch entsteht die Erde, aus seinen Knochen werden Berge, sein Schädel wird zum Himmel und sein Blut bildet die Gewässer. Die neue Ordnung entsteht somit aus einem Wesen, das selbst der älteren kosmischen Phase angehört. Bergelmir erlebt diesen Übergang als Angehöriger des Riesengeschlechts unmittelbar.

Gleichzeitig löst Ymirs Tod eine Katastrophe aus. Das aus seinem Körper strömende Blut vernichtet einen großen Teil der frühen Reifriesen. Bergelmir und seine Frau überleben. Gerade dieses Überleben bestimmt seinen Platz in der kosmischen Ordnung. Während die meisten Angehörigen seiner ursprünglichen Welt verschwinden, bleibt er bestehen und trägt ihre Abstammung in den neu geschaffenen Kosmos hinein. Die neue Welt enthält damit von Anfang an einen lebenden Vertreter beziehungsweise Nachkommen einer älteren Ordnung.

Dieser Gedanke ist wichtig, weil er zeigt, dass die nordische Schöpfung kein vollständiger Neuanfang ist. Odin und seine Brüder erschaffen die Welt nicht aus dem Nichts. Sie gestalten vorhandenes Material neu. Ebenso entsteht nach der Flut kein vollkommen neues Riesengeschlecht. Die alte Linie setzt sich durch Bergelmir fort. Materiell und genealogisch bleibt die Vergangenheit damit in der neuen Welt erhalten.

Ymirs Körper bildet die materielle Verbindung. Bergelmir bildet die genealogische Verbindung. Beide Elemente zeigen, dass die ältere kosmische Phase nicht vollständig ausgelöscht wird. Die Welt selbst besteht aus dem Körper des Urwesens, während seine Abstammung in den späteren Jötnar weiterlebt. Dadurch trägt der geordnete Kosmos seine eigene Vorgeschichte ständig in sich.

Bergelmir steht deshalb nicht einfach außerhalb der von den Göttern geschaffenen Welt. Nach seiner Rettung lebt er innerhalb dieses neuen Kosmos. Gleichzeitig stammt er aus einer Zeit, die älter ist als dessen Grenzen und Bereiche. Diese doppelte Stellung unterscheidet ihn von vielen späteren Jötnar. Sie kennen die Welt bereits in ihrer geordneten Form, während Bergelmir selbst den Übergang zwischen beiden Zuständen verkörpert.

In der neuen kosmischen Ordnung erhalten unterschiedliche Wesen eigene Bereiche. Midgard wird zur geschützten Welt der Menschen. Asgard ist eng mit den Göttern verbunden. Die Jötnar werden vor allem mit äußeren Gebieten und später mit Jötunheim in Verbindung gebracht. Diese räumliche Gliederung schafft Grenzen, die vorher in dieser Form nicht existierten. Bergelmir stammt aus einer Zeit vor diesen Grenzen und lebt zugleich nach ihrer Entstehung weiter.

Damit ist seine Stellung auch räumlich besonders. Er gehört nicht ursprünglich zu Jötunheim, denn Jötunheim existiert in seiner späteren Form noch nicht, als Bergelmir geboren wird. Erst nach der Gestaltung des Kosmos entstehen jene Bereiche, die später mit verschiedenen Gruppen verbunden werden. Deshalb wäre es zu einfach, ihn von Anfang an als gewöhnlichen Bewohner Jötunheims zu beschreiben. Seine Herkunft reicht tiefer als die spätere kosmische Geografie.

Die Riesen werden innerhalb der neuen Welt häufig an den äußeren Grenzen angesiedelt. Diese Lage passt zu ihrer Stellung als Wesen, deren Ursprung der geordneten Welt vorausgeht. Sie stehen häufig außerhalb der geschützten Zentren, sind aber dennoch Bestandteil des Kosmos. Bergelmir macht diese Verbindung verständlich. Seine Linie gehört nicht außerhalb der Existenz, sondern außerhalb bestimmter Bereiche der göttlichen Ordnung.

Die Grenze zwischen Ordnung und Außenraum sollte dabei nicht automatisch als Grenze zwischen Gut und Böse verstanden werden. Die nordische Mythologie zeigt Riesen in sehr unterschiedlichen Rollen. Manche bedrohen Götter und Menschen, andere verfügen über großes Wissen, und wieder andere gehen Beziehungen mit göttlichen Gestalten ein. Dass die Nachkommen Bergelmirs häufig außerhalb Asgards und Midgards leben, bedeutet daher nicht, dass sie grundsätzlich böse oder zerstörerisch wären.

Vielmehr besitzen sie eine andere kosmische Zugehörigkeit. Die Asen stehen eng mit der Aufrechterhaltung der geordneten Welt in Verbindung. Viele Jötnar befinden sich an deren Grenzen und können Kräfte verkörpern, die sich dieser Ordnung nicht vollständig unterordnen lassen. Bergelmir gehört dabei zu einer Linie, die älter ist als die Ordnung selbst. Seine Existenz macht deutlich, dass die Macht der Götter nicht den absoluten Beginn des Kosmos darstellt.

Gerade hierin liegt eine wichtige Besonderheit der nordischen Weltvorstellung. Odin und die anderen Götter sind mächtig, aber sie treten in eine Wirklichkeit ein, in der bereits andere Wesen existieren. Ymir und das erste Riesengeschlecht gehören zu dieser älteren Schicht. Bergelmir überlebt ihren gewaltigen Umbruch. Die göttliche Ordnung entsteht deshalb nicht als alleiniger Ursprung allen Lebens, sondern als Neuordnung einer bereits vorhandenen kosmischen Wirklichkeit.

Diese ältere Wirklichkeit bleibt auch nach der Schöpfung spürbar. Die Riesen verschwinden nicht. Die Götter müssen weiterhin mit ihnen verhandeln, gegen sie kämpfen oder ihr Wissen suchen. Manche göttlichen Familien besitzen selbst riesische Vorfahren. Die kosmische Ordnung basiert daher nicht auf einer vollkommenen Trennung zwischen den verschiedenen Gruppen.

Bergelmir ist für diese Durchlässigkeit von besonderer Bedeutung. Als früher Stammvater der späteren Riesengeschlechter sorgt er dafür, dass eine Abstammungslinie aus der Zeit vor der Weltordnung weiterhin innerhalb dieser Ordnung existiert. Die Vergangenheit wird dadurch nicht nur erinnert, sondern bleibt biologisch beziehungsweise genealogisch lebendig.

Sein Platz im Kosmos lässt sich deshalb auch als Position eines Überlebenden verstehen. Während Ymir getötet wird und die ersten Reifriesen weitgehend untergehen, bleibt Bergelmir zurück. Die Quellen beschreiben ihn nicht als Sieger dieser Ereignisse. Er erhält keine Herrschaft über die Welt und wird nicht zum Gegenspieler Odins mit vergleichbarer Macht. Seine Bedeutung entsteht vielmehr daraus, dass er nicht verschwindet.

Gerade dieses Fortbestehen ist kosmologisch bedeutsam. Eine vollständig neue Ordnung hätte die alte Welt vollständig ersetzen können. Stattdessen bleibt ein Rest erhalten. Bergelmir ist einer der deutlichsten Vertreter dieses Restes. Seine Nachkommen leben später in einem Kosmos, der von den Göttern geordnet wurde, ohne selbst vollständig aus dieser göttlichen Ordnung hervorgegangen zu sein.

Dadurch entsteht eine dauerhafte Spannung. Die Götter schützen Midgard und Asgard, während die Riesen außerhalb dieser Zentren weiterbestehen. Thor muss immer wieder gegen gefährliche Jötnar kämpfen. Odin sucht zugleich Wissen bei Riesen. Andere Götter heiraten Riesinnen oder stammen von ihnen ab. Diese Beziehungen zeigen, dass die kosmische Ordnung nicht aus voneinander isolierten Gruppen besteht.

Bergelmir kann deshalb als Ausgangspunkt eines dauerhaften Gegenübers verstanden werden. Er selbst muss nicht kämpfen, damit seine Existenz eine wichtige Folge besitzt. Durch seine Linie bleiben Wesen erhalten, die den Göttern später immer wieder Grenzen setzen. Die Asen können die Welt gestalten, aber sie können nicht alle Kräfte vollständig kontrollieren.

Diese Vorstellung passt auch zum allgemeinen Charakter der nordischen Mythologie. Die Welt erscheint nicht als dauerhaft stabiler Zustand. Ordnung muss immer wieder geschützt und neu hergestellt werden. Grenzen können überschritten werden, Konflikte entstehen und selbst die Götter wissen, dass ihre Welt eines Tages in Ragnarök erschüttert werden wird. Der Kosmos ist daher keine endgültig abgeschlossene Schöpfung.

Bergelmir gehört bereits an seinem Anfang zu dieser instabilen Ordnung. Sein Überleben zeigt, dass die ältere Welt nicht vollständig besiegt oder beseitigt wurde. Ein Teil von ihr bleibt erhalten und entwickelt sich weiter. Die Jötnar werden dadurch zu einem dauerhaften Bestandteil des kosmischen Gefüges.

Gleichzeitig wäre es falsch, Bergelmir selbst als Verkörperung des Chaos zu bezeichnen. Die Quellen schreiben ihm keine solche abstrakte Funktion ausdrücklich zu. Er ist zunächst eine konkrete mythologische Gestalt mit einer bestimmten Abstammung und einer besonderen Überlebensgeschichte. Erst seine Stellung innerhalb der Schöpfungserzählung erlaubt es, ihn als Verbindung zwischen unterschiedlichen kosmischen Phasen zu verstehen.

Auch die Vorstellung eines kosmischen Königs passt nicht zu seiner überlieferten Rolle. Bergelmir erhält keinen Thron und keine ausdrückliche Herrschaft über Jötunheim. Er steht nicht an der Spitze einer festen Hierarchie aller Riesen. Seine Bedeutung ist genealogischer und kosmologischer Natur. Er bewahrt durch sein Überleben die Verbindung zum ältesten Riesengeschlecht.

Damit unterscheidet er sich deutlich von Odin. Odin gehört zu den Gestaltern der neuen Ordnung. Bergelmir gehört zu denjenigen, die aus der alten Ordnung in die neue hinüberreichen. Beide stehen auf unterschiedlichen Seiten desselben kosmischen Übergangs. Der eine gestaltet, der andere überlebt. Gerade diese Gegenüberstellung macht deutlich, wie unterschiedlich Macht innerhalb der Mythologie wirken kann.

Odin besitzt die Macht, Ymir zu töten und an der Gestaltung der Welt mitzuwirken. Bergelmir besitzt keine vergleichbare schöpferische Macht. Trotzdem hat sein Überleben langfristige Folgen. Die gesamte spätere Existenz der Riesengeschlechter wird mit seiner Linie verbunden. Dadurch erhält auch eine scheinbar passive Handlung eine große Bedeutung für die Struktur des Mythos.

Der Kosmos nach Ymirs Tod besteht deshalb aus mehreren historischen Schichten. Die älteste Schicht bildet die Welt vor der Ordnung. Danach folgt der gewaltsame Übergang durch Ymirs Tod. Schließlich entsteht die geordnete Welt mit ihren verschiedenen Bereichen. Bergelmir ist eine der wenigen Gestalten, die alle diese Ebenen miteinander verbindet.

Seine Nachkommen gehören dann vollständig zur späteren mythologischen Welt. Sie treten in Jötunheim auf, begegnen Thor, Odin und anderen Göttern und werden Teil zahlreicher Erzählungen. Doch hinter ihnen steht eine Abstammung, die durch Bergelmir bis zum ursprünglichen Ymir zurückreicht. Dadurch tragen selbst die späteren Konflikte eine Verbindung zur frühesten Vergangenheit in sich.

Diese Vergangenheit ist jedoch keine einfache Vorgeschichte eines Krieges. Bergelmir wird nicht zum Begründer einer Feindschaft zwischen Jötnar und Asen. Vielmehr erklärt seine Stellung, warum die Riesen trotz der Schaffung einer neuen Ordnung weiterhin eine eigenständige kosmische Gruppe darstellen. Ihre Existenz ist nicht von der Zustimmung der Götter abhängig. Sie stammt aus einer älteren genealogischen Linie.

Die nordische Welt wird dadurch nicht zu einem Kosmos, den die Asen vollständig besitzen. Sie gestalten und schützen große Teile dieser Welt, doch andere Kräfte bleiben vorhanden. Bergelmir steht am Beginn jener späteren Riesengeschlechter, die immer wieder zeigen, dass die Grenzen göttlicher Macht nicht unbegrenzt sind.

Gerade deshalb ist seine Stellung trotz der wenigen überlieferten Geschichten so bedeutend. Bergelmir verbindet Ymir mit den späteren Jötnar, die Urzeit mit der geordneten Welt und den Untergang eines Geschlechts mit seinem Fortbestand. Er ist weder Schöpfer noch Herrscher, sondern ein Überlebender, dessen Existenz die Kontinuität zwischen zwei kosmischen Zuständen sichert.

Bergelmir besitzt damit einen festen Platz innerhalb der nordischen Kosmologie. Er erinnert daran, dass die Welt der Götter auf einer älteren Wirklichkeit aufgebaut ist und diese niemals vollständig auslöschen kann. Ymirs Körper bleibt als Landschaft bestehen, während seine Abstammung über Bergelmir weiterlebt. Die neue Ordnung enthält deshalb von ihrem ersten Augenblick an Spuren der Welt, die ihr vorausging. Genau darin liegt die besondere kosmische Bedeutung Bergelmirs.

Bergelmir in der Vafþrúðnismál

Bergelmir gehört zu jenen Gestalten der nordischen Mythologie, über die nur wenige direkte Aussagen erhalten geblieben sind. Eine der wichtigsten und zugleich ältesten Quellen für Bergelmir ist die Vafþrúðnismál, ein Gedicht der Lieder-Edda. Dort erscheint er nicht als handelnder Held einer längeren Erzählung, sondern innerhalb eines Wissenswettstreits zwischen Odin und dem weisen Riesen Vafþrúðnir. Gerade diese Einbettung ist bedeutsam, denn die Fragen des Gedichts behandeln die älteste Vergangenheit des Kosmos, die Herkunft verschiedener Wesen und schließlich auch die Zukunft der Welt. Bergelmir wird damit an einer Stelle genannt, an der es ausdrücklich um Wissen über die frühesten Zeiten der nordischen Mythologie geht.

Die Vafþrúðnismál gehört zu den sogenannten Wissensliedern der eddischen Dichtung. Der Name des Gedichts lässt sich ungefähr als „Lied von Vafþrúðnir“ verstehen. Im Mittelpunkt steht ein Wettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir, der für seine außergewöhnliche Weisheit bekannt ist. Odin möchte sein Wissen prüfen und begibt sich zu ihm. Dabei tritt er unter dem Namen Gagnráðr auf. Beide stellen einander Fragen, deren Schwierigkeit im Verlauf des Gedichts immer weiter zunimmt. Wer die Antwort nicht kennt, riskiert letztlich sein Leben.

Die Fragen betreffen keine alltäglichen Dinge. Es geht um Sonne und Mond, um Tag und Nacht, um die Entstehung der Welt, um die Herkunft der Riesen und um Ragnarök. Dadurch wird Vafþrúðnir als Bewahrer eines Wissens dargestellt, das bis zu den ältesten Schichten der kosmischen Vergangenheit reicht. Innerhalb dieses Zusammenhangs fällt auch der Name Bergelmir. Seine Erwähnung ist damit Teil einer genealogischen und kosmologischen Überlieferung und nicht nur eine beiläufige Bemerkung über einen einzelnen Riesen.

Besonders wichtig ist zunächst die Frage nach dem ältesten Riesen. Vafþrúðnir nennt Aurgelmir als das früheste Wesen seines Geschlechts. Aurgelmir wird in der späteren Prosa-Edda mit Ymir verbunden beziehungsweise gleichgesetzt. Damit steht am Anfang der genealogischen Linie jenes Urwesen, das in der bekannteren Schöpfungsüberlieferung eine zentrale Rolle spielt. Aus seinem Körper wird nach seinem Tod die Welt gestaltet. Die Vafþrúðnismál bewahrt jedoch vor allem die genealogische Seite dieser Geschichte.

Auf Aurgelmir folgt Thrudgelmir. Danach wird Bergelmir genannt. Damit ergibt sich eine kurze Folge von drei Generationen: Aurgelmir, Thrudgelmir und Bergelmir. Diese Abstammung ist für die Einordnung besonders wichtig. Sie zeigt, dass Bergelmir nicht irgendein später Jötunn ist, sondern einer der ältesten namentlich bekannten Vertreter seines Geschlechts. Seine Herkunft führt unmittelbar bis an den Anfang der Riesengenealogie zurück.

Die entsprechende Passage der Vafþrúðnismál ist deshalb eine zentrale Grundlage für nahezu jede spätere Darstellung Bergelmirs. Ohne dieses Gedicht wüssten wir deutlich weniger über seine Stellung innerhalb des Riesengeschlechts. Die Prosa-Edda Snorri Sturlusons greift das ältere Material später auf und verbindet es mit einer ausführlicheren Erzählung über Ymirs Tod und die Flut aus seinem Blut. Die Vafþrúðnismál selbst bleibt wesentlich knapper und zugleich rätselhafter.

Besonders auffällig ist die Aussage Vafþrúðnirs über das hohe Alter Bergelmirs. Der Riese berichtet, dass Bergelmir bereits unzählige Winter vor der Erschaffung der Erde geboren worden sei. Damit wird seine Existenz ausdrücklich in die Zeit vor der geordneten Welt verlegt. Die Formulierung unterstreicht, wie weit das Wissen Vafþrúðnirs zurückreicht. Er kennt nicht nur Erzählungen über die frühen Riesen, sondern stellt sich innerhalb des Gedichts als Zeuge oder zumindest Träger einer Erinnerung dar, die bis in diese urzeitliche Epoche reicht.

Für Bergelmir bedeutet diese Aussage eine ungewöhnliche zeitliche Stellung. Er gehört zu einer Generation, die bereits existiert, bevor Erde, Himmel und die späteren Bereiche des Kosmos ihre bekannte Gestalt erhalten. Wenn in späteren Erzählungen Riesen in Jötunheim leben und mit den Göttern oder Menschen in Kontakt kommen, spielt die Handlung bereits in einer geordneten Welt. Bergelmir reicht dagegen noch in die Zeit vor dieser Ordnung zurück.

Die Vafþrúðnismál verbindet ihn außerdem mit dem rätselhaften Begriff lúðr. Vafþrúðnir erinnert sich daran, dass Bergelmir auf oder in eine lúðr gelegt wurde. Die genaue Bedeutung dieses Wortes ist umstritten. Es wurde unter anderem mit einem hölzernen Behälter, einem Trog oder einer Konstruktion im Zusammenhang mit einer Mühle verbunden. Spätere Übersetzungen und Nacherzählungen geben es häufig als Boot oder Arche wieder. Die ältere poetische Quelle selbst erklärt den Gegenstand jedoch nicht.

Gerade an dieser Stelle wird deutlich, wie vorsichtig die Vafþrúðnismál gelesen werden muss. Das Gedicht erzählt nicht ausführlich, wie Bergelmir in einer Flut flieht. Es nennt vielmehr eine Erinnerung an ihn und an die lúðr. Erst Snorri Sturluson verbindet diese poetische Stelle sehr deutlich mit der Katastrophe nach Ymirs Tod. In seiner Darstellung überlebt Bergelmir gemeinsam mit seiner Frau die Flut aus Ymirs Blut und wird damit zum Ausgangspunkt der späteren Riesengeschlechter.

Die Vafþrúðnismál ist deshalb besonders wertvoll, weil sie zeigt, dass Bergelmir bereits unabhängig von Snorris ausführlicher Prosaüberlieferung Bestandteil der eddischen Tradition war. Sein Name und seine Verbindung zur ältesten Riesengenealogie sind also nicht einfach eine Erfindung des mittelalterlichen Autors der Prosa-Edda. Snorri konnte auf vorhandenes poetisches Material zurückgreifen, das er anschließend in eine zusammenhängendere Schöpfungsgeschichte einordnete.

Trotzdem darf man die beiden Quellen nicht vollständig miteinander verschmelzen. Die ältere Dichtung sagt weniger, als Snorris spätere Erklärung vermuten lässt. Gerade die Flutgeschichte wird in der betreffenden Strophe der Vafþrúðnismál nicht mit denselben Einzelheiten erzählt. Wer Bergelmir möglichst quellengetreu betrachten möchte, sollte deshalb zwischen dem unterscheiden, was das Gedicht tatsächlich aussagt, und dem, was Snorri später daraus beziehungsweise aus weiteren Traditionen entwickelt.

Die genealogische Aussage selbst ist jedoch deutlich. Aurgelmir steht am Anfang, Thrudgelmir folgt ihm und Bergelmir gehört zur nächsten Generation. Dadurch erhält das Riesengeschlecht eine Vergangenheit, die noch vor der bekannten Weltordnung liegt. Die Jötnar sind demnach nicht Wesen, die irgendwann nachträglich in den Kosmos eingetreten wären. Ihre Wurzeln reichen bis in dessen früheste Phase zurück.

Auch der Sprecher dieser Information ist bemerkenswert. Vafþrúðnir ist selbst ein Jötunn. Das Wissen über Bergelmir wird also innerhalb des Gedichts aus der Perspektive eines Angehörigen des Riesengeschlechts vermittelt. Odin fragt, und der Riese antwortet. Dadurch erscheint die älteste Riesengenealogie gewissermaßen als Teil des eigenen Überlieferungswissens der Jötnar. Vafþrúðnir kennt die Ursprünge seines Geschlechts und kann sie gegenüber Odin benennen.

Bergelmir wird damit zugleich zu einem Bestandteil jenes Wissens, mit dem Vafþrúðnir seinen Ruf als außergewöhnlich weiser Riese begründet. Der Name steht nicht in einem gewöhnlichen Stammbaum, sondern innerhalb eines Wettstreits, bei dem Wissen über die tiefsten Geheimnisse des Kosmos entscheidet. Dies unterstreicht, dass die Herkunft der Riesen für die nordische Mythologie mehr als eine nebensächliche Familiengeschichte war.

Der Wissenswettstreit besitzt außerdem eine besondere Dynamik. Anfangs stellt Vafþrúðnir Odin Fragen. Nachdem der verkleidete Gott diese beantwortet hat, darf er selbst fragen. Schrittweise führt der Dialog immer tiefer in die kosmische Vergangenheit und Zukunft. Die Abstammung von Bergelmir gehört zu jenem Abschnitt, in dem das uralte Wissen des Riesengeschlechts geprüft wird. Der Name erscheint dadurch in unmittelbarer Nähe zu Fragen nach den ersten Wesen und den frühesten Ereignissen.

Diese Einordnung macht deutlich, warum Bergelmir trotz der geringen Zahl eigener Geschichten nicht als unbedeutende Nebenfigur gelten sollte. Seine Funktion liegt weniger in individuellen Abenteuern als in seiner Stellung innerhalb einer kosmischen Genealogie. Er verbindet die Generation des ursprünglichen Aurgelmir beziehungsweise Ymir mit den späteren Riesengeschlechtern. Seine Erwähnung in der Vafþrúðnismál liefert dafür eine der wichtigsten Grundlagen.

Gleichzeitig erfahren wir aus dem Gedicht kaum etwas über seine Persönlichkeit. Es gibt keine Rede Bergelmirs, keine Beschreibung seines Aussehens und keine Darstellung seiner Fähigkeiten. Auch darüber, ob er besonders stark, weise oder mächtig war, sagt die Quelle nichts. Moderne Darstellungen, die ihm bestimmte Charaktereigenschaften zuschreiben, gehen deshalb über die erhaltene eddische Dichtung hinaus.

Dasselbe gilt für die Vorstellung, Bergelmir sei ein König der Riesen gewesen. Die Vafþrúðnismál bezeichnet ihn nicht als Herrscher und berichtet nicht von einem Reich. Sein Platz innerhalb der Überlieferung entsteht durch Alter und Abstammung. Gerade weil spätere Jötnar auf ein Geschlecht zurückgeführt werden können, dessen frühe Linie mit ihm verbunden ist, wird er häufig als Stammvater bezeichnet. Eine politische Herrschaft folgt daraus jedoch nicht.

Auch die Verbindung zu seiner Frau ist in der Vafþrúðnismál nicht so ausführlich dargestellt wie in Snorris Prosa-Edda. Die bekanntere Vorstellung des überlebenden Paares stammt vor allem aus der späteren zusammenhängenden Schilderung der Flut. Dies zeigt erneut, wie unterschiedliche Quellen gemeinsam das heutige Bild von Bergelmir geprägt haben. Die Lieder-Edda liefert die alte genealogische und poetische Grundlage, während Snorri zahlreiche Elemente erläutert und miteinander verbindet.

Für die historische Einordnung ist die Vafþrúðnismál deshalb unverzichtbar. Sie beweist zwar nicht, wie ein vollständiger vorchristlicher Mythos über Bergelmir ausgesehen hat, doch sie bewahrt zentrale Bestandteile einer älteren Überlieferung. Dazu gehören sein Name, seine Abstammung, sein außergewöhnlich hohes Alter und die rätselhafte Verbindung zur lúðr. Diese wenigen Angaben bilden den Kern, um den sich spätere Erklärungen entwickelt haben.

Besonders die Aussage über die Zeit vor der Erschaffung der Erde zeigt, wie eng Bergelmir mit der nordischen Kosmologie verbunden ist. Er gehört nicht einfach zur Vorgeschichte eines einzelnen Riesenstammes. Seine Existenz wird in die früheste Weltzeit eingeordnet. Damit steht er auf derselben großen mythologischen Zeitskala wie die Entstehung Ymirs und die spätere Gestaltung des Kosmos.

Die Vafþrúðnismál macht zugleich sichtbar, dass die nordische Mythologie keine einfache lineare Schöpfungsgeschichte kennt, in der zuerst die Götter auftreten und danach alle anderen Wesen entstehen. Das Riesengeschlecht besitzt eine eigene uralte Geschichte. Bergelmir ist ein wichtiger Teil davon. Seine Linie reicht in die Zeit vor der geordneten Welt zurück und überlebt anschließend den Übergang in den neuen Kosmos.

Gerade deshalb wird seine Geschichte später so bedeutend für die Erklärung der Jötnar. Wenn fast alle frühen Reifriesen durch Ymirs Blut vernichtet werden, braucht die Überlieferung eine Verbindung zu den Riesen, die danach weiterhin existieren. Die poetische Erinnerung an Bergelmir und die spätere Erklärung seiner Rettung bilden zusammen diese Brücke.

Die Vafþrúðnismál zeigt somit einen Bergelmir, der vor allem als Gestalt der Erinnerung und Abstammung erscheint. Sein Name führt tief in die Vergangenheit des Riesengeschlechts. Er steht zwischen Aurgelmir und den späteren Jötnar und gehört zu einer Epoche, die selbst für die mythologische Welt bereits als uralt gilt. Gerade diese Stellung macht ihn zu einem wichtigen Bestandteil des Wissens, das Odin von Vafþrúðnir fordert.

Bergelmir ist damit in der Vafþrúðnismál kein ausführlich handelnder Held, sondern ein Fixpunkt der ältesten kosmischen Geschichte. Wenige Verse reichen aus, um ihn mit dem Ursprung der Riesen, einer Zeit vor der Erschaffung der Erde und einem rätselhaften Überlebensmotiv zu verbinden. Diese knappe Überlieferung bildet die Grundlage für nahezu alles, was später über seine Rolle als Bindeglied zwischen den ersten Reifriesen und den nachfolgenden Jötnar erzählt werden konnte.

Bergelmir in Snorri Sturlusons Edda

Bergelmir erhält in Snorri Sturlusons Prosa-Edda eine deutlichere Rolle als in der knappen poetischen Überlieferung der Vafþrúðnismál. Während das eddische Gedicht vor allem seine Abstammung, sein hohes Alter und die rätselhafte lúðr erwähnt, fügt Snorri diese Angaben in eine zusammenhängende Schöpfungserzählung ein. Dadurch entsteht jenes Bild von Bergelmir, das heute in vielen Darstellungen der nordischen Mythologie verbreitet ist: Er ist der Riese, der gemeinsam mit seiner Frau die gewaltige Flut aus Ymirs Blut überlebt und anschließend zum Ausgangspunkt der späteren Riesengeschlechter wird. Gerade bei dieser Erzählung zeigt sich jedoch, wie wichtig es ist, zwischen der älteren poetischen Quelle und Snorris erklärender Darstellung zu unterscheiden.

Snorri Sturluson verfasste die Prosa-Edda im Island des 13. Jahrhunderts. Sein Werk entstand in einer christlich geprägten Gesellschaft, bewahrte jedoch umfangreiche Kenntnisse über die vorchristliche nordische Dichtung und Mythologie. Ein wesentlicher Zweck der Edda bestand darin, Dichtern das Verständnis der traditionellen Bildsprache, der Kenningar und der alten mythologischen Stoffe zu ermöglichen. Snorri sammelte deshalb ältere Erzählungen, zitierte eddische Verse und ordnete verstreute mythologische Informationen in größere Zusammenhänge ein. Auch Bergelmir wird auf diese Weise Teil einer ausführlicheren Darstellung der Weltentstehung.

Die Geschichte erscheint in der Gylfaginning, einem Hauptteil der Prosa-Edda. Dort wird die Entstehung des Kosmos in Form eines Lehrgesprächs dargestellt. Der schwedische König Gylfi tritt unter dem Namen Gangleri auf und stellt drei geheimnisvollen Gestalten Fragen über die Götter, die Welt und ihre Ursprünge. In den Antworten entsteht schrittweise ein großes kosmologisches Bild. Ymir, die ersten Götter, die Erschaffung der Erde und schließlich auch Bergelmir gehören zu dieser zusammenhängenden Erklärung.

Am Anfang steht Ymir. Snorri beschreibt, wie im ursprünglichen Ginnungagap die Kälte aus Niflheim und die Hitze aus Muspelheim aufeinandertreffen. Aus schmelzendem Reif entstehen Tropfen, aus denen sich ein lebendes Wesen entwickelt. Dieses Wesen wird Ymir genannt und bildet den Ursprung des Geschlechts der Reifriesen. Snorri verbindet diese Gestalt mit dem Namen Aurgelmir, der in der Vafþrúðnismál verwendet wird. Dadurch stellt seine Erzählung eine Verbindung zwischen der bekannten Ymir-Geschichte und der älteren Riesengenealogie her, zu der auch Bergelmir gehört.

Aus Ymir entstehen weitere Riesen. Seine Fortpflanzung folgt dabei nicht den gewöhnlichen Regeln der späteren Welt. Während er schläft, gehen Wesen aus seinem Körper hervor. Aus dieser frühen Linie entstehen schließlich Thrudgelmir und Bergelmir. Snorri kann dabei auf das Wissen zurückgreifen, das bereits in der eddischen Dichtung erhalten war. Gleichzeitig gibt er diesen Namen einen Platz in einer ausführlicheren chronologischen Darstellung.

Parallel zum Riesengeschlecht entsteht nach Snorris Erzählung die Linie der Götter. Die Kuh Auðhumla leckt salzige Eisblöcke und bringt dadurch Búri zum Vorschein. Dessen Sohn Borr verbindet sich mit Bestla, der Tochter des Riesen Bölþorn. Aus dieser Verbindung gehen Odin, Vili und Vé hervor. Schon diese Abstammung zeigt, dass Götter und Riesen bei Snorri nicht als vollständig voneinander getrennte Ursprungsgruppen erscheinen. Selbst Odin besitzt über seine Mutter eine direkte riesische Abstammung.

Der entscheidende Bruch folgt, als Odin und seine Brüder Ymir töten. Snorri schildert diesen Vorgang knapp, doch seine Folgen sind gewaltig. Aus dem Körper des Urwesens tritt eine enorme Menge Blut hervor. Dieses Blut überschwemmt die Welt der frühen Reifriesen und führt dazu, dass nahezu das gesamte alte Geschlecht umkommt. An genau diesem Punkt tritt Bergelmir in den Mittelpunkt der Erzählung.

Nach Snorris Darstellung gelingt es Bergelmir, gemeinsam mit seiner Frau der Katastrophe zu entkommen. Damit unterscheidet er sich von den übrigen frühen Reifriesen, die in der Flut zugrunde gehen. Die Rettung wird mit der sogenannten lúðr verbunden. Dieses altnordische Wort gehört zu den schwierigsten Einzelheiten der Geschichte. Snorri erklärt nicht detailliert, wie der Gegenstand aussah, doch innerhalb seiner Erzählung besitzt er eindeutig eine rettende Funktion. Bergelmir und seine Frau gelangen auf oder in diese lúðr und überstehen dadurch das Blutbad nach Ymirs Tod.

Gerade diese Verbindung ist für das moderne Bild von Bergelmir entscheidend. Die ältere Vafþrúðnismál nennt zwar bereits die lúðr, schildert jedoch nicht dieselbe ausführliche Flutgeschichte. Erst bei Snorri wird der rätselhafte Gegenstand eindeutig in den Zusammenhang mit Ymirs Tod gestellt. Dadurch entsteht eine klare Erzählfolge: Ymir wird erschlagen, sein Blut überschwemmt die frühen Riesen, Bergelmir und seine Frau retten sich und aus ihnen gehen spätere Riesengeschlechter hervor.

Snorri stützt seine Darstellung dabei auf ältere Dichtung. Er zitiert einen Vers aus der Vafþrúðnismál, in dem das hohe Alter Bergelmirs und seine Verbindung zur lúðr erwähnt werden. Dieses Vorgehen ist typisch für die Prosa-Edda. Snorri erzählt einen Mythos in Prosa und fügt anschließend poetische Verse als Beleg oder Ergänzung ein. Für die heutige Forschung ist diese Arbeitsweise besonders wertvoll, weil dadurch ältere Gedichtstellen erhalten geblieben sind, die sonst möglicherweise verloren wären.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte von Bergelmir, dass Snorri die überlieferten Verse nicht lediglich abschreibt. Er interpretiert und ordnet sie. Eine knappe poetische Aussage erhält bei ihm einen klaren Platz innerhalb einer größeren Schöpfungsgeschichte. Gerade deshalb muss zwischen dem Wortlaut der älteren Dichtung und Snorris Erklärung unterschieden werden. Seine Darstellung ist eine zentrale mittelalterliche Quelle, aber sie ist zugleich eine systematisierende Deutung älterer Traditionen.

Besonders deutlich wird dies bei der Funktion der Flut. In Snorris Erzählung erklärt sie, warum es trotz der Vernichtung der frühen Reifriesen später weiterhin zahlreiche Jötnar gibt. Bergelmir überlebt nicht nur zufällig. Seine Rettung besitzt eine genealogische Funktion. Snorri erklärt ausdrücklich, dass von ihm beziehungsweise von dem überlebenden Paar die späteren Geschlechter der Reifriesen ausgehen. Damit schließt er eine mögliche Lücke innerhalb der Schöpfungserzählung.

Ohne Bergelmir würde sich nämlich eine offensichtliche Frage stellen. Wenn beim Tod Ymirs alle frühen Riesen ertrunken wären, woher stammen dann die zahlreichen Jötnar, die später Thor, Odin und anderen Göttern begegnen? Snorris Antwort ist einfach und wirkungsvoll: Ein Paar überlebt. Dadurch bleibt die Abstammungslinie erhalten, obwohl die alte Generation weitgehend vernichtet wird.

Diese Funktion macht Bergelmir bei Snorri zu einem Stammvater, ohne dass ihm deshalb eine politische Herrschaft zugeschrieben wird. Die Prosa-Edda bezeichnet ihn nicht als König aller Riesen. Es wird nicht erzählt, dass er nach der Flut ein Reich gründet oder Jötunheim persönlich aufbaut. Seine Bedeutung liegt in seiner Abstammung und in der Fortsetzung seines Geschlechts. Die Vorstellung eines Königs Bergelmir wäre deshalb eine moderne Erweiterung der Überlieferung.

Auch über das spätere Leben des Überlebenden berichtet Snorri kaum etwas. Nachdem die genealogische Kontinuität erklärt worden ist, verschwindet Bergelmir weitgehend aus der Handlung. Es gibt keine längere Geschichte über seine Wanderung nach Jötunheim, keinen Bericht über seine Kinder und keine Beschreibung seines Todes. Diese Leerstelle zeigt erneut, dass seine Funktion innerhalb der Prosa-Edda vor allem kosmologisch ist.

Snorri interessiert sich an dieser Stelle weniger für eine persönliche Biografie als für die Erklärung der Welt. Der Mythos soll verständlich machen, wie aus dem ursprünglichen Zustand ein geordneter Kosmos entstehen konnte. Ymir liefert das Material für die Welt, während Bergelmir die Fortsetzung des alten Riesengeschlechts ermöglicht. Beide Gestalten erfüllen damit unterschiedliche, aber miteinander verbundene Funktionen.

Nachdem die Flut geschildert worden ist, beschreibt Snorri die Gestaltung der Welt aus Ymirs Körper. Sein Fleisch wird zur Erde, sein Blut zu den Meeren, seine Knochen zu Bergen und sein Schädel zum Himmel. Die neue Welt entsteht somit unmittelbar aus dem getöteten Ahnherrn der Riesen. Bergelmir überlebt diese Umgestaltung und lebt anschließend in einem Kosmos weiter, dessen Landschaft aus seinem eigenen Vorfahren besteht.

Darin liegt eine der bemerkenswertesten Verbindungen innerhalb der Erzählung. Ymir besteht nach seinem Tod materiell weiter, während seine genealogische Linie durch Bergelmir fortgesetzt wird. Die alte Welt verschwindet also nicht vollständig. Sie wird in zwei verschiedenen Formen bewahrt: als Landschaft und als Abstammung.

Snorris Darstellung macht diese Struktur besonders verständlich. Die Ereignisse werden in eine klare Reihenfolge gebracht, durch die der Übergang zwischen Urzeit und geordneter Welt nachvollziehbar wird. Zuerst entstehen die ursprünglichen Wesen, dann entwickeln sich die Linien der Riesen und Götter, schließlich wird Ymir getötet und aus seinem Körper die Welt geformt. Bergelmir steht genau am Übergang zwischen diesen Phasen.

Trotz dieser klaren Erzählstruktur sollte die Prosa-Edda nicht so gelesen werden, als hätte Snorri eine vollständige und überall einheitliche vorchristliche Glaubenslehre aufgezeichnet. Die nordische Mythologie bestand aus vielen Überlieferungen, regionalen Traditionen und poetischen Stoffen. Snorri ordnete dieses Material mehrere Jahrhunderte nach Beginn der Christianisierung Islands. Seine Edda ist deshalb unverzichtbar, aber nicht mit einem vorchristlichen theologischen Handbuch gleichzusetzen.

Für Bergelmir ist diese Einschränkung besonders wichtig, weil fast das gesamte heute bekannte Bild seiner Fluchtrettung von Snorris Verbindung verschiedener Elemente abhängt. Die Vafþrúðnismál liefert den alten Namen, die Genealogie und die lúðr. Die Prosa-Edda fügt diese Bestandteile in die ausführliche Erzählung vom Tod Ymirs und der Blutflut ein. Erst aus dem Zusammenspiel beider Quellen entsteht die bekannte Geschichte in ihrer heutigen Form.

Auch der Vergleich mit anderen Flutmythen sollte deshalb vorsichtig erfolgen. Snorris Darstellung erinnert auf den ersten Blick an Erzählungen, in denen ein Paar oder eine Familie eine gewaltige Überschwemmung überlebt. Trotzdem fehlen wesentliche Elemente anderer Traditionen. Bergelmir erhält keine göttliche Warnung, wird nicht wegen besonderer Rechtschaffenheit ausgewählt und baut nach der erhaltenen Überlieferung keine ausdrücklich beschriebene Arche. Die Flut entsteht vielmehr als direkte Folge des Todes Ymirs.

Snorri stellt die Vernichtung der frühen Reifriesen auch nicht als moralisches Gericht dar. Es gibt keine Aussage, dass sie aufgrund bestimmter Vergehen sterben müssen. Der Untergang gehört zum kosmischen Wandel. Eine alte Welt endet, während eine neue entsteht. Bergelmir ist derjenige, dessen Abstammung diesen Wandel übersteht.

Damit besitzt er in der Prosa-Edda eine bemerkenswert stille, aber zentrale Rolle. Er führt keine berühmte Schlacht, hält keine große Rede und erhält keinen besonderen Gegenstand außer der rätselhaften lúðr. Trotzdem löst sein Überleben ein entscheidendes Problem innerhalb der Genealogie. Die späteren Jötnar können weiterhin als Nachkommen derselben uralten Linie verstanden werden, die bereits mit Ymir begonnen hat.

Snorri macht aus Bergelmir dadurch einen wichtigen Verbindungspunkt der Schöpfungsgeschichte. Vor ihm liegt die Generation von Ymir und Thrudgelmir. Nach ihm folgen die Geschlechter der Riesen, die in der geordneten Welt leben. Seine Rettung trennt beide Phasen und verbindet sie zugleich.

Gerade diese Funktion erklärt, warum Bergelmir trotz weniger Erwähnungen eine größere Bedeutung besitzt, als die geringe Zahl seiner eigenen Geschichten zunächst vermuten lässt. In Snorri Sturlusons Edda wird er zum Überlebenden eines kosmischen Umbruchs und zum Träger einer uralten Abstammung. Seine Geschichte erklärt, weshalb das Riesengeschlecht nach Ymirs Tod nicht verschwindet und warum die Jötnar der späteren Mythen weiterhin auf einen Ursprung zurückgeführt werden können, der älter ist als die von den Göttern geschaffene Welt.

Unterschiede und offene Fragen der Überlieferung

Bergelmir gehört zu den Gestalten der nordischen Mythologie, bei denen sich besonders deutlich zeigt, wie vorsichtig die erhaltenen Quellen miteinander verbunden werden müssen. Die heute verbreitete Geschichte wirkt auf den ersten Blick geschlossen: Ymir wird von Odin und seinen Brüdern getötet, sein Blut überflutet die Welt der ersten Riesen, Bergelmir und seine Frau überleben in oder auf einer rätselhaften lúðr, und von ihnen stammen die späteren Riesengeschlechter ab. Diese Abfolge ist grundsätzlich durch die mittelalterliche Überlieferung gestützt. Dennoch stammen ihre einzelnen Bestandteile nicht alle aus derselben Quelle, und mehrere wichtige Fragen bleiben offen.

Die beiden wichtigsten Zeugnisse sind die Vafþrúðnismál der Lieder-Edda und die Gylfaginning in Snorri Sturlusons Prosa-Edda. Die Vafþrúðnismál bewahrt eine ältere poetische Überlieferung. Dort erscheint Bergelmir innerhalb eines Wissenswettstreits zwischen Odin und dem weisen Riesen Vafþrúðnir. Das Gedicht nennt Aurgelmir als frühen Riesen, Thrudgelmir als dessen Nachkommen und schließlich Bergelmir. Außerdem wird eine lúðr erwähnt. Die Darstellung bleibt jedoch ausgesprochen knapp und setzt offenbar Kenntnisse voraus, die dem damaligen Publikum möglicherweise vertrauter waren als heutigen Lesern.

Snorri Sturluson erzählt mehrere Jahrhunderte später eine wesentlich zusammenhängendere Geschichte. Er identifiziert Aurgelmir mit Ymir beziehungsweise ordnet beide Namen derselben Schöpfungstradition zu. Anschließend berichtet er vom Tod Ymirs durch Odin, Vili und Vé und von der gewaltigen Blutmenge, in der fast das gesamte Geschlecht der Reifriesen ertrinkt. Bergelmir und seine Frau können entkommen. Snorri erklärt außerdem, dass von ihnen die späteren Geschlechter der Reifriesen abstammen. Damit erhält die knappe poetische Tradition eine deutlich verständlichere erzählerische Struktur.

Gerade darin liegt jedoch eine der wichtigsten offenen Fragen. Es lässt sich nicht vollständig bestimmen, wie viel von Snorris Darstellung auf älteren mündlichen oder schriftlichen Traditionen beruht und wie stark er selbst verschiedene Hinweise miteinander verbunden hat. Snorri kannte sicherlich wesentlich mehr mythologische Dichtung, als heute erhalten ist. Deshalb wäre es falsch, seine Erzählung einfach als freie Erfindung zu betrachten. Ebenso wäre es aber problematisch, jede Einzelheit seiner Darstellung automatisch für die genaue Form eines vorchristlichen Mythos zu halten.

Die Vafþrúðnismál zeigt eindeutig, dass Bergelmir bereits in einer älteren Tradition existierte. Sein Name, seine Abstammung und die Verbindung mit der lúðr stammen also nicht erst aus Snorris Werk. Weniger eindeutig ist dagegen, welche Geschichte das ursprüngliche Publikum hinter diesen wenigen Hinweisen kannte. Das Gedicht erläutert nicht ausführlich, warum Bergelmir auf oder in eine lúðr gelangte. Snorris Verbindung mit der Flut aus Ymirs Blut ist plausibel und wurde zur klassischen Erklärung, doch die poetische Strophe allein erzählt diese Handlung nicht vollständig.

Besonders deutlich wird die Unsicherheit beim Wort lúðr. Moderne Nacherzählungen sprechen häufig von einem Boot, einem Schiff oder sogar einer Arche. Diese Übersetzungen passen gut zur Vorstellung einer Flut. Das altnordische Wort bezeichnet jedoch nicht eindeutig ein gewöhnliches Schiff. Es wird unter anderem mit einem hölzernen Behälter, einem Trog oder einer Konstruktion im Zusammenhang mit einer Handmühle verbunden. Deshalb bleibt offen, wie der Gegenstand ursprünglich vorgestellt wurde.

Für Bergelmir ist diese Frage bedeutsam, weil sein bekanntestes Ereignis unmittelbar mit der lúðr verbunden wird. Wenn man sie als Schiff versteht, entsteht eine klassische Rettung aus einer Überschwemmung. Wenn eher ein Trog oder Kasten gemeint war, wirkt das Bild ungewöhnlicher. Noch schwieriger wird die Sache dadurch, dass die poetische Formulierung nicht ausführlich erklärt, wie der Gegenstand benutzt wurde. Die ursprüngliche mythologische Vorstellung kann daher nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden.

Auch die Rolle seiner Frau wirft Fragen auf. Snorri nennt sie als Mitüberlebende, doch ihr Name ist nicht überliefert. Wir erfahren weder ihre Abstammung noch etwas über ihren Charakter. Dass sie zusammen mit Bergelmir überlebt, ist genealogisch äußerst wichtig, denn dadurch kann das Riesengeschlecht fortgesetzt werden. Trotzdem bleibt sie eine weitgehend unsichtbare Gestalt. Ob ältere Traditionen ihren Namen oder weitere Geschichten über sie kannten, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

Ähnlich unklar ist die genaue Abstammung der späteren Jötnar. Die Prosa-Edda erklärt, dass von dem überlebenden Paar die späteren Geschlechter ausgehen. Daraus ergibt sich die verbreitete Bezeichnung Bergelmirs als Stammvater der Riesen. Ein vollständiger Stammbaum fehlt jedoch. Es werden keine Kinder genannt, die anschließend wiederum bestimmte bekannte Riesenfamilien begründen. Zwischen Bergelmir und Gestalten wie Hrungnir, Þrymr oder anderen späteren Jötnar liegen genealogische Lücken.

Deshalb sollte nicht behauptet werden, ein bestimmter späterer Riese sei ausdrücklich Sohn, Enkel oder direkter Urenkel Bergelmirs, wenn die Quellen dies nicht sagen. Die Überlieferung vermittelt eine allgemeine Kontinuität des Geschlechts, keine lückenlose Familiengeschichte. Gerade diese Unterscheidung schützt davor, aus wenigen Angaben ein modernes, vollständig ausgearbeitetes genealogisches System zu konstruieren.

Auch die genaue Bedeutung des Begriffs Reifriese muss vorsichtig behandelt werden. Snorri verwendet für das frühe Geschlecht Bezeichnungen, die mit Kälte und Reif verbunden sind. Spätere Jötnar erscheinen jedoch in einer sehr großen Vielfalt und sind keineswegs alle eindeutig Eis- oder Frostriesen im modernen Fantasy-Sinn. Die Gleichsetzung sämtlicher Nachkommen Bergelmirs mit einer fest definierten Art von „Frostriesen“ würde die mittelalterliche Überlieferung stärker systematisieren, als sie tatsächlich ist.

Eine weitere offene Frage betrifft den Umfang der Katastrophe. Snorri schildert die Flut so, dass das frühe Riesengeschlecht nahezu vollständig untergeht und Bergelmir mit seiner Frau entkommt. Die Formulierung wird häufig so wiedergegeben, als seien sie die einzigen Überlebenden überhaupt. Innerhalb von Snorris genealogischer Erklärung erfüllt diese Vorstellung eine klare Funktion. Dennoch sollte man vorsichtig sein, daraus ein mathematisch exaktes Verzeichnis aller damals existierenden Wesen abzuleiten. Mythologische Texte arbeiten nicht mit modernen Bevölkerungsstatistiken.

Auch die zeitliche Abfolge lässt sich nicht in historischen Jahren berechnen. Die Vafþrúðnismál betont das außergewöhnliche Alter Bergelmirs und ordnet ihn in eine Zeit vor der Erschaffung der Erde ein. Daraus lässt sich jedoch keine konkrete Chronologie ableiten. Aussagen über „tausende Jahre“ oder bestimmte Zeiträume wären moderne Spekulation. Die eddische Dichtung verwendet große Zeitangaben vor allem dazu, urzeitliche Ferne auszudrücken.

Offen bleibt ebenfalls, was nach der Rettung unmittelbar geschieht. Snorri erklärt den Fortbestand des Riesengeschlechts, erzählt aber keine ausführliche Lebensgeschichte Bergelmirs nach der Flut. Es gibt keinen Bericht darüber, wo er und seine Frau zuerst leben, wie sie eine neue Gemeinschaft gründen oder wie ihre unmittelbaren Nachkommen heißen. Ebenso wenig wird beschrieben, wann oder wie Bergelmir stirbt.

Diese Leerstelle ist bemerkenswert, weil moderne Leser häufig erwarten, dass eine so wichtige Gestalt eine ausführliche Biografie besitzt. Die mittelalterliche Überlieferung funktioniert jedoch anders. Eine Figur kann für einen einzigen kosmologischen Zusammenhang entscheidend sein und danach vollständig aus der Erzählung verschwinden. Bergelmir erfüllt seine wichtigste Funktion in dem Moment, in dem das Riesengeschlecht trotz der Katastrophe weiterbestehen kann.

Auch sein Verhältnis zu Odin bleibt unbekannt. Der Gott gehört zu denjenigen, die Ymir töten und damit indirekt die Flut auslösen, in der Bergelmirs Verwandte untergehen. Trotzdem berichtet keine erhaltene Quelle von einem persönlichen Racheversuch. Es gibt keinen Dialog zwischen Bergelmir und Odin, keinen Fluch und keinen Schwur gegen die Asen. Die späteren Konflikte zwischen Göttern und Jötnar können deshalb nicht ohne Weiteres als direkte Fortsetzung einer persönlichen Feindschaft erklärt werden.

Gerade hier unterscheiden sich quellennahe Darstellungen von moderner Fantasy. Eine heutige Erzählung könnte Bergelmir problemlos zum verbitterten Überlebenden machen, der seinen Nachkommen Hass auf die Götter einprägt. Für einen Roman wäre das denkbar. Als Aussage über die historische Überlieferung wäre es jedoch nicht belegt. Die erhaltenen Texte charakterisieren ihn nicht auf diese Weise.

Unklar ist auch, ob die Geschichte von der Blutflut mit anderen europäischen oder nahöstlichen Fluttraditionen zusammenhängt. Ähnlichkeiten zu bekannten Flutmythen sind offensichtlich. Ein großes Geschlecht wird vernichtet, während wenige Überlebende mithilfe eines Behältnisses entkommen und anschließend eine neue Linie begründen. Besonders der Vergleich mit der biblischen Sintflut liegt nahe. Trotzdem unterscheiden sich Ursache und Funktion deutlich.

Bei Bergelmir gibt es keine ausdrückliche moralische Bestrafung. Ymir wird getötet, und sein Blut verursacht die Katastrophe. Der überlebende Riese wird nicht aufgrund besonderer Frömmigkeit ausgewählt. Es gibt keine göttliche Warnung, keine Sammlung von Tierpaaren und keinen Bund nach der Flut. Die Ähnlichkeit des Grundmotivs reicht daher nicht aus, um eine direkte Abhängigkeit sicher zu beweisen.

Hinzu kommt die zeitliche Situation Snorris. Er schrieb in einer christlichen Gesellschaft und kannte die biblische Tradition. Deshalb ist grundsätzlich denkbar, dass seine Art der Darstellung durch christliche Vorstellungen beeinflusst wurde. Gleichzeitig zeigt die ältere Vafþrúðnismál, dass Bergelmir und die lúðr bereits vor Snorris Prosafassung Teil der nordischen Dichtung waren. Die Geschichte kann daher nicht einfach als christliche Erfindung Snorris abgetan werden.

Die schwierigste Aufgabe besteht darin, beide Tatsachen gleichzeitig ernst zu nehmen. Es gab eine ältere nordische Überlieferung über Bergelmir. Snorri bewahrte und erklärte sie jedoch aus der Perspektive eines mittelalterlichen Autors, der ältere Dichtung ordnen wollte. Wo genau die Grenze zwischen bewahrtem Mythos, eigener Interpretation und möglichen zeitgenössischen Einflüssen verläuft, lässt sich nicht mehr vollständig bestimmen.

Auch die Gleichsetzung von Aurgelmir und Ymir gehört in diesen Zusammenhang. In der Vafþrúðnismál steht Aurgelmir am Anfang der Riesengenealogie. Snorri verbindet diesen Namen mit Ymir, dem Urwesen seiner Schöpfungserzählung. Diese Identifikation wird allgemein akzeptiert und ergibt innerhalb der Überlieferung Sinn. Dennoch zeigt sie, wie unterschiedliche Namen und Traditionsstränge miteinander verbunden wurden. Die nordische Mythologie bestand nicht zwangsläufig aus einem überall einheitlichen System.

Bergelmir ist deshalb ein besonders gutes Beispiel dafür, wie fragmentarisch die Quellenlage sein kann. Der Kern seiner Geschichte ist verhältnismäßig klar: Er gehört zu den ältesten Riesen, stammt von Thrudgelmir und damit von Aurgelmir beziehungsweise Ymir ab und wird mit dem Fortbestand des Riesengeschlechts nach einer gewaltigen Katastrophe verbunden. Darüber hinaus werden die Aussagen zunehmend unsicherer.

Nicht sicher bekannt sind die genaue Form der lúðr, der Name seiner Frau, seine unmittelbaren Kinder, sein späterer Wohnort, sein Todeszeitpunkt und seine persönlichen Beziehungen zu den Göttern. Ebenso wenig kann zweifelsfrei rekonstruiert werden, wie eine vollständig erzählte vorchristliche Geschichte über Bergelmir ausgesehen hätte.

Gerade diese offenen Fragen sollten nicht als Schwäche der Überlieferung betrachtet werden. Sie zeigen vielmehr, unter welchen Bedingungen die nordischen Mythen erhalten geblieben sind. Wir besitzen keine vollständigen Aufzeichnungen aus der Zeit, in der diese Geschichten noch Teil einer lebendigen vorchristlichen Tradition waren. Was heute bekannt ist, stammt aus mittelalterlichen Handschriften, poetischen Fragmenten und späteren erklärenden Werken.

Bergelmir erinnert deshalb daran, dass nordische Mythologie häufig aus mehreren Ebenen zusammengesetzt werden muss. Die Vafþrúðnismál liefert einen alten poetischen Kern. Snorri Sturluson bietet eine ausführlichere Einordnung. Moderne Forschung versucht, Sprache, Handschriften und historische Zusammenhänge zu vergleichen. Dennoch bleiben manche Fragen offen.

Gerade eine quellennahe Betrachtung sollte diese Unsicherheiten nicht verstecken. Die Geschichte Bergelmirs wird dadurch nicht weniger interessant. Im Gegenteil: Zwischen den wenigen sicheren Aussagen und den verlorenen Teilen der Tradition wird sichtbar, wie alt und fragmentarisch die Überlieferung ist. Bergelmir bleibt ein wichtiger Stammvater der späteren Riesen, zugleich aber eine Gestalt, deren vollständige Geschichte wahrscheinlich schon im Mittelalter nur noch in einzelnen Spuren greifbar war.

Bergelmir als Überlebender einer Urkatastrophe

Bergelmir gehört zu den ungewöhnlichsten Überlebenden der nordischen Mythologie. Seine Bedeutung entsteht nicht durch einen großen Kampf, eine besondere Waffe oder eine lange Reihe von Abenteuern. Entscheidend ist vielmehr, dass Bergelmir eine Katastrophe übersteht, die beinahe das gesamte frühe Riesengeschlecht vernichtet. Als Odin und seine Brüder Ymir töten, strömt aus dessen Körper eine so gewaltige Menge Blut, dass die alten Reifriesen darin untergehen. Nur Bergelmir und seine Frau entkommen. Dadurch wird aus einem Angehörigen der urzeitlichen Riesengeneration das Bindeglied zwischen einer untergehenden Welt und den späteren Jötnar.

Diese Katastrophe unterscheidet sich grundlegend von einem gewöhnlichen Hochwasser. Die Welt, wie sie in den späteren nordischen Mythen bekannt ist, existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig. Midgard ist noch nicht als Menschenwelt eingerichtet, Jötunheim besitzt noch nicht seine spätere Stellung, und selbst Erde, Meer und Himmel werden erst aus dem Körper Ymirs geschaffen. Bergelmir erlebt damit keine Naturkatastrophe innerhalb einer bereits bestehenden Landschaft. Er überlebt den gewaltsamen Übergang von einer ursprünglichen kosmischen Phase zu einer neuen Weltordnung.

Gerade diese Dimension macht seine Geschichte außergewöhnlich. Ymir ist nicht lediglich ein mächtiger Riese, der in einer Schlacht fällt. Er gehört zu den ersten Wesen der Schöpfungszeit und bildet den Ursprung des Riesengeschlechts. Aus seinem Körper entstehen nach seinem Tod die Bestandteile des Kosmos. Sein Blut wird zum Meer, sein Fleisch zur Erde und seine Knochen zu Bergen. Bergelmir entkommt deshalb einer Flut, die zugleich Bestandteil eines Schöpfungsprozesses ist.

Der Untergang der frühen Riesen entsteht unmittelbar aus diesem Vorgang. Das Blut Ymirs, also das Blut ihres eigenen Ahnherrn, wird für seine Nachkommen zur tödlichen Gefahr. Dieses Motiv verleiht der Katastrophe eine besondere Härte. Der Ursprung des Geschlechts wird nach seinem Tod gleichzeitig zur Ursache seiner beinahe vollständigen Vernichtung. Bergelmir überlebt genau diesen Moment und bewahrt damit eine genealogische Linie, die ansonsten abzubrechen droht.

Dabei wird er nicht als großer Held dargestellt, der das Unheil durch außergewöhnliche Kraft besiegt. Die Quellen erzählen keine Szene, in der Bergelmir gegen die Flut kämpft oder andere Riesen zu retten versucht. Auch eine göttliche Macht, die ihn wegen besonderer Verdienste auswählt, wird nicht genannt. Sein Überleben erscheint viel nüchterner. Gemeinsam mit seiner Frau gelangt er auf beziehungsweise in die rätselhafte lúðr und entkommt dadurch der Katastrophe.

Gerade diese Zurückhaltung unterscheidet die Geschichte von vielen modernen Heldenerzählungen. Bergelmir muss das Ereignis nicht bezwingen. Er muss es überstehen. Seine Bedeutung liegt nicht im Sieg über eine feindliche Macht, sondern im Fortbestand trotz einer fast vollständigen Vernichtung. Dadurch erhält sein Überleben eine andere Form von Größe als die Kämpfe Thors oder die Wissenssuche Odins.

Auch die Frau an seiner Seite ist für diese Rolle entscheidend. Ihr Name ist nicht überliefert, doch sie überlebt gemeinsam mit ihm. Dadurch bleibt nicht nur ein einzelner Vertreter des alten Geschlechts am Leben. Das Paar kann die Abstammung fortsetzen. Genau deshalb besitzt Bergelmir innerhalb der Genealogie der Riesen eine so bedeutende Stellung. Sein Überleben sichert nicht lediglich seine persönliche Zukunft, sondern ermöglicht die Entstehung späterer Generationen.

Die Katastrophe verändert zugleich alles, was das Paar bisher gekannt haben könnte. Die ältesten Riesen gehören zu einer Welt vor der bekannten Ordnung. Nach Ymirs Tod entsteht dagegen ein Kosmos mit neuen Landschaften und Grenzen. Bergelmir lebt damit nach der Flut nicht einfach an einem anderen Ort weiter. Er lebt in einer Wirklichkeit, die grundsätzlich umgestaltet worden ist.

Dieser Umstand macht ihn zu einer seltenen Übergangsgestalt. Die meisten bekannten Jötnar der nordischen Mythologie treten bereits innerhalb der geordneten Welt auf. Sie wohnen in Hallen, reisen zwischen bestimmten Gebieten oder begegnen den Göttern an den Grenzen zwischen Asgard, Midgard und Jötunheim. Bergelmir gehört dagegen noch zu einer Zeit vor dieser Ordnung und überlebt gleichzeitig lange genug, um Teil der neuen Phase zu werden.

Seine Erfahrung lässt sich deshalb als Überleben einer Urkatastrophe bezeichnen. Die Flut aus Ymirs Blut zerstört nicht lediglich Siedlungen oder Landschaften, sondern beendet eine ganze Epoche. Die Generation der frühen Reifriesen verschwindet weitgehend. Was danach entsteht, ist nicht mehr dieselbe Welt. Bergelmir bewahrt dennoch eine direkte Verbindung zu ihr.

Diese Verbindung zeigt sich besonders deutlich in seiner Abstammung. Über Thrudgelmir führt seine Linie zu Aurgelmir beziehungsweise Ymir zurück. Bergelmir gehört damit genealogisch unmittelbar zum Ursprung des Riesengeschlechts. Wenn er die Katastrophe übersteht, überlebt also nicht irgendein entfernter Nachkomme. Ein Angehöriger der ältesten namentlich bekannten Linie trägt diese Abstammung in die neue Welt hinein.

Der Mythos vermittelt dadurch einen starken Gedanken von Kontinuität. Selbst ein kosmischer Umbruch löscht die Vergangenheit nicht vollständig aus. Ymir stirbt, doch sein Körper bleibt in Form der Welt erhalten. Die frühen Riesen gehen unter, doch ihre Linie bleibt durch Bergelmir bestehen. Auf beiden Ebenen wird das Alte nicht einfach beseitigt, sondern in veränderter Form weitergetragen.

Gerade deshalb wäre es falsch, den Tod Ymirs und die Flut ausschließlich als Vernichtung zu betrachten. Gleichzeitig entstehen aus diesem Ereignis neue Strukturen. Das Blut, das die Reifriesen tötet, wird später zum Meer. Der Körper des Urwesens verwandelt sich in Landschaft. Das Überleben Bergelmirs wiederum ermöglicht eine neue Generation von Jötnar. Tod, Zerstörung und Neubeginn liegen damit unmittelbar nebeneinander.

Die Überlieferung erzählt allerdings nicht, wie Bergelmir die Katastrophe emotional erlebt. Es gibt keine Klage über die verlorenen Angehörigen seines Geschlechts. Ebenso fehlen Beschreibungen von Angst, Trauer oder Erleichterung. Moderne Nacherzählungen könnten solche Gefühle ergänzen, doch die mittelalterlichen Quellen bleiben knapp. Für eine quellennahe Betrachtung sollte diese Lücke bestehen bleiben.

Dasselbe gilt für die Frage nach Schuld und Verantwortung. Odin, Vili und Vé töten Ymir und lösen dadurch die Flut aus. Trotzdem wird Bergelmir nicht als Überlebender dargestellt, der anschließend Rache schwört. Es gibt keine erhaltene Geschichte, in der er Odin verfolgt oder seine Nachkommen zum Kampf gegen die Asen aufruft. Die späteren Konflikte zwischen Göttern und Jötnar können deshalb nicht einfach als Fortsetzung eines persönlichen Rachemotivs verstanden werden.

Der kosmische Gegensatz ist komplizierter. Die Götter schaffen eine neue Ordnung, während die Riesen eine Abstammung besitzen, die vor dieser Ordnung beginnt. Bergelmir verkörpert diese ältere Herkunft besonders deutlich. Sein bloßes Weiterleben zeigt, dass die von den Göttern geschaffene Welt nicht alles vorher Existierende vollständig ersetzt.

Dadurch erhält auch die spätere Stellung der Jötnar eine tiefere Bedeutung. Sie gehören nicht zu einer nachträglich geschaffenen Gegenwelt, die erst nach Midgard und Asgard entsteht. Über Bergelmir reicht ihre Vergangenheit in die Schöpfungszeit zurück. Sie tragen gewissermaßen eine Erinnerung an die Welt vor der Ordnung in sich, auch wenn die einzelnen späteren Riesen diese Erinnerung nicht ausdrücklich erzählen.

Der weise Vafþrúðnir zeigt, wie stark dieses Wissen über die Frühzeit mit dem Riesengeschlecht verbunden werden konnte. In seinem Wissenswettstreit mit Odin kennt er die Abstammung von Aurgelmir über Thrudgelmir bis Bergelmir. Das Überleben des frühen Riesen gehört damit zu jenem kosmologischen Wissen, das die tiefste Vergangenheit der Welt betrifft.

Interessant ist auch, dass Bergelmir seine Bedeutung nahezu vollständig durch einen einzigen Moment erhält. Viele mythologische Figuren werden durch wiederholte Handlungen charakterisiert. Thor erscheint immer wieder als Kämpfer, Odin als Suchender nach Wissen und Loki als widersprüchliche Gestalt zwischen Hilfe und Konflikt. Bergelmir dagegen wird hauptsächlich durch seine Abstammung und sein Überleben definiert.

Gerade diese Einfachheit macht seine Stellung nicht geringer. Im Gegenteil: Ohne sein Überleben würde eine entscheidende Verbindung innerhalb der Schöpfungsgeschichte fehlen. Wenn die frühen Reifriesen vollständig vernichtet worden wären, müssten die späteren Jötnar einen neuen Ursprung besitzen. Bergelmir ermöglicht stattdessen genealogische Kontinuität. Die spätere Riesenwelt bleibt dadurch mit Ymir verbunden.

Sein Überleben zeigt außerdem, dass kosmische Ordnung in der nordischen Mythologie niemals vollständig abgeschlossen ist. Odin und seine Brüder können die Welt gestalten, aber sie beseitigen nicht alle Kräfte aus der Zeit davor. Die Nachkommen der alten Riesenlinie leben weiter und werden zu einem dauerhaften Teil des Kosmos. Manche stellen die Ordnung infrage, andere verbinden sich mit den Göttern, und wieder andere besitzen Wissen, das selbst die Asen suchen.

Bergelmir steht damit nicht nur für das Ende einer Welt, sondern ebenso für die Unmöglichkeit eines vollständigen Bruchs mit der Vergangenheit. Die neue Ordnung trägt das Alte in sich. Die Erde besteht aus Ymir, und die Jötnar führen ihre Abstammung über den überlebenden Riesen weiter. Selbst die gewaltigste Katastrophe schafft keine völlig leere Ausgangslage.

In diesem Sinn unterscheidet sich Bergelmirs Geschichte auch von Erzählungen, in denen nach einer Flut eine vollkommen gereinigte Welt beginnt. Die nordische Überlieferung beschreibt keine moralische Säuberung. Die alten Riesen werden nicht aufgrund einer kollektiven Schuld ausgelöscht, und Bergelmir wird nicht aufgrund besonderer Tugend gerettet. Es geht um einen kosmischen Übergang, nicht um ein Gericht über Gut und Böse.

Gerade deshalb sollte Bergelmir nicht einfach als nordischer Noah beschrieben werden. Beide Erzählungen besitzen zwar das Motiv einer verheerenden Flut und weniger Überlebender, doch ihre Funktionen unterscheiden sich deutlich. Bei Bergelmir entsteht die Katastrophe aus Ymirs Tod und der Erschaffung der Welt. Seine Rettung erklärt vor allem die Fortsetzung des Riesengeschlechts.

Seine Rolle ist dadurch stärker kosmologisch als moralisch. Bergelmir überlebt, weil die Geschichte eine Verbindung zwischen dem Urgeschlecht und den späteren Jötnar bewahrt. Die Quellen liefern keine theologische Erklärung dafür, warum gerade er gerettet wird. Seine Rettung ist Teil der Struktur der Überlieferung.

Nach der Katastrophe verliert sich seine persönliche Geschichte weitgehend. Wir erfahren nicht ausführlich, wie lange Bergelmir noch lebt, welche Kinder er persönlich zeugt oder welche Ereignisse er in der neuen Welt erlebt. Gerade dieser Umstand unterstreicht, dass der entscheidende Punkt bereits erreicht ist. Das Geschlecht ist nicht ausgestorben.

Die spätere Existenz zahlreicher Jötnar wird damit zum sichtbaren Ergebnis seines Überlebens. Generationen, die Bergelmir selbst in den erhaltenen Texten nie begegnen, gehören dennoch zur Fortsetzung jener Linie, die durch ihn den Untergang überstanden hat. Der einzelne Überlebende wirkt dadurch weit über seine eigene kurze Erwähnung hinaus.

Bergelmir ist somit eine Gestalt, deren Bedeutung weniger in Handlungen als in Kontinuität liegt. Er steht am Rand einer zerstörten Urwelt und zugleich am Anfang eines neuen Kapitels des Riesengeschlechts. Der Kosmos wird umgestaltet, seine Verwandten gehen unter und sein Ahnherr wird zum Material der Welt. Dennoch bleibt durch ihn eine lebende Verbindung zur Zeit vor all diesen Veränderungen erhalten.

Gerade deshalb gehört Bergelmir zu den wichtigsten Überlebensgestalten der nordischen Schöpfungsüberlieferung. Seine Geschichte zeigt nicht den Triumph über eine Katastrophe, sondern das Weiterbestehen trotz ihr. Die alte Welt endet, aber sie verschwindet nicht vollständig. Ein Teil ihrer Abstammung geht mit Bergelmir in die neue Ordnung über und wird dort zum Ursprung der späteren Riesengeschlechter.

Die Flut aus Ymirs Blut als mythologisches Motiv

Die Flut aus Ymirs Blut gehört zu den eindrucksvollsten Motiven der nordischen Schöpfungsüberlieferung. Sie verbindet Tod, Vernichtung und Neubeginn in einem einzigen Ereignis. Nachdem Odin und seine Brüder Vili und Vé den Ur-Riesen Ymir getötet haben, strömt aus dessen Körper eine ungeheure Menge Blut. Die Flut erfasst das frühe Riesengeschlecht und vernichtet einen großen Teil seiner Angehörigen. Nur Bergelmir und seine Frau überleben. Dadurch wird die Flut nicht nur zu einem Bild für den Untergang einer alten Welt, sondern zugleich zum Ausgangspunkt für die Fortsetzung des Riesengeschlechts.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Katastrophe unmittelbar aus dem Körper Ymirs hervorgeht. Ymir gilt als Ursprung der ersten Riesen. Sein eigenes Blut wird nach seinem Tod zur tödlichen Gefahr für seine Nachkommen. Ursprung und Vernichtung liegen damit eng beieinander. Bergelmir entkommt einer Flut, die ausgerechnet aus dem Körper jenes Wesens entsteht, auf das seine eigene Abstammung zurückgeführt wird. Diese Verbindung macht das Motiv ungewöhnlicher als eine gewöhnliche Erzählung über Hochwasser oder Naturgewalten.

Die Flut findet zudem nicht innerhalb einer bereits fertig geschaffenen Welt statt. Erde, Meer, Himmel und die später bekannten kosmischen Bereiche entstehen erst im Zusammenhang mit Ymirs Tod. Deshalb sollte man sich das Ereignis nicht einfach wie die Überschwemmung eines Landes vorstellen. Die Katastrophe gehört zu einem kosmischen Übergang. Eine ältere Welt vergeht, während gleichzeitig die Grundlage einer neuen Ordnung entsteht. Bergelmir steht genau an der Grenze zwischen diesen beiden Zuständen.

Das Blut besitzt dabei eine doppelte Funktion. Zunächst ist es eine zerstörerische Masse, in der die frühen Reifriesen untergehen. Anschließend wird es zu einem Bestandteil des Kosmos, denn aus Ymirs Blut werden nach der Schöpfungsüberlieferung die Meere und Gewässer gebildet. Was im ersten Moment Tod bringt, wird danach zu einem dauerhaften Element der Welt. Die Flut ist deshalb nicht ausschließlich ein Vernichtungsmotiv. Sie gehört zugleich zum Prozess der Welterschaffung.

Diese Verbindung von Zerstörung und Schöpfung ist ein wesentliches Merkmal der Geschichte. Ymir muss sterben, damit sein Körper zur Grundlage der neuen Welt werden kann. Sein Tod zerstört jedoch zugleich die bisherige Lebenswelt seiner Nachkommen. Bergelmir überlebt diesen Übergang und trägt damit einen lebenden Rest der alten Ordnung in die neue Welt hinein. Während der Körper Ymirs materiell fortbesteht, bleibt sein Geschlecht genealogisch erhalten.

Die Flut trennt dadurch zwei Generationen der Riesen voneinander. Vor ihr stehen die urzeitlichen Wesen um Ymir, Thrudgelmir und Bergelmir. Nach ihr erscheinen jene Jötnar, die später in zahlreichen Mythen mit Odin, Thor und anderen Göttern in Verbindung treten. Die Katastrophe bildet somit eine deutliche Zäsur, ohne die Abstammung vollständig zu unterbrechen.

Gerade darin unterscheidet sich das Motiv von einer Geschichte über vollständige Vernichtung. Die alten Riesen gehen weitgehend unter, doch die Vergangenheit wird nicht vollständig ausgelöscht. Bergelmir und seine Frau sorgen dafür, dass das Geschlecht weiterbestehen kann. Der Mythos kennt damit keinen absoluten Neubeginn. Die neue Welt entsteht aus Überresten der alten und trägt deren Spuren weiterhin in sich.

Das Motiv der großen Flut findet sich in unterschiedlichen mythologischen Traditionen. Überschwemmungen können dort das Ende einer früheren Generation markieren oder einen Übergang zwischen verschiedenen Weltzeitaltern erklären. Die Geschichte um Bergelmir weist äußerlich einige Ähnlichkeiten mit solchen Erzählungen auf. Auch hier überlebt nur eine kleine Gruppe eine gewaltige Wasser- beziehungsweise Blutmasse und ermöglicht anschließend die Fortsetzung einer Linie.

Trotzdem sollte die Flut aus Ymirs Blut nicht einfach mit der biblischen Sintflut gleichgesetzt werden. Die Unterschiede sind erheblich. Die Reifriesen werden nicht aufgrund einer ausdrücklich genannten moralischen Verfehlung vernichtet. Es gibt kein göttliches Urteil, das ihre Lebensweise verurteilt. Ebenso wird Bergelmir nicht als besonders gerecht oder fromm beschrieben. Seine Rettung erscheint nicht als Belohnung für ein vorbildliches Verhalten.

Auch eine göttliche Warnung fehlt. In der biblischen Erzählung erhält Noah konkrete Anweisungen zur Vorbereitung auf die kommende Katastrophe. Für Bergelmir wird nichts Vergleichbares berichtet. Die Flut entsteht unmittelbar aus Ymirs Tötung. Das überlebende Paar entkommt, ohne dass die Quellen einen göttlichen Rettungsplan schildern. Die Funktion des Motivs liegt deshalb stärker in der kosmologischen und genealogischen Erklärung als in einer moralischen Botschaft.

Die Ähnlichkeit verschiedener Fluterzählungen bleibt dennoch interessant. Große Überschwemmungen eignen sich besonders gut als mythologisches Bild für einen radikalen Bruch. Wasser kann Grenzen auflösen, Landschaften verschwinden lassen und eine scheinbar vollständige Zerstörung bewirken. Im Fall von Bergelmir wird dieses Bild noch gesteigert, weil es sich nicht um gewöhnliches Wasser handelt. Die Flut besteht aus dem Blut eines getöteten Urwesens.

Dadurch wird die Katastrophe eng mit der Herkunft der Riesen verbunden. Das Blut Ymirs ist nicht irgendeine fremde Macht. Es gehört zum Körper des Stammwesens ihres Geschlechts. Die Vernichtung kommt damit aus dem eigenen Ursprung hervor. Bergelmir entkommt gewissermaßen einer zerstörerischen Verwandlung seines Ahnherrn. Gerade diese Vorstellung verleiht der Episode eine besondere mythologische Tiefe.

Gleichzeitig wird Ymirs Blut nicht als nutzloser Rest behandelt. Nach dem Untergang der frühen Riesen erhält es eine neue kosmische Funktion. Es wird zu Meer und Wasser. Die Welt, in der die Nachkommen von Bergelmir später leben, enthält damit weiterhin genau jenes Element, das beinahe zur Vernichtung ihres Geschlechts geführt hätte. Die Katastrophe wird buchstäblich Bestandteil der neuen Ordnung.

Dies zeigt, wie eng Vergangenheit und Gegenwart innerhalb der nordischen Schöpfungsvorstellung miteinander verbunden sind. Der Kosmos trägt die Folgen der ursprünglichen Gewalt dauerhaft in sich. Berge bestehen aus Ymirs Knochen, die Erde aus seinem Fleisch und die Gewässer aus seinem Blut. Die Welt ist damit nicht von ihrem Ursprung getrennt. Sie besteht aus ihm.

Auch Bergelmir trägt diese Vergangenheit weiter, allerdings auf eine andere Weise. Sein Körper wird nicht Bestandteil der Landschaft. Stattdessen bewahrt er die genealogische Linie. Während Ymir nach seinem Tod materiell fortbesteht, sorgt Bergelmir dafür, dass die Riesengenealogie lebendig bleibt. Beide Formen des Fortbestehens ergänzen einander.

Die Flut kann deshalb auch als Grenze zwischen zwei Arten von Existenz verstanden werden. Die ursprünglichen Reifriesen gehören zu einer Zeit vor der geordneten Welt. Die späteren Jötnar leben dagegen innerhalb eines Kosmos mit unterschiedlichen Bereichen und Grenzen. Bergelmir überschreitet diese Grenze als Überlebender. Seine Biografie reicht von der Urzeit bis in die neue Ordnung.

Für das spätere Verhältnis zwischen Göttern und Riesen besitzt dieses Motiv ebenfalls Bedeutung. Die Ordnung der Asen beginnt mit einer Handlung, die für das Riesengeschlecht verheerende Folgen hat. Odin und seine Brüder töten Ymir, und dessen Blut vernichtet zahlreiche Nachkommen. Dennoch sollte daraus kein ausdrücklich überlieferter Rachemythos konstruiert werden. Die Quellen berichten nicht, dass Bergelmir seinen späteren Nachkommen den Auftrag erteilt, den Tod Ymirs zu rächen.

Die Flut bildet vielmehr den Hintergrund einer kosmischen Spannung. Die Götter schaffen eine neue Ordnung, während ein Geschlecht weiterbesteht, dessen Wurzeln älter sind als diese Ordnung. Bergelmir bewahrt genau diese ältere Abstammung. Die späteren Jötnar sind deshalb keine Wesen, die vollständig aus der Welt der Asen hervorgegangen sind. Ihre Linie reicht in eine Zeit zurück, in der diese göttliche Ordnung noch nicht bestand.

Das Flutmotiv unterstreicht damit zugleich die Grenzen göttlicher Macht. Odin, Vili und Vé können Ymir töten und seinen Körper zur Gestaltung der Welt verwenden. Der Untergang des alten Riesengeschlechts ist gewaltig, aber nicht vollständig. Bergelmir und seine Frau entkommen. Ein Rest der früheren Ordnung bleibt bestehen und entwickelt sich innerhalb der neuen Welt weiter.

Gerade dieser unvollständige Bruch ist für viele spätere Mythen wichtig. Die nordische Welt erscheint nicht als vollkommen befriedete Schöpfung. Verschiedene Kräfte stehen weiterhin nebeneinander, Grenzen müssen geschützt werden, und Konflikte begleiten die gesamte Geschichte bis Ragnarök. Das Überleben des alten Riesengeschlechts passt zu diesem Bild einer Welt, deren Ordnung niemals absolut oder endgültig ist.

Auch das Ende der Welt bei Ragnarök enthält wiederum Vorstellungen von Zerstörung und anschließendem Weiterbestehen. Zwischen Schöpfungsanfang und Weltende zeigt sich damit ein wiederkehrendes Muster: Eine bestehende Ordnung kann zusammenbrechen, ohne dass alles vollkommen verschwindet. Nach großen Katastrophen bleiben Wesen oder Strukturen bestehen, aus denen eine neue Phase hervorgeht. Die Geschichte von Bergelmir steht bereits am Beginn der kosmischen Ordnung für dieses Prinzip.

Dabei sollte man allerdings vorsichtig mit der Vorstellung eines bewusst ausgearbeiteten „Kreislaufmotivs“ umgehen. Die erhaltenen Quellen präsentieren keine systematische philosophische Lehre, nach der jede Weltkatastrophe einem festen Schema folgen muss. Dennoch fällt auf, dass Vernichtung in den nordischen Mythen häufig nicht das absolute Ende bedeutet. Das Überleben von Bergelmir ist eines der frühesten Beispiele dafür.

Die Flut aus Ymirs Blut besitzt deshalb mehrere Ebenen gleichzeitig. Sie erklärt das Ende der ersten Reifriesen, verbindet den Tod Ymirs mit der Entstehung der Meere und schafft einen Übergang zu den späteren Riesengeschlechtern. Bergelmir steht im Mittelpunkt dieser letzten Funktion. Ohne seine Rettung würde die Katastrophe eine genealogische Lücke hinterlassen.

Besonders wirkungsvoll ist dabei die Einfachheit der Überlieferung. Es braucht keine lange Beschreibung zerstörter Landschaften oder unzähliger Opfer. Die Vorstellung einer Blutmenge, die aus einem einzigen kosmischen Wesen hervorströmt und nahezu ein ganzes Geschlecht vernichtet, reicht aus, um die Größe des Ereignisses sichtbar zu machen. Bergelmir wird durch sein Überleben automatisch hervorgehoben.

Die Geschichte verbindet dadurch körperliche und kosmische Dimensionen. Blut ist normalerweise Teil eines einzelnen Lebewesens. Bei Ymir besitzt es jedoch eine Menge, die ganze Welten überfluten kann. Sein Körper sprengt die gewöhnlichen Maßstäbe. Dass Bergelmir diese Flut überlebt, unterstreicht zugleich, wie weit die Erzählung von einer normalen menschlichen Katastrophe entfernt ist.

Für eine quellennahe Betrachtung ist gerade diese kosmische Dimension wichtiger als der Versuch, hinter der Geschichte ein reales historisches Hochwasser zu suchen. Es gibt keinen sicheren Beleg dafür, dass die Überlieferung um Bergelmir die Erinnerung an ein bestimmtes Naturereignis bewahrt. Der Mythos erklärt vielmehr grundlegende Verhältnisse innerhalb der Welt: die Herkunft der Gewässer, den Untergang der ersten Riesen und die Fortsetzung ihrer Abstammung.

Die Flut ist damit Teil einer Schöpfungserzählung, in der die Welt aus Gewalt und Verwandlung hervorgeht. Ymir verliert sein Leben, die alte Generation der Reifriesen geht weitgehend unter, und dennoch entstehen aus denselben Ereignissen Meer, Landschaft und neue genealogische Kontinuität. Bergelmir verkörpert dabei den Fortbestand des Lebendigen.

Gerade deshalb bleibt das Motiv so eindrucksvoll. Die Katastrophe vernichtet fast alles, erreicht aber keine vollständige Auslöschung. Eine alte Linie übersteht den Umbruch. Bergelmir und seine Frau tragen die Vergangenheit in eine Welt hinein, die aus den Überresten ihres eigenen Ahnherrn geschaffen wurde.

Die Flut aus Ymirs Blut ist somit weit mehr als eine dramatische Episode. Sie bildet eine der entscheidenden Übergangsszenen der nordischen Schöpfungsmythologie. In ihr treffen Tod, Welterschaffung, Untergang und Fortsetzung unmittelbar aufeinander. Bergelmir steht im Zentrum dieser Verbindung. Als Überlebender sorgt er dafür, dass aus dem Ende des ersten Riesengeschlechts kein endgültiger Abschluss wird, sondern der Beginn einer neuen Phase der Jötnar innerhalb der geordneten Welt.

Bergelmir und die Fortsetzung des Riesengeschlechts

Bergelmir nimmt innerhalb der nordischen Mythologie eine besondere Stellung ein, weil sein Überleben den Fortbestand eines der ältesten Geschlechter des Kosmos ermöglicht. Nach der Tötung Ymirs durch Odin und seine Brüder wird die ursprüngliche Welt grundlegend verändert. Das aus Ymirs Körper strömende Blut vernichtet einen großen Teil der frühen Reifriesen. Nur Bergelmir und seine Frau entkommen der Katastrophe. Damit bleibt eine genealogische Linie erhalten, deren Ursprung bis in die Zeit vor der Erschaffung der geordneten Welt zurückreicht. Die späteren Jötnar können dadurch als Fortsetzung jenes uralten Geschlechts verstanden werden, das bereits existierte, bevor Midgard, Asgard und die anderen Bereiche der Welt ihre spätere Form erhielten.

Die Abstammung führt über Thrudgelmir bis zu Aurgelmir beziehungsweise Ymir zurück. Bergelmir gehört somit unmittelbar zu einer der ältesten namentlich bekannten Generationen der Riesen. Diese Nähe zum Ursprung ist entscheidend, denn sie unterscheidet ihn von den zahlreichen Jötnar, die erst in späteren Erzählungen auftreten. Während Gestalten wie Hrungnir, Þrymr oder Vafþrúðnir bereits in einem geordneten Kosmos leben, reicht die Geschichte Bergelmirs in eine Zeit zurück, in der diese Ordnung noch nicht existiert.

Der Tod Ymirs schafft einen radikalen Bruch. Aus seinem Körper entstehen Erde, Meer, Berge und Himmel. Gleichzeitig geht ein großer Teil seiner Nachkommenschaft in der Blutflut unter. Die neue Welt entsteht damit auf den Überresten der alten. Bergelmir überlebt diesen Übergang und wird dadurch zum lebenden Bindeglied zwischen beiden kosmischen Phasen. Sein Fortbestehen zeigt, dass die Vergangenheit nicht vollständig ausgelöscht wird, sondern in veränderter Form in der neuen Ordnung weiterlebt.

Diese Kontinuität besitzt sowohl eine materielle als auch eine genealogische Seite. Materiell bleibt Ymir in der Welt erhalten, weil sein Körper zu Landschaft, Meer und Himmel wird. Genealogisch bleibt das Riesengeschlecht erhalten, weil Bergelmir und seine Frau die Katastrophe überstehen. Beide Vorgänge hängen eng zusammen. Die neue Welt besteht aus den Überresten des Urwesens, während seine Abstammung gleichzeitig in lebenden Nachkommen fortgeführt wird.

Gerade deshalb ist die Rolle Bergelmirs weit größer, als die geringe Zahl seiner eigenen Geschichten vermuten lässt. Er besitzt keine lange Reihe von Abenteuern und wird nicht als großer Kämpfer beschrieben. Auch besondere Waffen, magische Fähigkeiten oder Herrschaftsrechte werden ihm nicht ausdrücklich zugeschrieben. Seine Bedeutung liegt im Überleben selbst. Durch Bergelmir wird aus einer beinahe vollständigen Vernichtung kein endgültiges Ende.

Die mittelalterlichen Quellen liefern allerdings keinen vollständigen Stammbaum seiner Nachkommen. Es werden weder alle Kinder noch die folgenden Generationen namentlich genannt. Dennoch erklärt Snorri Sturluson, dass aus dem überlebenden Paar die späteren Geschlechter der Reifriesen hervorgehen. Bergelmir wird daher häufig als Stammvater der späteren Riesen bezeichnet. Diese Bezeichnung beschreibt seine genealogische Funktion, ohne vorauszusetzen, dass jede einzelne Verbindung zwischen ihm und bekannten Jötnar noch rekonstruiert werden kann.

Damit unterscheidet sich die nordische Überlieferung deutlich von modernen Fantasy-Welten, in denen genealogische Linien häufig vollständig ausgearbeitet werden. Die Eddas bewahren nur einzelne Verwandtschaftsangaben. Manche Gestalten besitzen klar benannte Eltern und Kinder, während andere ohne ausführliche Herkunft auftreten. Bei Bergelmir reicht die Aussage über sein Überleben aus, um die grundlegende Kontinuität des Riesengeschlechts zu erklären.

Die späteren Jötnar bilden dabei keineswegs eine einheitliche Gruppe. Manche treten als gefährliche Gegner der Götter auf, andere besitzen außergewöhnliches Wissen, und wieder andere sind durch Heirat oder Abstammung eng mit göttlichen Familien verbunden. Die Nachkommen Bergelmirs lassen sich deshalb nicht als ein Volk mit einer einzigen Aufgabe oder gemeinsamen politischen Führung verstehen. Das Riesengeschlecht entwickelt sich vielmehr in zahlreiche Linien und Einzelgestalten.

Auch eine Herrschaft Bergelmirs über alle späteren Riesen ist nicht überliefert. Er wird nicht als König bezeichnet und gründet nach den erhaltenen Quellen kein Reich. Ebenso gibt es keinen Bericht darüber, dass er Gesetze erlässt oder Jötunheim als politisches Zentrum errichtet. Seine Stellung ist älter und grundlegender. Bergelmir steht am Anfang der Fortsetzung eines Geschlechts, nicht an der Spitze eines eindeutig organisierten Staates.

Gerade diese Unterscheidung ist wichtig, weil moderne Darstellungen mythologische Stammväter häufig automatisch zu Herrschern machen. Im Fall von Bergelmir fehlt dafür eine sichere Grundlage. Seine Funktion ergibt sich aus Abstammung und Überleben. Dass spätere Riesen in unterschiedlichen Regionen leben und eigene Familien besitzen, spricht zusätzlich gegen die Vorstellung eines zentral regierten Riesengeschlechts.

Die Fortsetzung der alten Linie prägt dennoch die gesamte spätere Mythologie. Zahlreiche bekannte Geschichten wären ohne die Jötnar kaum denkbar. Thor kämpft gegen mächtige Riesen, Odin sucht Wissen bei weisen Angehörigen dieses Geschlechts, und verschiedene Götter gehen Beziehungen mit Riesinnen ein. Hinter diesen späteren Begegnungen steht eine Abstammung, die durch Bergelmir über die große Katastrophe hinweg bewahrt wurde.

Besonders interessant ist, dass die Riesen dadurch älter erscheinen als die von den Göttern geschaffene Weltordnung. Ihre Linie beginnt nicht erst innerhalb Jötunheims. Bergelmir existiert bereits vor der Gestaltung der Erde. Seine Nachkommen leben später zwar innerhalb des geordneten Kosmos, tragen aber eine Herkunft in sich, die in eine frühere Phase zurückreicht. Das Riesengeschlecht besitzt damit eine Vergangenheit, die älter ist als viele der Grenzen, die es später von Menschen und Göttern trennen.

Diese alte Herkunft erklärt teilweise die besondere Stellung der Jötnar. Sie befinden sich häufig außerhalb der geschützten Zentren der Welt, sind aber dennoch unverzichtbare Bestandteile des Kosmos. Sie können die Ordnung bedrohen, aber ebenso mit ihr verbunden sein. Bergelmir steht genealogisch hinter dieser dauerhaften Spannung. Durch sein Überleben bleibt eine Gruppe erhalten, die nicht erst durch die neue Ordnung hervorgebracht wurde.

Dabei darf die spätere Feindschaft zwischen manchen Göttern und Riesen nicht als unmittelbarer Racheauftrag Bergelmirs verstanden werden. Die Quellen berichten nichts davon, dass er den Tod Ymirs rächen wollte. Es gibt keinen überlieferten Schwur gegen Odin und keine Geschichte, in der er seine Nachkommen zu einem ewigen Krieg verpflichtet. Die späteren Konflikte besitzen jeweils eigene Ursachen und gehören zu einer komplexeren Beziehung zwischen beiden Gruppen.

Auch die genealogischen Verbindungen zeigen, dass eine einfache Feindschaft nicht ausreicht. Odin selbst besitzt über seine Mutter Bestla riesische Abstammung. Freyr verbindet sich mit Gerðr, und Skadi gelangt als Riesin in die Welt der Götter. Damit überschneiden sich göttliche und riesische Familienlinien immer wieder. Die Nachkommen Bergelmirs stehen nicht ausschließlich außerhalb der Welt der Asen, sondern werden teilweise mit ihr verwandt.

Gerade dadurch erhält der Fortbestand des Riesengeschlechts eine besonders interessante Funktion. Die alte Linie bleibt nicht einfach als isolierte Gegenwelt bestehen. Sie wird zu einem dauerhaften Bestandteil der gesamten mythologischen Ordnung. Kämpfe, Ehen, Bündnisse und Wissensaustausch verbinden Jötnar und Götter auf vielfältige Weise. Bergelmir sorgt genealogisch dafür, dass diese Beziehungen überhaupt eine Verbindung zur frühesten Schöpfungszeit besitzen.

Sein Überleben kann deshalb auch als Ausdruck einer grundlegenden Vorstellung verstanden werden: Große kosmische Veränderungen löschen die Vergangenheit nicht vollständig aus. Der Tod Ymirs verändert die Welt, aber die alte Ordnung bleibt in mehreren Formen erhalten. Die Landschaft besteht aus dem Urwesen, und das Riesengeschlecht lebt durch Bergelmir weiter. Die neue Welt trägt ihre eigene Vorgeschichte in sich.

Diese Vorstellung findet später eine gewisse Entsprechung in Ragnarök. Auch dort bedeutet die Zerstörung der bestehenden Ordnung nicht notwendigerweise das absolute Ende. Nach der Katastrophe erscheinen erneut Leben und Welt. Die nordischen Mythen kennen damit mehrfach das Motiv, dass Vernichtung und Fortsetzung eng miteinander verbunden sind. Bergelmir steht bereits am Anfang der kosmischen Geschichte für diesen Gedanken.

Trotzdem wäre es zu weitgehend, aus seiner Geschichte eine vollständig ausgearbeitete Lehre von ewigen Weltzyklen abzuleiten. Die Quellen formulieren keine systematische Philosophie, in der jede Katastrophe nach demselben Muster abläuft. Sicher ist lediglich, dass Bergelmir die erste große Zäsur übersteht und dadurch eine Abstammung fortsetzt, die beinahe ausgelöscht worden wäre.

Die Frau Bergelmirs ist dabei unverzichtbar. Auch wenn ihr Name nicht überliefert ist, bildet sie mit ihm das Paar, von dem die nachfolgenden Generationen ausgehen können. Die Kontinuität des Riesengeschlechts hängt daher nicht allein an einem einzelnen männlichen Überlebenden. Die mittelalterliche Erzählung nennt ausdrücklich beide. Dadurch wird die Fortpflanzung nach der Katastrophe innerhalb der mythologischen Logik nachvollziehbar.

Wie das Leben des Paares danach aussah, bleibt offen. Die Quellen berichten nicht, wie viele Kinder sie hatten, wie lange sie lebten oder wo genau ihre ersten Nachkommen geboren wurden. Auch die Entstehung einzelner späterer Riesenfamilien wird nicht direkt an Bergelmir angeschlossen. Diese Lücken sind Teil der Überlieferung und sollten nicht mit erfundenen Einzelheiten gefüllt werden.

Gerade die wenigen sicheren Angaben reichen jedoch aus, um seine Bedeutung zu erkennen. Bergelmir verbindet Ursprung, Katastrophe und Fortsetzung. Er stammt aus der ältesten Riesengenealogie, überlebt den Untergang seiner Generation und trägt die Linie in die neue Welt. Seine Geschichte besitzt damit eine strukturelle Bedeutung, die weit über seine persönliche Präsenz in den Quellen hinausgeht.

Die späteren Jötnar führen diese Linie in unterschiedlichsten Formen weiter. Einige werden zu Gegnern Thors, andere zu Partnern von Göttern oder zu Trägern uralten Wissens. Sie leben innerhalb einer Welt, die aus Ymir geschaffen wurde, und stammen zugleich von einem Geschlecht ab, das vor dieser Welt existierte. Bergelmir steht zwischen diesen beiden Ebenen und macht ihre Verbindung sichtbar.

Deshalb kann seine Rolle nicht allein als die eines zufälligen Überlebenden verstanden werden. Innerhalb der Schöpfungsüberlieferung löst sein Fortbestehen eine entscheidende genealogische Frage. Warum existieren später noch Riesen, obwohl die frühe Generation in Ymirs Blut untergeht? Die Antwort liegt in Bergelmir und seiner Frau. Ihre Rettung schafft die Kontinuität zwischen den verschiedenen Zeitaltern.

Gerade diese Kontinuität verleiht dem Riesengeschlecht seine besondere Tiefe. Die späteren Jötnar sind nicht nur Gegner oder Nebenfiguren der Göttergeschichten. Sie tragen einen Ursprung in sich, der bis vor die Gestaltung des Kosmos reicht. Bergelmir bildet den zentralen Übergang, durch den diese uralte Herkunft nach der Katastrophe nicht verloren geht.

So wird aus seinem Überleben mehr als eine einzelne Episode. Bergelmir steht für den Fortbestand einer Welt, die eigentlich untergehen sollte. Er bewahrt keine alte Ordnung in unveränderter Form, sondern trägt ihre Abstammung in eine neue Wirklichkeit. Die Riesen leben danach unter anderen Bedingungen, in anderen Räumen und in neuen Generationen weiter. Trotzdem bleibt ihre Verbindung zu Ymir erhalten.

Damit bildet Bergelmir den entscheidenden Schlussstein zwischen der Geschichte der ersten Reifriesen und der Welt der späteren Jötnar. Die Flut beendet eine Generation, aber nicht das Geschlecht. Die neue kosmische Ordnung entsteht, doch die Vergangenheit bleibt lebendig. Durch Bergelmir wird aus dem Untergang der frühen Riesen kein endgültiges Ende, sondern der Beginn einer langen Fortsetzung innerhalb der nordischen Mythologie.

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Quellen

Die Lieder-Edda: Vafþrúðnismál, besonders Strophen 29 und 35. Hier werden Bergelmirs Abstammung von Þrúðgelmir und Aurgelmir sowie seine Verbindung mit der rätselhaften lúðr überliefert.

Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Gylfaginning, besonders Kapitel VII–VIII. Zentrale Quelle für die Tötung Ymirs, die Flut aus seinem Blut, die Rettung Bergelmirs und seiner Frau sowie die Fortsetzung der Riesengeschlechter.

Simek, Rudolf: A Dictionary of Northern Mythology. Übersetzt von Angela Hall. D. S. Brewer, Cambridge/Rochester, 1993. Standardwerk zur germanischen und nordischen Mythologie.

Lindow, John: Norse Mythology: A Guide to Gods, Heroes, Rituals, and Beliefs. Oxford University Press, Oxford/New York. Standardwerk zur Einordnung der nordischen Götter-, Riesen- und Schöpfungsüberlieferungen.

Orchard, Andy: Dictionary of Norse Myth and Legend. Cassell, London, 1997. Nachschlagewerk zu Gestalten, Begriffen und Überlieferungen der nordischen Mythologie.

Cleasby, Richard; Vigfusson, Gudbrand: An Icelandic-English Dictionary. Oxford, 1874. Sprachgeschichtliches Wörterbuch zur Einordnung altnordischer Begriffe wie lúðr.

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