ᛇ Eihwaz – Die Rune der Weltenachse, des Schutzes und der inneren Wandlung
Mit der Rune ᛇ Eihwaz betreten wir keinen sanften Garten voller Blüten, sondern den Stamm eines alten
Weltenbaums. Eihwaz ist kein leichtes Zeichen. Sie ist die Rune der Achse, auf der die Welten ruhen, der
Prüfung und des Übergangs, der Verbindung von Leben und Tod. In ihr verdichtet sich die Erfahrung,
dass Wachstum nicht nur aus Licht und Wärme besteht, sondern auch aus Dunkelheit, Durchhalten und Konfrontation mit dem,
was wir am liebsten vermeiden würden.
Im Nordwaldpfad-Sinn ist Eihwaz eine Rune für Menschen, die bereit sind, tiefer zu gehen. Sie will nicht bloß beruhigen,
sie will stärken. Eihwaz konfrontiert uns mit dem Bild des Weltenbaums Yggdrasil, dessen Wurzeln in die
Unterwelt reichen, dessen Stamm Welten verbindet und dessen Krone in den Himmel ragt. Zwischen diesen Bereichen verläuft
ein unsichtbarer Strom von Kräften, Prüfungen und Wandlungsprozessen – und genau dort verortet sich diese Rune.
Wer mit Eihwaz arbeitet, bewegt sich entlang einer imaginären vertikalen Linie: unten die Tiefen des Unbewussten,
oben die Sphären von Erkenntnis und Klarheit. Dazwischen: das Leben mit all seinen Herausforderungen. Eihwaz sagt nicht:
„Alles wird leicht.“ Sie sagt: „Du kannst wachsen, gerade weil es nicht leicht ist.“ In diesem Beitrag erkunden wir
Geschichte, Symbolik und praktische Anwendung der Eihwaz-Rune – und verbinden sie mit dem, was der Nordwaldpfad sein
möchte: ein Weg durch Runen, Natur und innere Reife.
Name, Lautwert und Stellung im Älteren Futhark
Eihwaz gehört zum Älteren Futhark, dem 24-Runen-System der germanischen Eisenzeit. Ihr Name wird häufig
mit „Ei(w)az“, „Ēoh“ oder „Eoh“ rekonstruiert und in Verbindung gebracht mit
Eibe oder Baum. Die Eibe ist ein besonderes Gewächs: giftig, langlebig, immergrün und
in vielen Kulturen mit Tod, Übergang und Unsterblichkeit verknüpft. Diese Assoziationen fließen tief in das Wesen dieser
Rune ein.
Der Lautwert von Eihwaz wird im Älteren Futhark meist als ein Laut im Bereich von „ï/ei“ oder einem
Übergangslaut rekonstruiert. Wichtig ist weniger die exakte phonetische Rekonstruktion als das Symbolfeld: etwas,
das weder nur klar hell noch nur dunkel ist, sondern eine Art Zwischenklang – wie die Rune selbst, die zwischen den
Welten steht.
Grafisch erscheint Eihwaz in modernen Darstellungen oft als senkrechter Strich mit zwei entgegengesetzten Haken oder
diagonalen Ausläufern, ein wenig wie eine stilisierte Achse mit Abzweigungen. Historische Inschriften zeigen
Varianten, die an eine vertikale Struktur erinnern, an Stamm oder Stab. In der Runenreihe nimmt Eihwaz
eine Position ein, die Übergänge markiert: Sie folgt auf Runen, die stärker mit äußeren Kräften assoziiert werden, und
führt hin zu inneren Prozessen von Prüfung und Festigung.
Symbolik von Eihwaz – Achse der Welten, Baum und Übergang
Im Zentrum der Eihwaz-Symbolik steht der Baum – und mit ihm die Vorstellung einer Weltenachse.
In der nordischen Mythologie ist dies vor allem Yggdrasil, der Weltenbaum, der Himmel, Erde und Unterwelt verbindet.
Eihwaz kann als runische Verdichtung dieser Achsenkraft verstanden werden: Sie steht für den Kanal, durch den
Lebenskräfte, Prüfungen, Informationen und Wandlungsimpulse zwischen den Ebenen fließen.
Die Rune ist eng mit Begriffen wie Schutz, Standhaftigkeit und
Durchhaltevermögen verknüpft. Schutz bedeutet hier jedoch nicht, dass uns nie etwas Schwieriges
begegnet. Vielmehr verweist Eihwaz auf eine tiefere Art von Schutz: die Fähigkeit, trotz Druck, Angriff oder
Unsicherheit innerlich aufrecht zu bleiben. Wie ein Baum, der Stürmen trotzt, nicht indem er starr ist, sondern indem
er zugleich tief verwurzelt und beweglich bleibt.
Eihwaz ist auch eine Rune des Übergangs. In vielen Traditionen wird die Eibe, mit der die Rune oft
assoziiert wird, mit Tod, Friedhöfen und Schwellenorten in Verbindung gebracht. Doch hier geht es nicht um romantisierte
Dunkelheit – sondern um die nüchterne Einsicht, dass jede tiefgreifende Wandlung durch einen Prozess der
„kleinen Tode“ führt: alte Identitäten, Gewohnheiten, Überzeugungen sterben ab, damit Neues entstehen kann. Eihwaz
begleitet uns genau in diesen Schwellenmomenten.
Mythologischer und kultureller Hintergrund
Der konkrete Name „Eihwaz“ taucht als solcher in den überlieferten Runenliedern des jüngeren Futhorc nicht in
genau derselben Form auf, doch die mit der Rune verbundenen Motive – Baum, Eibe, Achse, Tod und Schutz –
haben deutliche Wurzeln in der germanischen Kultur und Mythologie. Die Eibe war ein Baum, der aufgrund seiner Giftigkeit
und Lebensdauer besondere Aufmerksamkeit erhielt. Manche Waffen wurden angeblich aus Eibenholz gefertigt, und
Eiben standen oft an liminalen Orten, etwa in der Nähe von Gräbern.
Der Weltenbaum Yggdrasil, wie er in den altnordischen Quellen erscheint, ist zwar meist als Esche beschrieben,
doch symbolisch ist entscheidend, dass er als kosmische Säule fungiert. An seinen Wurzeln nagen Kräfte,
an seinem Stamm finden Kämpfe statt, in seinen Ästen sitzen Wesen aus vielen Ebenen. Durch ihn sind die Sphären
miteinander verbunden. Eihwaz kann als Runenform dieses Weltenbaums gelesen werden: eine Verbindungslinie zwischen
oben und unten, begleitet von Prüfungen, aber auch von Schutz.
In einer vorindustriellen Welt, in der die Menschen sich viel unmittelbarer als Teil eines lebendigen Kosmos
empfanden, hatten Bäume einen besonderen Status als Mittler zwischen den Bereichen. Eihwaz führt dieses Erfahrungswissen
in eine Verdichtung, die auch in der heutigen Zeit noch berührbar ist: Wer sich im Wald an den Stamm eines alten
Baumes lehnt, spürt häufig eine andere Qualität von Zeit und Präsenz. Genau diese Erfahrung spiegelt sich in der
Rune wider.
Psychologische Dimension – Prüfung, Standhaftigkeit und innere Reife
Psychologisch spricht Eihwaz die Themen Prüfung, Krise und Reifung an. Sie erscheint häufig in
Phasen, in denen wir nicht „mal eben“ eine kleine Korrektur vornehmen, sondern in denen es um grundlegende
Weichenstellungen geht. Das können Lebenskrisen sein, tiefgreifende Wandlungsprozesse, Konfrontationen mit Schattenaspekten
oder Situationen, in denen alte Muster endgültig nicht mehr funktionieren.
Eihwaz erinnert uns daran, dass echte Stabilität nicht aus Vermeidung von Schwierigkeiten entsteht, sondern aus der
Fähigkeit, mit ihnen zu sein und durch sie hindurchzugehen. Sie steht für eine Form von innerem Rückgrat,
das nicht mit Härte verwechselt werden sollte. Stattdessen geht es um Klarheit, Ausrichtung und Vertrauen in den
eigenen Weg – selbst dann, wenn der äußere Boden zu wanken scheint.
Gleichzeitig hat Eihwaz eine stark transformative Komponente. Sie signalisiert, dass die Herausforderungen,
denen wir begegnen, nicht zufällig sind, sondern Teil eines größeren Reifungsprozesses. Oft taucht die Rune an
Schwellen auf, etwa an Übergängen zwischen Lebensphasen, beim Abschließen alter Beziehungen oder beim Loslassen
von Identitäten, die einmal sinnvoll waren, nun aber nicht mehr tragen. Eihwaz lädt dazu ein, diese Übergänge
bewusst zu durchschreiten, statt sich in Zwischenräumen zu verlieren.
Eihwaz in Orakel und Runenlegen
In der orakelnden Runenarbeit wird Eihwaz häufig als Hinweis auf anstehende oder aktuelle Prüfungen
gedeutet, die aber eine schutzvolle Dimension haben. Sie kann anzeigen, dass bestimmte Schwierigkeiten
nicht als Strafe, sondern als notwendige Trainingsstrecke für innere Stärke zu verstehen sind. Wer Eihwaz in einer
Legung zieht, steht oft nicht am Anfang eines Prozesses, sondern mittendrin.
Positiv kann die Rune darauf verweisen, dass eine Person über große innere Widerstandskraft verfügt und in der Lage
ist, aufrecht durch herausfordernde Zeiten zu gehen. Gleichzeitig erinnert sie daran, sich nicht in
bloßem Aushalten zu verlieren, sondern den tieferen Sinn der Situation zu erkunden: Was will hier reifen?
Was soll endgültig verabschiedet werden? Wo ruft das Leben zu einer klaren Ausrichtung?
In negativen oder blockierten Kontexten kann Eihwaz darauf hinweisen, dass jemand sich in einer Art
„Dauerprüfungsmodus“ festgefressen hat – vielleicht in der Überzeugung, immer kämpfen zu müssen, oder in einer
ständigen Alarmbereitschaft. Dann lädt die Rune ein, die eigenen Grenzen zu prüfen und zu erkennen, dass Schutz
nicht nur darin besteht, Stärke zu zeigen, sondern auch darin, rechtzeitig Unterstützung zu suchen und den eigenen
Weg nicht allein tragen zu wollen.
Meditation und innere Reise mit Eihwaz
Für die Meditation eignet sich Eihwaz besonders gut, wenn es darum geht, sich mit der eigenen inneren
Achse zu verbinden. Eine einfache Übung besteht darin, sich aufrecht hinzusetzen und sich die Wirbelsäule als
lebendigen Stamm vorzustellen: unten verwurzelt, oben offen zum Himmel. Die Rune Eihwaz kann dann innerlich entlang
dieser Achse visualisiert werden – als leuchtendes Zeichen, das die Verbindung zwischen den Ebenen stärkt.
In einer anderen Übung kann man sich den Weltenbaum vorstellen und sich selbst an seinem Stamm lehnen. Unter einem
geschlossenen inneren Augenbild lassen sich dabei drei Ebenen erspüren: die Wurzeln (Vergangenheit, Schatten, Ahnen,
Unbewusstes), den Stamm (Gegenwart, Körper, Alltag) und die Krone (Vision, Geist, Inspiration). Eihwaz dient hier als
runisches Siegel, das diese Ebenen miteinander verbindet und uns daran erinnert, dass wir immer zugleich auf allen
dreien existieren.
Wer sich intensiver auf innere Reisen einlässt, kann Eihwaz nutzen, um bewusst Schwellen zu markieren: vor und nach
wichtigen Entscheidungen, vor Übergängen, die Angst machen, oder nach Erlebnissen, die etwas Altes beenden.
Die Rune hilft dann, nicht einfach „hinübergespült“ zu werden, sondern den Übergang als bewussten Akt innerer
Wandlung zu erleben.
Ritualarbeit – Schutz, Übergänge und der Weltenbaum
In Ritualen wird Eihwaz oft mit Schutz, Reinigung und Übergangsthemen verbunden. Ein traditioneller Zugang
besteht darin, die Rune als Schutzzeichen an symbolischen Schwellen anzubringen – etwa an Türen, Grenzen
oder in der Nähe von Schlafplätzen. Im Nordwaldpfad-Sinn sollte Schutz jedoch niemals mit Angriff oder Abgrenzungswut
verwechselt werden. Eihwaz steht vielmehr für einen klaren, ruhigen Schutz: „Bis hierher und nicht weiter.“
Rituale der Lebensübergänge – vom Abschiednehmen über Trauerprozesse bis hin zu Initiationen in neue Rollen – können
durch Eihwaz unterstützt werden. Sie kann beispielsweise in Holz geritzt, in Erde gelegt oder mit Fingerfarbe
auf Steine gezeichnet werden, die dann an einem besonderen Ort im Wald verbleiben. So entsteht eine
runische Verankerung des Übergangs im eigenen Inneren und im Raum, den man als heilig empfindet.
Wer mit dem Motiv des Weltenbaums arbeitet, kann Eihwaz in Jahreskreisrituale integrieren. Während manche Runen eher
Frühling oder Sommer verkörpern, passt Eihwaz gut in Herbst- und Winterrituale, in denen es um Abschied,
Rückzug, Innenschau und Stillwerden geht. In dieser Zeit zeigt sich die Kraft der Rune besonders deutlich:
Wenn außen wenig sichtbar wächst, entscheidet sich, wie tief die Wurzeln verzichten, aushalten und vertrauen
können.
Eihwaz im Alltag – gelebte Standhaftigkeit
Auch jenseits von Ritualen kann Eihwaz im Alltag wirksam sein. Sie eignet sich gut als Begleiterin in schwierigen
Phasen, in denen Durchhalten, Struktur und Klarheit gefragt sind. Ein kleiner Anhänger, ein gezeichneter Zettel
im Portemonnaie oder eine eingeritzte Rune auf einem Stück Holz in der Jackentasche können daran erinnern, die eigene
innere Achse nicht zu verlieren.
Eine praktische Übung besteht darin, sich bei stressigen Situationen aufrecht hinzustellen, einen tiefen Atemzug zu
nehmen und innerlich die Rune Eihwaz von unten nach oben durch den Körper wandern zu lassen – wie eine leuchtende
Linie, die vom Becken über das Herz bis zum Scheitel verläuft. Diese Visualisierung unterstützt das Gefühl, trotz
äußerer Belastung innerlich „aufgerichtet“ zu sein, statt in sich zusammenzusacken.
Im zwischenmenschlichen Bereich kann Eihwaz helfen, klare Grenzen zu halten, ohne aggressiv zu werden.
Sie erinnert uns: Schutz bedeutet nicht, Mauern zu errichten, sondern bewusst zu wählen, was in unser Feld gelangen
darf und was nicht. Wer dazu neigt, sich ständig für andere aufzuopfern, kann mit Eihwaz üben, sich auf die eigene
Achse zurückzubesinnen und Entscheidungen zu treffen, die der eigenen inneren Wahrheit entsprechen.
Kombinationen mit anderen Runen
In Kombination mit anderen Runen entfaltet Eihwaz weitere Nuancen. Zusammen mit Uruz etwa betont sie
rohe Lebenskraft, die durch Prüfung zur Stärke reift. Hier geht es nicht nur um Power, sondern um Kraft,
die durch Herausforderungen hindurch geschmiedet wurde – ähnlich wie ein Metall, das im Feuer gehärtet wird.
In Verbindung mit Hagalaz kann Eihwaz darauf hinweisen, dass heftige Umbrüche und Krisen Teil eines
größeren Reifungsprozesses sind. Hagalaz steht für Sturm und Unwetter, Eihwaz für den Baum, der im Sturm lernen muss,
tiefer zu wurzeln. Diese Kombination ruft dazu auf, sich nicht vom Chaos bestimmen zu lassen, sondern im eigenen
Kern zu bleiben.
Gemeinsam mit Algiz zeigt Eihwaz eine Verstärkung der Schutzqualitäten an. Während Algiz eher für eine
schützende, empfangende Haltung steht, die wie ein geweitetes Bewusstsein wirkt, bringt Eihwaz die Komponente der
inneren Achse hinzu: „Ich stehe, auch wenn Stürme toben.“ Zusammen bilden sie ein starkes Feld, in dem Schutz, Klarheit
und Standfestigkeit sich gegenseitig ergänzen.
In Kombination mit Raidho spricht Eihwaz von einer Reise der Reifung, die nicht nur äußerlich,
sondern vor allem innerlich verläuft. Hier geht es um Wege, die durch Prüfungen hindurchführen und die Reisende dazu
zwingen, sich immer wieder neu auszurichten. Solche Legungen sind oft Hinweise auf längere Prozesse von Heilung,
Berufung oder bewusster Lebensgestaltung.
Schattenseiten und Herausforderungen von Eihwaz
Obwohl Eihwaz oft als Schutzrune angesehen wird, bringt sie auch Herausforderungen mit sich. Eine
Schattenseite kann in einer übersteigerten Härte liegen: Wer diese Rune missversteht, kann versuchen,
allen Gefühlen durch bloße Willenskraft zu begegnen und sich innerlich abzuriegeln. Dann wird aus Standhaftigkeit
Starrheit, aus Schutz ein unnachgiebiger Panzer.
Eine andere Fallgrube besteht in der Tendenz, sich in Prüfungen zu verlieren. Manche Menschen leben unbewusst nach
dem Muster, dass alles mühsam und schwer sein müsse, um „wertvoll“ zu sein. Eihwaz kann solche Muster spiegeln –
und gleichzeitig einladen, aus dem Endloszyklus von Dauerprüfung auszusteigen. Schutz bedeutet nicht, das Leben zu
einem ständigen Kampfplatz zu machen, sondern passende Herausforderungen anzunehmen und unnötige Belastungen loszulassen.
Schließlich kann Eihwaz darauf hinweisen, dass wir uns zu sehr in der vertikalen Achse – in Ernst, Tiefe, Pflicht –
verfangen haben und Aspekte von Leichtigkeit, Spiel und Freude vernachlässigen. In diesem Fall erinnert die Rune daran,
dass selbst der Weltenbaum nicht nur Last trägt, sondern auch Lebensraum für unzählige Wesen ist, in dessen Ästen
Vögel singen und dessen Krone Licht filtert. Die Aufgabe besteht darin, Tiefe mit Lebendigkeit zu verbinden.
Eihwaz und Naturerfahrung – mit Bäumen arbeiten
Ein besonders stimmiger Zugang zu Eihwaz führt über die direkte Begegnung mit Bäumen. Wer sich Zeit nimmt,
im Wald einen alten Baum zu suchen, sich an seinen Stamm zu lehnen und einige Minuten lang nur zu atmen, kann etwas
von der ruhigen, tragenden Qualität dieser Rune spüren. Der Baum steht – durch Jahre und Stürme hindurch –, ohne sich
täglich zu fragen, ob er „gut genug“ ist. Er ist einfach.
Wer mag, kann in der Natur einen Baum auswählen, der als persönlicher „Eihwaz-Baum“ dient. Dieser Baum muss nicht
unbedingt eine Eibe sein; es geht mehr um das Gefühl von Standfestigkeit und alter Präsenz. Man kann diesen Baum
regelmäßig aufsuchen, in stiller Verbindung bei ihm sitzen und Eihwaz innerlich visualisieren. So entsteht eine
lebendige Beziehung zwischen der Rune, dem Baum und dem eigenen inneren Weg.
Bei aller Liebe zu Symbolik ist es wichtig, respektvoll mit der Natur umzugehen. Runen in lebende Bäume zu ritzen
sollte, wenn überhaupt, sehr bewusst und verantwortungsvoll geschehen – oder besser vermieden werden. Stattdessen
lassen sich Runen in bereits gefallene Stämme ritzen, aus Steinen legen oder als temporäre Zeichen (z. B. mit
Kreide) anbringen, die wieder verschwinden. Eihwaz ruft zur Bewahrung, nicht zur Verletzung.
Praktische Übungen mit Eihwaz
Um Eihwaz tief in dein Erleben zu integrieren, können einfache, wiederkehrende Übungen hilfreich sein. Eine solche
Praxis ist das „Achsentagebuch“: Notiere regelmäßig Situationen, in denen du dich aufgerichtet gefühlt
hast – und ebenso Momente, in denen du innerlich eingeknickt bist. Markiere die Einträge mit einem kleinen
Eihwaz-Zeichen. Mit der Zeit erkennst du Muster: Was stärkt deine Achse, was schwächt sie?
Eine weitere Übung besteht darin, einen persönlichen Schutzraum mit Eihwaz zu gestalten. Das kann ein
physischer Ort sein – ein Platz im Zimmer, im Garten oder im Wald – an dem du bewusst die Rune platzierst. Dieser
Ort dient als Rückzugsraum, wenn das Leben laut wird. Immer wenn du dort verweilst, kannst du dir vorstellen, wie
Eihwaz als Achse in dir aufleuchtet und sich mit der Umgebung verbindet.
Für Menschen, die an Übergängen stehen, kann ein Übergangsritual mit Eihwaz hilfreich sein. Schreibe auf,
was du hinter dir lassen möchtest: alte Rollen, Ängste, Verstrickungen. Zeichne Eihwaz über diese Worte, vielleicht
mehrfach, und entscheide dann bewusst, wie du dieses Papier verabschiedest – durch Verbrennen (in einer sicheren
Umgebung), Vergraben oder Auflösen im Wasser. Der Akt wird so zu einer Verkörperung des inneren Prozesses.
Der persönliche Weg mit Eihwaz – vom Aushalten zum bewussten Stand
Im Nordwaldpfad-Verständnis ist Eihwaz eine Rune für Menschen, die bereit sind, nicht nur zu überleben, sondern
bewusst zu leben. Sie ist keine Einladung zu heroischem Dauerleiden, sondern zu einem reifen, klaren Umgang mit
den eigenen Herausforderungen. Eihwaz fragt: „Wofür bist du bereit zu stehen?“ – nicht nur gegen etwas, sondern auch
für etwas.
Auf dem Lebensweg kann Eihwaz immer wieder an Weggabelungen auftauchen: bei beruflichen Entscheidungen, in
Beziehungen, in Momenten innerer Wahrheit. Die Rune ruft dazu auf, sich auf die eigene Achse auszurichten, auch wenn
äußere Erwartungen, alte Muster oder Ängste dagegen sprechen. Wer diesem Ruf folgt, erlebt oft eine Mischung aus
Unsicherheit und tiefem innerem Frieden – ein Zeichen dafür, dass man seinen authentischen Weg betritt.
Eihwaz möchte, dass wir verwurzelt und offen zugleich sind: mit beiden Füßen auf der Erde, mit einem
wachen Herzen und einem klaren Blick nach oben. Sie erinnert uns daran, dass Schutz nicht im Rückzug ins Nichts
besteht, sondern im mutigen, bewussten Dasein. Wer mit ihr arbeitet, kann nach und nach erleben, wie sich aus
brüchiger Härte eine echte, stille Stärke formt.
Fazit – Eihwaz als Rune der tiefen inneren Achse
Eihwaz ist eine der Runen, die sich nicht mit einem schnellen Schlagwort erfassen lässt. Sie ist komplex, tief und
fordert uns heraus. In ihr vereinen sich die Bilder von Baum, Eibe, Weltenachse, Schutz und Prüfung. Sie steht für
Übergänge, in denen alte Formen sterben und neue Gestalten noch nicht vollständig sichtbar sind. Sie begleitet uns,
wenn wir zwischen Welten stehen – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen alter Identität und neuem Selbst.
Wer Eihwaz auf dem Nordwaldpfad begegnet, begegnet einem Spiegel für die eigene innere Achse: Wie aufrecht bist du
in dir selbst? Wie tief reichen deine Wurzeln – in Körper, Geschichte, Ahnen, Erde? Wie weit darf deine Krone
wachsen – in Inspiration, Klarheit, Vision? Eihwaz lädt dazu ein, diese Fragen nicht nur mental zu betrachten,
sondern sie zu verkörpern.
Am Ende steht keine perfekte Definition, sondern eine Erfahrung: das Gefühl, inmitten von Wandel nicht verloren zu
sein, sondern gehalten. Eihwaz ist die Rune, die flüstert: „Du bist die Achse deines eigenen Lebens. Verwurzele dich,
richte dich auf – und lass den Weg sich zeigen.“
Quellen & weiterführende Literatur
Die folgenden Hinweise dienen als weiterführende Inspiration zu Runen, germanischer Kulturgeschichte und moderner
Runenarbeit. Sie wurden nicht wörtlich zitiert, sondern als Hintergrundwissen genutzt:
-
Klaus Düwel: Runenkunde. Grundlagenwerk zur Geschichte, Form und Deutung der Runeninschriften im
germanischen Raum. -
Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. Überblick zu Göttern, Symbolen, Mythen und
kulturhistorischem Kontext Nordeuropas. -
Mindy MacLeod & Bernard Mees: Runic Amulets and Magic Objects. Studie zur magischen und
kultischen Verwendung von Runen und runentragenden Objekten. -
Allgemeine sprachwissenschaftliche und archäologische Fachliteratur zum Älteren Futhark, zur Symbolik
von Bäumen und Weltenbäumen sowie zur religiösen Vorstellungswelt der germanischen Eisenzeit.